„Zu gemeinsamer Pflege des Volksgesangs und damit der Volksbildung“
In nahezu jedem Pressebericht zur Jubiläumsfeier eines Sängervereins fällt der Begriff „Kulturträger“. Bei einem ländlichen Liederkranz heißt es außerdem oft noch, er sei „der erste Kulturträger in der Gemeinde“ gewesen.
Als Kulturträger bezeichnet man Personen, Gruppen, Organisationen, ja ganze Gesellschaftsschichten, die kulturelle Werte hervorbringen, pflegen und vermitteln. Als eine solche kulturtragende Schicht schob sich um 1800 gegenüber den Adelshöfen das wirtschaftlich führende Stadtbürgertum in den Vordergrund. Es organisierte sich damals u. a. in Vereinen, mit denen es nicht nur seine ökonomischen und politischen, sondern auch seine geistigen und künstlerischen Interessen vertrat. Dieses „Bildungsbürgertum“, das zuvor schon in privaten „Kränzchen“ fleißig musiziert hatte, trat nun mit eigenen Musik- und Gesangvereinen an die Öffentlichkeit.
Musik- und Sängervereine in der Stadt und auf dem Land
Musik- und Sängervereine gestalteten im 19. und 20. Jh. das Gesellschaftsleben wesentlich mit, ihre inszenierten Auftritte prägten sogar generell den Stil öffentlicher Bürgerfeste. Erinnert sei hier nur an den Stuttgarter Liederkranz und an seine einst Aufsehen erregenden Schiller-
feiern. Die städtischen Chorvereine waren außerdem oft sehr ambitioniert, bedeutende Komponisten widmeten ihnen sogar eigene Werke. Aber die Städter waren nicht nur künstlerisch leistungsorientiert, sie waren zu mehr fähig: Der Stuttgarter Liederkranz hat z. B. 1864 eine „Liederhalle“ errichtet, ein Konzerthaus, das zu einem überregional bedeutenden Kulturzentrum geworden ist. Ein weiterer Kulturträger war die Landbevölkerung, die im 19. Jh. noch den größten Teil der Gesamtbevölkerung ausmachte. Die bäuerliche Lebenswelt hatte zwar seit jeher ihre eigenen Kulturformen hervorgebracht, mit den Sängervereinen aber trat jetzt eine neue Form von außen hinzu. Die nach städtischem Vorbild gegründeten Liederkränze waren häufig die ersten Kulturvereine, ja oft die ersten Vereine überhaupt in den Dörfern. Obwohl weniger leistungsstark als ihre städtischen Vorbilder (man pflegte vor allem das einfache Volkslied), bereicherten sie die Dörfer, in denen es bislang meist nur kirchlichen Gemeindegesang gegeben hatte. Zudem nahmen sie als „Begleiter der Menschen von der Wiege bis zur Bahre“ nicht un-
wichtige soziale Aufgaben wahr.
Die Arbeiterschaft als Kulturträger
Zu den Gesellschaftsschichten der Bürger und der Landbevölkerung gesellte sich in der zweiten Jahrhunderthälfte als weiterer Kulturträger die mit der Industrialisierung stark zunehmende Arbeiterschaft. Als neue Klasse entwickelte sie auf der Basis ihrer eigenen Lebenswelt ebenfalls eigene (wenn auch oft am Bürgertum orientierte) Kulturformen. In der von der Sozialdemokratie geförderten Arbeiterbildungsbewegung kam dem Chorgesang erneut eine bedeutende Rolle zu. Auch hier sollte das gemeinschaftliche Singen nicht nur der Freizeitgestaltung dienen, sondern darüber hinaus als geistiges Band der sozialen Schicht wirken. So pflegten die Arbeiterchöre neben den üblichen Volksliedern (und gelegentlich auch anspruchsvolleren Chorwerken) zusätzlich das „Tendenzlied“, vor allem in den konfliktreichen 1920er Jahren. Der sich um 1900 zunehmend verschärfende Interessenskonflikt zwischen den Bürgerlichen und den Arbeitern hatte bereits 1908 zur Gründung eines eigenen Dachverbands, des „Deutschen Arbeiter-Sängerbundes“, geführt.
Im Dritten Reich zerstörten die Nationalsozialisten mit der Gleichschaltung nicht nur die Arbeitervereine, sie gaben mit dem Begriff „Volksgemeinschaft“ auch für alle anderen neue „kulturelle Leitwerte“ vor. Die unterschiedlichen Schichten und ihre Alltagskulturen sollten unter einer Ideologie vereinheitlicht werden und dem Regime und seinen aggressiven Plänen dienen.
In den Jahrzehnten, die seit dem Ende des Kriegs und der Gewaltherrschaft vergangen sind, hat sich unsere Welt extrem verändert. Wir leben heute in einer pluralistischen Gesellschaft mit einer Vielfalt an gestaltenden Kräften, an unterschiedlichen Lebenswelt(en) und Kultur(en). Vereinsmäßig organisierte Laienchöre sind zwar immer noch wichtige „Kulturträger“, aber sie müssen sich neuen Herausforderungen stellen und sich manchmal auch neu erfinden.
Rudolf Veit