Für starke Vereine in starken Regionen
Isabelle Arnold übernimmt 2026 die Leitung der Akademie der Amateurmusik Baden-Württemberg. Seit drei Jahren entwickelt sich dieses Projekt der vier baden-württembergischen Chorverbände kontinuierlich weiter. Im Interview sprachen wir darüber, wie sich die Akademie dieses Jahr als „Netzwerk-Agentur“ etablieren möchte, die Vereine berät, regionale Strukturen stärkt und damit neue Impulse für die gesamte Amateurmusik im Land setzt.
Gleich vorab: Wer steckt denn überhaupt hinter der Akademie der Amateurmusik Baden-Württemberg?
Viele haben sie in den letzten Jahren als Chorakademie BW kennengelernt, als Zusammenschluss der vier Chorverbände in Baden-Württemberg: Schwäbischer Chorverband, Badischer Chorverband, Baden-Württembergischer Sängerbund und Verband Deutscher Konzertchöre (Landesverband Baden-Württemberg). 2026 haben wir außerdem eine Kooperation dem Deutschen Harmonika Verband (Landesverband Baden-Württemberg). Somit stehen mittlerweile fünf Amateurmusikverbände in Baden-Württemberg hinter diesem Projekt.
Das ist mit ein Grund, warum die Chorakademie jetzt einen neuen Namen hat: Akademie der Amateurmusik Baden-Württemberg. Der neue Name macht deutlich: Die Angebote richten sich nicht nur an Chöre, sondern an alle Akteure der Amateurmusik im Land – von Blasorchestern über Bands bis hin zu Vokalensembles. Ziel ist es, die Vielfalt der Amateurmusik sichtbar zu machen und eine zentrale Plattform für Austausch, Weiterbildung und Vernetzung zu schaffen.
Und was ist die Aufgabe der Akademie?
Der ursprüngliche Gedanke hinter der Dachmarke Chorakademie, die 2021 ins Leben gerufen wurde, waren natürlich die Bildungsangebote der vier Chorverbände. Mit der Zeit hat man aber festgestellt, dass das aufgrund der unterschiedlichen Strukturen und Arbeitsweisen der Verbände nicht gut funktioniert. Deshalb ist aus der ehemaligen Chorakademie dann die Plattform chorbildung-bw.de entstanden. Hier werden alle Seminare, Aus- und Weiterbildungen der vier Chorverbände veröffentlicht. Diese werden zum Teil auch eng aufeinander abgestimmt, d. h. wenn ich im BCV eine C1-Ausbildung abschließe, kann ich danach im SCV weitermachen.
Die Aufgabe der jetzigen Akademie ist also nicht das Bildungsangebot der Chorverbände, sondern Projekte für die gesamte Amateurmusik zu entwicklen. Derzeit sind das insbesondere zwei: Das eine ist das Vereinscoaching, das es bereits 2024 gibt. Und neu dazu kommt 2026 die Stärkung regionaler Netzwerk-Strukturen der Amateurmusik im Land.
Die Akademie der Amateurmusik BW ist sozusagen die „Netzwerk-Agentur“ der Verbände mit den Schwerpunkten Vereinscoaching und Regionalstrukturen. Sie bündelt die Interessen der Chorverbände auch in unterschiedlichen Gremien, also bspw. im Landesmusikverband. Außerdem ist sie innerhalb der Verbände vertreten. Im SCV ist die Akademie z. B. im AK Seminare und kann hier Themenvorschläge für Bildungsangebote machen, die sich in Beratungsterminen ergeben haben. Es gibt also schon eine Verknüpfung von Akademie und Chorbildung, aber tatsächlich handelt es sich um zwei getrennte Dinge.
Wie wird die Akademie strukturiert sein?
Da sich die Akademie aus Mitteln des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst, bewilligt über den Landesmusikverband BW, finanziert und wir natürlich bestrebt sind, dass diese Mittel auch bei den Vereinen ankommen, arbeiten wir in einer sehr schlanken Struktur. Ich selbst leite und koordiniere die Akademie – unterstützt mit einer Assistenz. Meine konkrete Aufgabe ist dann, zu konzeptionieren und zu definieren, was wir eigentlich machen.
Dazu gehört natürlich die Koordinierung der nötigen Gewerke, also z. B. Coaches für die Vereine engagieren. Bei den neuen Regionalprojekten geht es darum, Modell-Regionen auszuwählen und aufzubauen, auf die wir zugehen können. Anschließend wollen wir mit einem Coach vor Ort schauen, wie man das Modell evaluieren kann und wie sich daraus Materialien erstellen lassen, die dann auch in anderen Regionen angewendet werden können. Meine Hauptarbeit ist also, die Projekte voranzubringen und zu überprüfen, wie man sie sinnvoll weiterentwickeln kann.
Das Vereinscoaching war in der SINGEN ja schon häufiger Thema (siehe z. B. Ausgabe 10.2025). Wie ist da denn bisher die Resonanz?
Das läuft schon sehr gut. Da haben wir im Schnitt jede Woche drei bis vier Anfragen. Die Erstberatung für den Verein dauert etwa ein bis zwei Stunden. Die Kosten hierfür inkl. Fahrtkosten übernehmen wir komplett. In den meisten Fällen reicht die Erstberatung auch schon aus, um Impulse zu geben und Dinge anzustoßen. Alles, was darüber hinausgeht, muss der Verein selbst finanzieren. Das ist dann Sache zwischen dem Verein und einem Coach seiner Wahl.
Es kann ja auch mal sein, dass sich in der Erstberatung ein Problem auftut, das überhaupt nicht zu den Kompetenzen des Coaches passt. Unsere Leistung als Akademie besteht darin, einen Pool an Coaches zur Verfügung zu haben, die sich im Amateurmusikbereich und mit Vereinen auskennen und die eine vernünftige Vorstellung davon haben, was ein Verein finanziell leisten kann. Wie die Folge-Beratung dann soll und welche Maßnahmen da stattfinden können, ist dann Sache des Vereins und des Beraters.
Wie können wir uns denn das Regionalprojekt vorstellen?
Geplant ist im kommenden Jahr zunächst einmal, zwei bis drei Modellregionen auszuwählen. Der erste Schritt von unserer Seite ist dann, zu überprüfen, welche Verbände dort schon aktiv sind – ganz egal ob Musikvereine, Chöre oder Zupforchester. Wir schicken einen Coach dorthin, der mit den Vereinen Kontakt aufnimmt und erklärt, dass wir eine Modellregion aufbauen wollen, um zu sehen, wo man in der Amateurmusik Synergien schaffen kann. Welche Stärken kann man nutzen? Wo gibt es Herausforderungen? Welche Strukturen gibt es schon gibt und wie geht es den Verbänden damit? Wo können wir unterstützen? Wo wird hinsichtlich Struktur oder Kommunikation vielleicht Hilfe benötigt?
Ein Beispiel: Möglicherweise hat der Regionalchorverband in diesem Gebiet eine Geschäftsstelle, der Blasmusikkreisverband noch nicht, möchte aber eine aufbauen. Theoretisch hätten aber beide Geschäftsstellen sehr ähnliche Aufgaben. Könnte man sich dann vielleicht eine Geschäftsstelle teilen? Da lassen sich wunderbar Synergien schaffen. Wenn wir darüber nachdenken, wie viele Ämter mittlerweile nicht mehr besetzt werden können, ist es wirklich sinnvoll, den Kreis der zur Verfügung stehenden Personen zu erweitern und so auch die Professionalisierung voranzutreiben. Ein weiterer Punkt wäre mal zu schauen, wie und auf welchem Digital-Level die Verbände jeweils arbeiten. Kann man sich evtl etwas von einem anderen Verband vor Ort abschauen?
Wir wollen die Leute ins Gespräch bringen. Es macht einen großen Unterscheid, wenn man mit einem gemeinsamen Projekt mit sehr, sehr vielen Beteiligten beim Landrat vorstellig wird. Da hat man natürlich eine ganz andere Verhandlungsposition, als wenn jeder einzeln nach Geld fragt.
Wir wollen die Amateurmusik vernetzen. Und zwar nicht nur auf Kreisebene, sondern wir möchten auch Vereine miteinbinden, die da sehr aktiv sind. Außerdem schauen wir natürlich auch, was noch drum herum ist: also Sport, Feuerwehr etc. Die wollen wir alle an einen Tisch bringen und gemeinsam überlegen, wie wir die Gegend als Kulturregion attraktiver machen können. Und dieser Prozess wird von uns finanziert.
Und was erhofft ihr euch davon?
Mit einer starken Regionalstruktur helfen wir am Ende den Vereinen und machen Musik im Land möglich. Auch mit einem solchen Programm wie diesem lässt sich nicht jedes Problem, das in den Vereinen existiert und Erstberatungen erfordert, abfedern. Dafür sind es einfach zu viele Vereine. Es ist also viel sinnvoller, wenn die Vereine vor Ort gut vernetzt sind und sich gegenseitig untersützen können. Und in den Regionen sitzt dann eben geschultes Personal, das helfen kann oder zumindest weiß, wo es Hilfe bekommt.
Inwiefern arbeitet ihr dabei denn mit anderen Dachverbänden zusammen?
Unser Angebot richtet sich grundsätzlich an alle Amateurmusikverbände in Baden-Württemberg und ist immer offen für alle Vereine! Deshalb freuen wir uns ganz besonders, dass der DHV dieses Angebot auch schon angenommen hat und mitmacht.
Wie sichert ihr die Qualität in diesem ganzen Prozess?
Unsere Coaches kommen aus dem Bereich systemische Beratung, Prozessentwicklung oder Organisationsmanagement. Für die Einzelberatungen im Vereinscoaching haben wir einen Pool von etwa zehn Personen, ergänzt durch ungefähr genauso viele Musiker:innen. So viele brauchen wir für den Aufbau der Regionalstrukturen aber gar nicht. Da schicken wir also tatsächlich nur die wirklich Erfahrenen mit entsprechender Ausbildung im Kommunikations- und Amateurmusikbereich hin. Eine Region wird bspw. unser SCV-Präsident Jörg Schmidt übernehmen, der auch ausgebildeter Mediator ist.
Und wo findet man das Angebot der Akademie?
Unsere Website geht jetzt Anfang Januar online. Dafür haben wir übrigens auch eine KI entwickeln lassen, KI-AMU. Wie bei Copilot oder ChatGPT kann man dieser Fragen stellen und bekommt ausformulierte Antworten, es ist also mehr als eine bloße Suchmaschine. Das besondere: KI-AMU wurde speziell für uns gemacht, sie sucht also nicht einfach im Internet irgendwelche Informationen zusammen, die dann mehr oder weniger richtig sind. Wir haben vorab die wichtigsten Seiten der Amateurmusik ausgewählt und als Quelle eingespeist. Von den Verbänden sind außerdem die wichtigsten Handreichungen und Formulare hinterlegt. Das wird natürlich alles regelmäßig aktualisiert. Die Informationen, die hier ausgespuckt werden, sind also tatsächlich von Verbandsseite „geprüft“.
Auf der Seite gibt es ein Online-Tool, um Termine zu vereinbaren. Für die Vereine ist die Kontaktaufnahme also total niederschwellig. Außerdem sind wir nächstes Jahr bei Black Forest Voices, einem jugen Musikfestival in Kirchzarten, mit einem kleinen Beratungs-Pavillon vor Ort, da kann man mich auch einfach ansprechen.
Worauf freust du dich bei dieser neuen Aufgabe denn am meisten?
Ganz viel Kontakt mit Vereinen zu haben und ihnen dabei helfen zu können, gut in die Zukunft zu starten. Ich halte die Akademie für ein ganz wichtiges Programm, bei dem man auf kurzem, unbürokratischen Weg, Vereine zu unterstützen. Die Erfahrung zeigt, dass oft schon kleine Impulse reichen, um wieder ins Gleis zu kommen, auf dem man als Verein fahren möchte.
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