Die Wirkung der Musik und speziell des Gesangs auf den Menschen war zu Beginn der Amateurchorbewegung um 1800 ein wichtiges Thema – und ist es heute wieder.
Sängervater Karl Pfaff veröffentlichte 1829 ein von ihm verfasstes Gedicht mit dem Titel „Die Macht der Töne“. Das kleine Werk, das Johann Georg Frech damals vertonte und das auf Sängerfesten immer wieder vorgetragen wurde, preist „die erhabne Macht der Töne“, die den Menschen „hoch übers Erdenleben erhebt“ und ihn „hinauf zu jenen lichten Regionen“ führt, „wo alles Schönen Urgebilde thronen.“ Und weiter:
„Des Lebens Leid und Mühen
Verbannt dein Zauberklang,
Die Herzen wärmer glühen,
die deine Kraft durchdrang.“
Das Gemüt in der Gewalt der Musik
Die als bezwingend empfundene Wirkung der Musik auf den Menschen, sei er nun Ausübender oder Hörer, war zu Pfaffs Zeit das Thema vieler Musikdiskurse. Dabei wurde der Einfluss der Tonkunst auf Geist, Gemüt und Körper durchaus ambivalent gesehen. Mit Musik konnte man den Menschen „sittlich veredeln“ (wie z. B. Nägeli und Silcher es formulierten), aber man konnte mit ihr auch sinnliche Lust erregen, den Verstand außer Kraft setzen und den Menschen emotional und sogar physisch überwältigen.
Erinnert sei nur an die 1810 veröffentlichte Novelle „Die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik“ des Heinrich von Kleist. Sie erzählt die Geschichte von vier Brüdern, die die Macht der Töne ganz anders als Pfaff erfahren, nämlich nicht als herzerwärmend, sondern als seelenzerstörend.
Himmlische Chöre und ein Ende im Irrenhaus
Die vier jungen Hitzköpfe in Kleists Novelle planen einen Bildersturm in einer Klosterkirche, müssen dann aber durch ein musi-
kalisches Erlebnis, das ihnen die heilige Cäcilie höchst persönlich vor Ort beschert, von ihrem Plan ablassen. Durch das Hören himmlischer Orgeln und Chöre verfallen die Vier dem Wahnsinn und enden im Irrenhaus.
Die Macht der Musik und ihre Wirkung auf die Psyche ist eine uralte Menschheitserfahrung. Die griechische Mythologie hat sie im Bild des Orpheus festgehalten, jenem Verliebten, der mit seinem Gesang alle Lebewesen, ja sogar Steine berührt und die Herrscher des Totenreichs bezwungen hat.
Sei wachsam, sing nicht
Wenn Karl Pfaff von der erhebenden Macht der Töne und von ihrer befreienden Wirkung für den Menschen sprach, meinte er nicht nur das individuelle Wohlbefinden des Einzelnen. Der Liberale hatte die ganze Gesellschaft im Blick. Ein unfreies Volk lebte für ihn im Zustand ständiger Krankheit, nur die „freie Nation“ konnte auch eine gesunde sein.
Musik wurde schon zu allen Zeiten „als Mittel politischer Identitätsstiftung“ benutzt. Vor allem in Diktaturen wurde und wird die „Macht der Töne“ regelmäßig dazu missbraucht, die „Töne der Macht“ zu verbreiten. Jeder kennt die Bilder von den singend marschierenden Massen des Dritten Reichs. Kein Wunder, dass das gemeinschaftliche Singen nach dem Zweiten Weltkrieg als „undemokratische Form der Manipulation von Gefühlen“ in Misskredit stand. Vor diesem Hintergrund ist auch jene Warnung zu verstehen, die Hans Magnus Enzensberger 1957 in seinem
Gedicht „Ins Lesebuch für die Oberstufe“ aussprach: „Sei wachsam, sing nicht.“
Krankheit, ein musikalisches Problem?
Erst in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts hat das gemeinschaftliche Singen wieder allmählich den Ruch des Reaktionären und Gefährlichen verloren. Dazu hat nicht zuletzt die medizinische Forschung, die sich mit Auswirkungen des Singens auf Leib und Seele beschäftigt hat, Wertvolles beigetragen.
„Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem – die Heilung eine musikalische Auflösung“, hat vor rund 220 Jahren der Dichter Novalis geschrieben. Seine Worte sind in Therapeutenkreisen ein beliebtes Bonmot, sie enthalten aber auch einen wahren Kern. Dass man mit Musik heilen kann, erwähnt sogar schon die Bibel. Dort ist es der Hirtenbub David, der sich als Musiktherapeut betätigt, indem er mit seiner Harfe dem schwermütig gewordenen König Saul Linderung verschafft.
Die Potenziale des Singens – empirisch erforscht
Wer heute etwas über die gesundheitlichen Potenziale des Musizierens und des gemeinsamen Singens erfahren möchte, muss sich nicht mehr auf die Bibel oder auf subjektive Eindrücke stützen. Die empirische Forschung hat hier in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Fakten zu Tage gefördert. Die Resultate lassen sich auf einen kurzen Nenner bringen: Singen ist absolut gesund!
Mit Singen kann man nicht nur seine(n) Liebste(n) bezirzen und soziale Bande stärken, man aktiviert dabei auch noch seine körpereigenen Abwehrkräfte, z. B. durch eine vermehrte Produktion von Immunglobulin A. Zudem schüttet man jede Menge des Glückshormons Dopamin aus! Und das sind nur zwei von vielen weiteren positiven Ergebnissen.
Uns selbst als Klangkörper verstehen
Allerdings gilt das nicht für alle Menschen. Zwei bis drei Prozent von uns sind von Natur aus völlig immun gegen Musik. Sie können Musik zwar als solche erkennen und sogar interpretieren, sie löst bei ihnen aber keinerlei Emotionen aus. Einige nehmen Musik sogar als eine nur schwer erträgliche Geräuschkulisse wahr. Man nennt diese sensorische Einschränkung Amusie.
Am Ende dieses Artikels soll aber nicht etwas stehen, das von Versagen und von Verzagen spricht, sondern von Zuversicht. Es ist ein hoffnungsvoller Gedanke, den Yehudi Menhuin 1999 als Schirmherr von „il canto del mondo“ formulierte: „Wenn wir Menschen uns selbst als Klangkörper, als Musikinstrument in der Sinfonie der Schöpfung begreifen und uns singend immer wieder aufs Neue befrieden lernen, dann können wohlmöglich – mit unserer eigenen Gesundung durch die Musik einhergehend – auch die durch uns verursachten Verwundungen der Erde heilen.“
In diesem Sinne: Bleiben Sie alle – singend oder hörend – gesund!