Ein Teilnehmer berichtet über ein Seminar, das nicht nur die Stimme zum Vibrieren bringt.
Endlich mal Ruhe! Es ist Sonntagvormittag, 11:25 Uhr. Draußen trällert kunstvoll eine Amsel. Drinnen, in einem ordentlich großen Raum der Bundesakademie für musikalische Jugendbildung sitzen wir in der Runde und werden gleich Rückmeldung geben.
„Schön war´s“ sagt Günter, ein baumlanger Polizeitrainer mit Hang zur Bühnenshow, satter Baßstimme und manchmal etwas vorlaut, aber immer in Bewegung und immer mit Humor. Er singt viel und leitet selber einen Chor. Gisela hatte schon Luft geholt – sie ist das, was man sich unter einer flotten, jung gebliebenen und sehr resoluten Rentnerin Anfang 70 vorstellt. Vor allem ist sie ziemlich furchtlos. Einer wie ihr nimmt man die Wurst nicht so leicht vom Brot. Deshalb erfährt Günter umgehend, dass das gerade ihre Worte werden sollten und sie schon Luft geholt hatte. Also dann wenigstens alle zusammen. Das klappt sofort: „Schön war´s“ findet die komplette Runde.
Spontanität und Neugier
Ich sitze mit drin und war gerade mit dem Rätsel beschäftigt, wie es möglich ist, dass derart unterschiedliche Menschen wie zum Beispiel Gisela und Günter, kurz: eine Schar von 25 Menschen aller Alters-, Berufs- und Lebenslagen, mit sehr unterschiedlichen Gesangs- oder auch Chorleitererfahrungen, manche Neue, dabei und einige schon zum zehnten Mal oder noch öfter, so unisono Spaß daran haben konnten, als Spontan-Chor eine Musik zu singen, die für manche weitgehend neu, für andere schon vertraut war: Jazz! Und das hieß hier vor allem Swing.
Ein entscheidender Grund dafür, dass so etwas gelingt, sitzt mir gegenüber und empfängt gerade dieses Unisono-Lob mit leicht zusammengekniffenen Augen und einem jetzt noch etwas breiteren Lächeln. Er lächelt auch sonst gerne, in den letzten fünf Tagen seit Dienstagmittag auch viel, aber in unterschiedlichen Breitegraden. Claus Letter heißt er, gebürtiger Rheinländer. Ein äußerlich zunächst eher ruhiger Mensch, schlank mit schmalem Gesicht, zurückhaltend, beobachtend und meist freundlich zugewandt. Kaum ist die Runde vollständig angekommen, kommt sie bei Claus an: Schon die Begrüßung beginnt mit Wippen: schulterbreiter Stand, die Fersen nach außen, die Knien niemals durchdrücken, sondern leicht federnd und die Arme schwingen lassen, leicht vor und zurück. Dabei wird geschwungen, gependelt, dann gesummt, gekaut, dann die ersten Töne mit Kennenlerneffekt: zunächst etwas vertrackt, auf jemand zuzugehen und sich dabei im Rhythmus improvisierend irgendwie vorzustellen. Da muss man durch und das geht für manche nur mit Mut, Zuversicht und freundlichem Wohlwollen allerseits. Damit ist schon ein wichtiger Teil des Abenteuers angedeutet. Gleich folgen verschärfte Übungen, die dann schon ein bißchen nach Swing klingen: „daduuuda, daduuuda, daduuudaduuudaduuuuda! Und noch einmal, und zwar genau so, wie ich vormache“, klingt eine typisch Anweisung von Claus.
Alle geben sofort ihr Bestes, wippen mehr oder weniger gekonnt, versuchen sich beharrlich an der Lautfolge und Claus macht die ersten seiner später unzähligen Runden, bleibt mal in der Mitte stehen und dann wählt er eine erste Sektion aus dem Kreis und gibt eine etwas andere Laut- und/oder Tonfolge aus. Schon die erste Runde lüftet den vielleicht zentralen Teil des Rätsels: Alle machen das Gleiche, wenn es um Schwingung, um Hören, um Aufnehmen, um Töne formen geht, aber jeder hat seine eigene Stimme, seinen eigenen Klangkörper. Das zusammen zu bringen zu einem Gemeinsamen: Das ist die besondere Kunst jedes guten Chorleiters. Claus Letter ist unter den sehr guten ein Besonderer.
Hervorragende Dozenten
Dafür, dass der Kurs mit Spaß und frappierender Effektivität funktioniert, gibt es neben Claus Letter noch einen weiteren erstaunlichen Menschen: Gregor Kissling! Was er in den Tagen beiträgt und leistet, ist meist ebenso unauffällig wie unfassbar. Sichtbar hauptsächlich, wenn er mit einer stattlichen Sambatrommel umherläuft und dezent wie höchst präzise leichte Rythmen produziert, denen keiner widerstehen kann. Er macht die Schwingung, die Claus Letter braucht, geradezu unvermeidlich. Später am Flügel bringt er es fertig, über Stunden in jeder Sekunde sofort genau das anzuspielen, Ton zu geben, Akkorde zu setzen, was in der Sekunde gebraucht wird. Während Claus in der Runde Details beschreibt, Wiederholungen ansetzt, geübte Phrasen der Stimmgruppen zusammenbaut – was immer er gerade tut, Gregor ist in Vollzeit absolut auf seiner Höhe und bringt immer genau das Richtige dazu. Diese Fähigkeit, seinem „Chef“ in jedem Moment zuzuarbeiten, macht einen ganz großen Teil des Gesamtkunstwerkes „Vocal Jazz im Chor“ aus. Ein perfektes Duo. Die Tage beschleunigen. Fünf Stücke hatten wir gleich am Dienstag in Angriff genommen: Swing, Swing, auch mal Samba, eine Ballade. Musik der letzten Jahrzehnte. Gershwin, Shaw, Young und andere. Vielleicht nicht die neuesten Moden, eher Klassiker mit hohem Wiedererkennungswert und durchweg auch anspruchsvoll gesetzt. Die Runde macht rasante Fortschritte. Abends, wenn nicht noch Probe oder danach, wird’s gesellig. Die Akademie, eine beeindruckende Anlage mit vielerlei Räumen aller Größen und lebhaftem Betrieb, wird zum Kontaktmarkt der verschiedenen Gruppen, die sich hier begegnen: Angehende oder erfahrene Chorleiter, Sänger, Musiker, Menschen, denen Musik in ihrem Leben wichtig genug ist, in der Freizeit hierher zu kommen und sich vielerlei Herausforderungen oder auch konkreten Prüfungen zu stellen. Samstag. Stunde der Wahrheit: das Werkstattkonzert mit einem Programm aus Chorvorträgen, gemischt mit ganz mutigen Solisten. Es gibt erstaunliche Qualität, große Vielfalt, auch mutige bis riskante Aufführungen. Applaus von allen für alle.
Die Abschiedsrunde am Sonntag: Dann noch einmal alles singen dürfen, etwas Wehmut und begeisterte Rückmeldung.
Claus lächelt…