Frau Hartl, worum geht es im Seminar „Kompetent gegen Rechts“?
Im Seminar geht es darum, Menschen, die sich ehrenamtlich in Vereinen engagieren, im Umgang mit diskriminierenden und demokratiefeindlichen Äußerungen zu stärken. Viele erleben solche Situationen im Vereinsalltag, wissen aber nicht, wie sie reagieren sollen oder fühlen sich unsicher. Ein Schwerpunkt liegt deshalb auf der Frage, wie man in konkreten Situationen handeln kann, wenn problematische Aussagen fallen.
Gleichzeitig richtet sich der Blick nicht nur auf einzelne Personen, sondern auf den Verein als Ganzes. Es geht darum, Vereine dabei zu unterstützen, sich als Gruppe gut aufzustellen und gemeinsam zu überlegen, welche Strategien sie entwickeln können – etwa im Umgang mit Vorfällen innerhalb des Vereins, aber auch mit Anfeindungen oder Angriffen von außen.
Unsere Erfahrung ist, dass Vereine, die sich klar positionieren, durchaus auch Anfeindungen von außen erleben können. Deshalb richtet sich das Seminar auf zwei Ebenen: Zum einen darauf, wie Vereine intern mit diskriminierenden Aussagen umgehen, insbesondere wenn andere anwesend oder betroffen sind. Zum anderen darauf, wie Vereine reagieren können, wenn Angriffe oder Provokationen von außen kommen. Dabei spielen Fragen eine Rolle wie: Was steht in unserer Satzung? Wie zeigen wir nach außen, dass wir offen für alle Menschen sind?
Wie ist die Idee für das Seminar entstanden?
Die Idee entstand aus einem Vortrag, den ich im Rahmen einer Mitgliederversammlung der Landesvereinigung Kulturelle Jugendbildung zum Thema rechte Kulturpolitik gehalten habe. Dabei ging es unter anderem um Versuche extrem rechter Akteurinnen und Akteure, Kulturarbeit in ihrem Sinne zu beeinflussen, etwa durch Forderungen nach angeblicher politischer Neutralität. Im Anschluss daran kam aus dem Schwäbischen Chorverband die Anfrage, ob wir dieses Thema in Form eines Workshops oder Seminars speziell für Vereine aufbereiten könnten.
Argumentationstrainings führen wir seit vielen Jahren in unterschiedlichen Kontexten durch, etwa freiberuflich für die Landeszentrale für politische Bildung. Das Seminar „Kompetent gegen Rechts“ greift diese Erfahrungen auf und überträgt sie gezielt auf den Vereinskontext.
Ein wichtiger Bestandteil des Seminars ist genau dieses Argumentationstraining. Was ist damit gemeint und was lernen die Teilnehmenden hier?
Beim Argumentationstraining geht es darum, sich sehr konkret mit Gesprächssituationen auseinanderzusetzen, wie sie im Vereinsalltag vorkommen könnten. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie man reagieren kann, wenn diskriminierende oder demokratiefeindliche Aussagen fallen. Ein wichtiger erster Schritt ist dabei die eigene Reflexion: also sich bewusst zu machen, dass niemand frei von Vorurteilen ist und dass es wichtig ist, die eigene Haltung zu hinterfragen, bevor man in ein Gespräch geht.
Im praktischen Teil des Trainings werden typische Situationen aus dem Vereinsleben in Rollenspielen nachgestellt, in denen problematische Äußerungen fallen können – etwa Gespräche nach der Probe, beim Zusammensitzen nach einem Auftritt oder in geselliger Runde. Das können z. B. rassistische Vorurteile gegenüber geflüchteten Menschen sein oder verschwörungstheoretische Aussagen. Dabei probieren die Teilnehmenden unterschiedliche Reaktionen aus und erleben, wie sich verschiedene Strategien anfühlen. Anschließend werden die Situationen gemeinsam ausgewertet: Was hat gut funktioniert? Was hat sich schwierig angefühlt? Und welche anderen Möglichkeiten hätte es noch gegeben? Aus dem Austausch in der Gruppe und aus der fachlichen Einordnung der Seminarleitung entstehen so konkrete Ideen und Handlungsoptionen für den eigenen Vereinsalltag.
Warum ist das Thema aus Ihrer Sicht für Vereine besonders relevant?
Chöre und Musikvereine sind Teil dieser Gesellschaft und in ihnen treffen Menschen mit ganz unterschiedlichen Einstellungen, Erfahrungen und Hintergründen aufeinander. Gleichzeitig gestalten Vereine Zivilgesellschaft aktiv mit. Sie sind Orte, an denen Gemeinschaft entsteht und an denen ausgehandelt wird, wie ein respektvolles Miteinander aussieht.
Vereine können Räume sein, in denen Menschen sich wohlfühlen, teilnehmen und dazugehören können – unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Behinderung oder anderen Merkmalen. Dabei geht es nicht nur um formale Fragen, sondern um den Alltag im Verein: um den Ton in Gesprächen, um den Umgang mit unterschiedlichen Meinungen und um die Frage, wie Konflikte angesprochen und bearbeitet werden.
Gerade in einer Zeit, in der gesellschaftliche Debatten zunehmend polarisiert geführt werden, geraten auch Vereine stärker unter Druck. Diskriminierende oder demokratiefeindliche Aussagen tauchen nicht nur in politischen Diskussionen auf, sondern auch in scheinbar privaten oder geselligen Situationen. Umso wichtiger ist es, dass Vereine wissen, wie sie damit umgehen können und welche Haltung sie im Vereinsalltag vertreten wollen.
Was können Vereine leisten – und wo sind Grenzen?
Vereine können durch eine klare demokratische und antidiskriminierende Haltung Orte sein, an denen sich Menschen sicher und willkommen fühlen. Sie können Räume schaffen, in denen Kinder und Jugendliche Demokratie ganz praktisch erleben. Gerade weil Vereinsarbeit stark von Beziehungen lebt, können hier Werte wie Respekt, Beteiligung und Solidarität erfahrbar werden.
Gleichzeitig gibt es Grenzen. Ein Verein kann nicht alle gesellschaftlichen Probleme lösen und auch nicht jede politische oder persönliche Haltung verändern. Viele Ursachen für diskriminierende oder demokratiefeindliche Einstellungen liegen außerhalb des Vereins, etwa in politischen oder sozialen Rahmenbedingungen. Selbst wenn man gut geschult ist, wird man nicht jedes Gegenüber überzeugen können. Aber Vereine können deutlich machen, wofür sie stehen, und diese Haltung im Vereinsalltag auch konsequent leben.
Wo erleben Sie die größten Hemmungen bei Ehrenamtlichen?
Viele Ehrenamtliche sind aufgrund der fälschlicherweise geforderten Neutralität von Vereinen verunsichert, ob sie sich politisch äußern dürfen. Es gibt das Missverständnis, dass sich öffentlich geförderte Vereine politisch nicht positionieren dürften. Tatsächlich gibt es mittlerweile klare Handreichungen und rechtliche Einschätzungen, die deutlich machen, dass Vereine nicht neutral im Sinne von „haltungslos“ sein müssen. Gerade in der Jugendarbeit gehört es sogar zum Auftrag, sich gegen Diskriminierung zu positionieren und demokratische Werte zu vertreten.
Zum einen ist es also die Angst vor möglichen Konsequenzen für den Verein, vor dem Vorwurf, nicht neutral zu sein. Zu anderen gibt es die Sorge, Konflikte auszulösen oder im eigenen Verein allein dazustehen. Viele möchten keinen Stress verursachen und haben Angst vor Ablehnung. Darüber hinaus fühlen sich viele unsicher, weil sie glauben, nicht genug Fachwissen zu haben. Häufig geht es dabei um das Gefühl, auf zugespitzte Parolen oder pauschale Aussagen keine „richtigen“ Antworten zu haben oder nicht alle Fakten und Zahlen parat zu haben, um widersprechen zu können. Viele haben den Eindruck, sie müssten erst Expert:innen sein, um sich überhaupt äußern zu dürfen.
Genau hier setzt das Argumentationstraining an, indem es vermittelt, dass es nicht darum geht, jedes Thema fachlich vollständig zu beherrschen, sondern darum, Gesprächssituationen einordnen und handlungsfähig bleiben zu können.
Was nehmen die Teilnehmenden idealerweise aus dem Seminar mit?
Im besten Fall nehmen sie mehr Sicherheit mit, einen kleinen Werkzeugkasten an Strategien und das Gefühl, nicht allein zu sein. Zu merken, dass es andere gibt, die ebenfalls Haltung zeigen wollen, ist für viele sehr bestärkend.
Welche ersten Schritte empfehlen Sie Vereinen, die sich bisher noch nicht mit dem Thema beschäftigt haben?
Ein erster Schritt kann sein, das Thema in den bestehenden Gremien anzusprechen, etwa im Vorstand oder in der Mitgliederversammlung, und dort zunächst gemeinsam darüber ins Gespräch zu kommen. Hilfreich kann es außerdem sein, sich Unterstützung von außen zu holen: Es gibt landesweit Beratungsstellen, die Vereine bei rechten oder diskriminierenden Vorfällen kostenfrei und vertraulich beraten. Zudem gibt es sehr gute Handreichungen zum Thema (siehe Infobox unten).
Wichtig ist aus meiner Sicht vor allem, sich Wissen zu holen und überhaupt anzufangen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Daraus entstehen oft weitere Ideen, wie ein Verein Schritt für Schritt vorgehen kann – sei es durch externe Inputs, durch Fortbildungen oder durch eine vertiefte Beschäftigung mit dem Thema im Verein selbst.
Zum Abschluss: Was wünschen Sie sich mit Blick auf das Seminar?
Ich wünsche mir, dass Menschen erkennen, dass das Thema auch sie betrifft. Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit. Sie ist darauf angewiesen, dass Menschen sie mitgestalten und verteidigen. Das Seminar kann ein kleines Mosaiksteinchen sein, um sich selbst zu stärken und Ideen für den eigenen Verein zu entwickeln.
Hilfreiche Handreichungen
Zur Unterstützung von vereinen im Umgang mit diskriminierenden und demokratiefeindlichen Äußerungen empfiehlt Friederike Hartl folgende praxisnahe Materialien:
„Sicher gegen Rechts“ (Landesjugendring BW): https://shop.ljrbw.de/publikationen/sicher-gegen-rechts
„Haltung statt Neutralität“ (Deutscher Bundesjugendring, Landesjugendring Hamburg, Bundesverband Mobile Beratung): https://www.dbjr.de/haltung-statt-neutralitaet
Hinweis auf das Seminar „Kompetent gegen Rechts“ vom 24.–25.04.2026 in Plochingen. Weitere Infos und Anmeldung unter bildung.s-chorverband.de.
Friederike Hartl ist Bildungsreferentin im Fachbereich Demokratiebildung beim Stadtjugendring Stuttgart e. V. und dort auch stellvertretende Geschäftsführerin. Außerdem ist sie seit 2010 freiberuflich in der politischen Bildungsarbeit für unterschiedliche Organisationen und Institutionen in den Bereichen Rechtsextremismusprävention und Antidiskriminierung tätig. Ursprünglich hat sie Ethnologie und Politikwissenschaft in Tübingen studiert.
Sie hat selbst als Kind und Jugendliche jahrelang in einem Musikverein im ländlichen Raum mitgewirkt und dadurch viel Vereinserfahrungen sammeln können.
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