Wer im Chor neu beginnt, wird einer Stimmgruppe zugeteilt – Sopran, Alt, Tenor oder Bass. Doch nach welchen Kriterien geschieht das? Welche Rolle spielen Chorleitung, Stimmbildung und die Sänger:innen selbst? Und welchen Einfluss hat die Wahl der Stimme auf Klang, Gesundheit und Persönlichkeit? Diesen Fragen geht die Autorin als Gesangspädagogin und Stimmbildnerin nach und gibt Anregungen für einen gelingenden Trialog.
Stimmgesundheit ist eine unabdingbare Voraussetzung für freudvolles Singen. Eine gesunde Stimme ist belastbar – und kann auch ein gewisses Maß an stimmlichen Belastungen durch nachfolgende Erholungsphasen wieder ganz ausgleichen. Sobald jedoch wiederkehrende Beeinträchtigungen auftreten – Druckgefühl in der Kehle, Belegtheit, chronische Heiserkeit oder gar Ausfall der Stimme – können dies Anzeichen einer Stimmstörung sein, die in keinem Fall übersehen werden dürfen.
Es stellen sich zwei Fragen:
1. Verfügen die Sänger:innen über eine ergonomische Haltung und eine gesunde Atem- und Gesangstechnik?
2. Ist die „richtige“ Stimmgruppe im Chor gewählt worden?
Der zweiten Frage wollen wir uns hier gezielt widmen.
STIMMGATTUNG, STIMMGRUPPE, STIMMFACH
Die menschliche Singstimme lässt sich in Frauen- und Männerstimmen aufteilen, bei denen jeweils hohe und tiefe Stimmen
unterschieden werden können. So kommen die vier „Stimmgattungen“ Sopran, Alt, Tenor und Bass zustande, die im Chor als
„Stimmgruppen“ bezeichnet werden. Im professionellen solistischen Singen unterscheidet man zusätzlich die beiden Zwischengattungen Mezzo-Sopran und Bariton. Im Operngesang gliedern sich die Gattungen, je nach lyrischer oder dramatischer Anlage der Stimme, darüber hinaus noch in zahlreiche „Stimmfächer“ auf.
KLANGERWARTUNGEN AN DIE VIER STIMMGRUPPEN
Ein guter Chor zeichnet sich zunächst vor allem durch die Ausgewogenheit des Gesamtklanges aus: Keine Stimmgruppe und keine Einzelstimme soll herausfallen, alle Stimmen sollen zu einem homogenen Ganzen verschmelzen. Dabei sind die Klangerwartungen an die vier Stimmgruppen sehr unterschiedlich: Vom Sopran wird „glockige Höhe, silbrige Leichtigkeit“ erwartet, vom Alt „warme Fülle“, vom Tenor „strahlender Glanz“, vom Bass „kernige Tiefe“. Um diese differenzierten Klangerwartungen zu erfüllen, müssen Sänger:innen im Chor bestimmte Qualitäten der eigenen Stimme verstärken, andere werden dagegen kaum verlangt. So hat z. B. der Sopran vorrangig seine Höhe zu zeigen und gibt dafür seine Tiefe an den Alt ab. Diese Einseitigkeiten können Risiken bergen: Singen in isolierter Höhe wird rasch anstrengend, daher braucht auch ein Sopran den Zugang zum Brustregister. Ebenso profitiert ein Alt vom Kopfregister.Hier liegen wichtige Aufgaben für die Stimmbildung!
EINORDNUNG IN DIE STIMMGRUPPEN
Die Frage nach der Stimmgruppe kann beim Eintritt in einen Laienchor nicht von allen Sänger:innen beantwortet werden. So ordnen sich manche aus Gewohnheit dort ein, wo sie bereits früher in anderen Chören gesungen haben, oder sie wollen aus Freundschaft zu Chormitgliedern in deren Stimmgruppe singen. Chorleiter:innen tragen Verantwortung für den gesamten Chor und achten, sofern sie nicht selbst eine Stimmprüfung vornehmen, zunächst auf die Ausgewogenheit der Besetzung und den Bedarf in bestimmten Stimmgruppen. Stimmbildner:innen können mithilfe einer sorgfältigen Stimmprüfung die individuelle Struktur einer Stimme erfassen und eine faktenorientierte Empfehlung für die Einordnung geben. Dabei sollten sie sich jedoch nicht nur vom Potenzial einer Stimme leiten lassen. Selbst wenn in der Stimmprüfung hohe Töne erreicht werden, muss ein Sänger nicht zwangsläufig im Tenor singen.
Der Trialog: Bei der ersten Einordnung in eine Stimmgruppe sollten Sänger:innen, Chorleiter:innen und Stimmbildner:innen gleichermaßen zu Wort kommen. Sodann ist Flexibilität im Ausprobieren wichtig: Bewährt sich die Entscheidung für die Sänger:innen auf Dauer? Dies gilt auch bei einem späteren, situations- oder altersbedingten Wechsel der Stimmgruppe. Die Stimme ist ein bewegliches Instrument, das auf Alter und Lebensumstände reagiert.
EINSINGEN UND STIMMBILDUNG
Wie gut, dass es in den letzten Jahren auch in Laienchören immer selbstverständlicher geworden ist, zusätzlich zum Einsingen und Warm-up durch die Chorleiter:innen eine stimmtechnische Schulung durch professionelle Gesangspädagog:innen und Stimmbildner:innen anzubieten! Stimmbildung ist eine wunderbare Chance, den Chorklang gezielt weiterzuentwickeln. Aus meiner Erfahrung können rasche Fortschritte erzielt werden, wenn nach Stimmgruppen getrennt gearbeitet wird, zeitweise sogar in Kleingruppen.
STIMMBILDUNG NACH STIMMGRUPPEN
Das Ziel der Stimmbildung besteht einerseits darin, die besonderen Qualitäten einer Stimmgruppe zu fördern, andererseits jedoch auch „unterbelichtete“ Bereiche zu schulen. Jede Stimme – wie bei Solosänger:innen – in sich selbst auszugleichen, ist ein wichtiger Beitrag zur individuellen Stimmgesundheit! Stimmbildner:innen benötigen differenzierte Kenntnisse der Herausforderungen in jeder Stimmgruppe, v. a. im speziellen Umgang mit den Registern – und einen gut gefüllten Handwerkskoffer mit wirkungsvollen Übungen, um eine freudvolle und gesundheitsfördernde Stimmbildung anbieten zu können.
So braucht der Sopran unbedingt den Zugang zum Kuppelklang des Kopfregisters, eine gute Höhenstrategie im Übergang vom Mittelregister zum Kopfregister und auch den Zugang zum Brustregister als Basis für die Stimme. Der Alt braucht einerseits den eindeutigen Zugang zum Brustregister, andererseits muss er den Wechsel zwischen Brust- und Mittelregister meistern können, darüber hinaus sollte er auch den Zugang über das 2. Passaggio um e2 hinaus finden. Der Tenor braucht ebenfalls eine wirksame Höhenstrategie, um verlässliche Spitzentöne zu liefern; er muss auch die Fähigkeit erlangen, zwischen Modalstimme und Falsett zu wechseln. Der Bass darf seine tiefen harmoniestärkenden Töne nicht isoliert anstoßen und grob klingen lassen, sondern muss Legato und Flexibilität trainieren. Fazit: Noch wichtiger als die Wahlder „richtigen“ Stimmgruppe ist „richtiges“ Singen!
STIMMGRUPPE UND PERSÖNLICHKEIT
In Oper und Oratorium werden die Stimmgattungen mit bestimmten Charakteren ihrer Personen verbunden: die junge Heldin singt Sopran, die Mutter Alt, der jugendliche Held Tenor, der Vater oder Bösewicht Bass. Im Chor klingen diese Charaktere in den vier Stimmgruppen an: der Sopran ist die führende Oberstimme, im Alt wirkt gern ein Gemeinschaftsgefühl, der Tenor, weil oft auch nur schwach besetzt, genießt viel Aufmerksamkeit, der Bass strahlt Ruhe und Verlässlichkeit aus.
Auch im Chor drückt sich in der Zugehörigkeit zu einer Stimmgruppe die Persönlichkeit der Sänger:innen aus. Dies kann die Einordnung nach Stimmstruktur relativieren: Was nützt es, wenn eine Sängerin im Alt Sopranpotenzial zeigt, sich aber mit der Sopran-Mentalität nicht identifizieren kann?
Stimmbildung ist immer auch Menschenbildung. In der „richtigen“ Stimmgattung zu singen, kann eine deutliche Stärkung der Persönlichkeit sein! Die Stimme „leuchtet“ dann ganz anders. Im besten Fall zeigt sich die Einordnung in die „richtige“ Stimmgruppe für die Sänger:innen gleichzeitig durch körperliches Wohlgefühl und seelische Identität mit der betreffenden Stimmgruppe. Denn Chorgesang ist ein Gemeinschaftserlebnis, zu dem jede einzelne Stimme einen individuellen Beitrag leistet.
ZUSAMMENFASSUNG
Die „richtige“ Stimmgruppe im kompromissbereiten Trialog zwischen Sänger:innen, Chorleiter:innen und Stimmbildner:innen zu finden, ist ein lohnendes Ziel, zu dessen Verwirklichung alle Beteiligten gleichermaßen beitragen können: durch Achtsamkeit auf die eigene Stimme, stimmfreundliche Probenbedingungen im Sinne des Gesamtklangs, gezielte Stimmbildung. So können gesunde, freudige Stimmen ihre anregende und berührende Wirkung auch auf die Zuhörer entfalten!
Über die Autorin
Dr. Barbara Hoos de Jokisch studierte Musik (Lehramt, Gesangspädagogik) an der Universität der Künste Berlin (UdK). Langjährige Tätigkeit als Konzertsängerin. Lehraufträge für Gesang (UdK, UNAM Mexiko-Stadt). Dissertation in Musikpädagogik. Dozentin für Gesang und Fachdidaktik/ Lehrpraxis (UdK), Dozentin beim GPZ-Lehrgang des BDG, Stimmbildnerin im Madiba-Chor. International tätig mit Vorträgen, workshops und Veröffentlichungen. „Die 7 Grundelemente der Stimmbildung“ (2. Aufl. 2021, engl. Ausgabe 2024).
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