Darf man «Drei Chinesen mit dem Kontrabass» eigentlich noch singen? Und was ist mit dem ältesten zur Diskussion stehenden Kanon «C-a-f-f-e-e», in dem vom «Türkentrank» und dem «Muselmann» die Rede ist? Der Musikethnologe Nepomuk Riva hat auf der Basis seiner Forschungsergebnisse Handlungsleitfaden dazu erstellt, und zwar „‚Chinesen, Affen und Trommeln – Warum Lieder verletzen können‘ Broschüre zum kultursensiblen Umgang mit Kindermusik“ sowie die Broschüre „Darf man das noch singen? Anti-Diskriminierung und Kindermusik“ (zum Download bei kulturshaker.de). Sein Team bietet außerdem Fortbildungen für Pädagog:innen und Erzieher:innen zu kultursensiblen Kinderliedern an. Auch Musikverlage wie Carus und Ravensburger bekannten sich gegenüber dem Tagesspiegel 2021 zu einem bewussten Umgang mit diskriminierungs-unsensibler Sprache in Kinderliedern durch Entscheidungen, die Lieder wegzulassen oder sie nur mit einer entsprechenden Einordnung beziehungsweise einem Hinweis abzudrucken. Dennoch ruft das Thema immer noch ein geteiltes Medienecho hervor und zeigt vor allem eines: Die Debatte um diskriminierenden Sprachgebrauch ist aktuell zurecht in den Fokus der Gesellschaft gerückt und spielt dementsprechend auch eine wichtige Rolle im musikalischen Kontext.
Das 2006 erlassene Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) – umgangssprachlich auch Antidiskriminierungsgesetz genannt – soll «Benachteiligungen aus rassistischen Gründen oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität» verhindern und beseitigen. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) nennt als Lebensbereich, in dem Diskriminierung auftreten kann, auch das Alltagsgeschäft und damit den Bereich Öffentlichkeit und Freizeit.
Im Falle von musikalischen Aufführungen geht es vor allem um Alltagsdiskriminierung durch das Transportieren und Verfestigen von Vorurteilen und Stereotypen, zum Beispiel von überholten Frauenbildern wie der dummen Gattin («Wenn der Pott aber nu en Loch hat»), von heteronormativen Geschlechtsbeziehungen und von rassistischen Stereotypen wie dem kindlich lebensfreudigen, aber verantwortungslosen Afrikaner («Zehn kleine Negerlein») oder dem fremdartigen Zigeuner («Zigeunerlieder» von Johannes Brahms). Neben diskriminierenden Texten gibt es solche, denen vorgeworfen wird, Gewalt («Heideröslein», «Erlaube mir, feins Mädchen», «Mädchen mit den blauen Augen»), Drogen (Trinklieder) und Krieg (Soldatenlieder, «Der gute Kamerad») zu verharmlosen oder sogar zu verherrlichen. Erste wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit problematischen Gesangstexten gibt es vorrangig im Bereich der Literaturwissenschaft im Hinblick auf sexualisierte Gewalt (Gesa Dane, Sven Staffeldt) und eben in der Musikethnologie im Hinblick auf Rassismus in Kinder- und Volksliedern (Nepomuk Riva).
UMFRAGE ZEIGT BEISPIELE FÜR UMGANG MIT TEXTEN
Doch wie gehen Chorleiter:innen nun eigentlich ganz konkret mit problematischen Texten um? In der nicht repräsentativen Umfrage der Chorzeit aus dem Herbst 2022 zeigte sich eines ganz deutlich: Personen, die selbst potenziell von Diskriminierung betroffen sind, sind oft textkritischer, das heißt, sie lehnen eher Stücke aufgrund problematischer Textstellen ab, moderieren sie sorgfältig an und sind experimentierfreudiger in Bezug auf Umdichtungen und künstlerische Interpretation. «Im queeren Chor Braunschweig herrscht eine hohe Text- und Inhaltssensibilität und es wird diskutiert und gegebenenfalls radikal aussortiert», berichtete Chorleiter Johannes Höing. Mary Ellen Kitchens, Vorstandsfrau des Archivs Frau und Musik und Chorleiterin des Regenbogenchors München und der Munich International Choral Society, schrieb: «Die Texte müssen unbedingt ‹stimmig› und vertretbar sein – sonst singen wir das Lied nicht!» Doch das heißt noch lange nicht, dass klassisches Repertoire kategorisch ausgeschlossen wird. Die Liederlichen Lesben aus Frankfurt am Main wählten zum Beispiel für eines ihrer Bühnenprogramme Schumanns «Zigeunerleben», weil es «hervorragend» passte. «Manche Zeilen mussten gar nicht geändert werden, aber alles, was auf ‹Zigeuner› hindeutete, haben wir rausgenommen», so Vorstandsfrau Anka Schoneweg-Merk. Interessanterweise wurde gerade dieses Werk in der Umfrage mehrfach genannt.
Der Chor der Technischen Universität Braunschweig habe dieses Werk neben «Africa» von Toto zwar gesungen, aber «durchaus mit dem Fragezeichen im Kopf, ob man das heutzutage eigentlich noch so machen sollte», so Höing. Die Weilburger Schlosskonzerte wünschten sich von Vox Quadrata explizit dieses Stück. Der Chorvorstand einigte sich laut Finanzvorstand Erik Burger darauf, das Stück im Programm zu lassen, auch ohne die Möglichkeit, auf den problematischen Text hinweisen zu können. Bei ihrer CD-Aufnahme «Friedrich Gernsheim: Hafis, op. 56» gab es aber durchaus eine Textänderung in Nummer 10, aus «Denn ich bin ja schon so dunkel / Wie ein afrikan’scher Neger.» wurde «… / Wie von Ruß der Kohlenträger». Tendenziell am ehesten akzeptiert scheinen kleine Änderungen in Liebesliedern in Bezug auf das Geschlecht zu sein. Beim Regenbogenchor München wurde aus «Molly Malone» «Jonny Malone» und im Song «Somebody loves me» wurde mal «she» und mal «he» gesungen. Manchmal wurde auch gleich das ganze Lied umgedichtet. Die Liederlichen Lesben gestalteten «Bohemian Rhapsody» um zu einer «Lesbischen Rhapsodie» und auf die Melodie von «Walking on Sunshine» entstand der Text «Ich liebe das Leben».
DISKUSSIONEN ÜBER TEXTE LAUFEN SEHR VERSCHIEDEN AB
Auch von wem die Stücktexte diskutiert werden, ist sehr unterschiedlich. Oft entscheidet nur die Chorleitung, zum Teil gibt es eine Abstimmung mit dem Vorstand, hin und wieder wird aber auch der gesamte Chor einbezogen. Im Interreligiösen Chor Frankfurt bereiten einzelne Chormitglieder Kurzvorträge von etwa fünf Minuten zu einzelnen Themen vor wie zum Beispiel zum Psalm 137, Verse sieben bis neun, die sogenannten Racheverse. Danach wird über die verschiedenen historischen, mitunter problematischen (beispielsweise antijudaistischen) und heutigen Auslegungen diskutiert. Im Falle der Racheverse war der Chor laut Chorleiterin Bettina Strübel vor allem auf der Suche nach einem passenden künstlerischen Ausdruck gewesen, denn Ergebnis der Diskussion war, dass auch Rachegedanken Teil unserer überzeitlichen menschlichen Existenz sind und der Unterschied in der Frage von in der Fantasie ausgelebter und tatsächlich vollzogener Rache besteht. Ausprobiert wurde das Sprechen der Verse im Chor oder durch eine einzelne Person, wahlweise aggressiv skandierend oder flüsternd distanziert. Neben die Suche nach einer passenden Interpretation tritt die Möglichkeit, Lieder entsprechend anzumoderieren. Höing berichtete: «Ich habe zum Beispiel schon ‹Rudolph, the Red-Nosed Reindeer› umfangreich anmoderiert, weil ich wichtig fand, ein Lied, in dem es um ein Rentier/Kind geht, das so lange wegen eines Alleinstellungsmerkmals gemobbt wird, für das es nichts kann, bis es sich als ‹nützlich› erweist, nicht völlig unkritisch aufzuführen.» Programmhefttexte hingegen wurden von den Befragten bisher nicht für eine textkritische Sensibilisierung genutzt.
GRÜNDE, WARUM EIN KREATIVER UMGANG MIT TEXTEN ABGELEHNT WIRD
In der Umfrage gab es auch Äußerungen von einigen Chorleiter:innen, für die Textänderungen und alle anderen Formen, um auf Diskriminierungen, Vorurteile und Klischees hinzuweisen, überhaupt nicht in Frage kämen. «Wir sehen es nicht als unsere Aufgabe an, auf Missstände dieser Art hinzuweisen», lautete die Aussage von Oliver Noack, Chorleiter aus Bochum. Michael Frey, Chorleiter aus München, schrieb: «Politisches Sendungsbewusstsein habe ich bei meiner Arbeit nicht. Dass auf das Thema aufmerksam gemacht wird, halte ich für richtig. Texte (oder Musik) zu verändern hingegen, halte ich für völlig falsch. Ich würde ein Stück lieber aus dem Programm nehmen. Da meine Chöre Unterhaltungsmusik machen, kommt auch eine Lösung mit Diskussion über Stücke nicht in Frage.»
Auch im musikwissenschaftlichen Diskurs blieb der eurozentrische und elitäre Werkbegriff des 19. Jahrhunderts lange Zeit unangetastet. Verlage setzen noch heute auf Urtextausgaben und damit auf die Wiedergabe einer vermeintlich genialen, in sich geschlossenen Autorintention, inklusive einer strengen Textgebundenheit. Erst in den letzten Jahren üben einzelne Musikwissenschaftler:innen Kritik an der Vorstellung eines nicht veränderbaren Werkes wie Christa Brüstle, die ein Werk nicht allein als ein Notentext begreift, sondern als Ergebnis eines Aufführungs- und Rezeptionsprozesses. Auch durch die von der Gendermusikwissenschaft angestoßenen Debatten über musikkulturelles Handeln rücken Entstehungsprozesse, Netzwerke, Aufführungspraktiken, Räume, also das familiäre, soziale und gesellschaftliche Umfeld der Musikschaffenden und deren Einflussnahme auf die jeweilige Werkgestalt in den Fokus. Die Idee eines einmal gesetzten Werkes, das nicht verändert werden darf, gerät damit gehörig ins Wanken. Auch in der Musikpraxis gibt es hier je nach Szene deutliche Unterschiede. Während es in der Alten Musik nicht um das Aufführen einer festgesetzten Werkgestalt geht, sondern um die Anwendung einer möglichst historisch korrekten Spieltradition, die schon immer sehr flexibel in der Ausgestaltung der Musik zum Beispiel in Bezug auf die Besetzung und harmonische Begleitung war, ist es bei Crossover-Projekten zwischen populärer und klassischer Musik gerade das Ziel, besonders kreativ und individuell ein bestehendes Werk zu adaptieren. Doch warum tun sich insbesondere die Ausübenden im Vokalmusikbereich schwer damit? Ist es unverfänglicher, Instrumentierung, Klangfarben und Rhythmus eines Musikstücks zu ändern als den Text? Daran anknüpfend stellt sich die Frage, welchen Zweck die Musikausübung erfüllen sollte –Unterhaltung und Freizeit als Ausgleich zum beruflichen Alltag versus Bildung und Teilnahme an Debatten über gesellschaftliche Werte, Gemeinschaft und Geselligkeit versus musikalische Qualität und Klangschönheit.
Im professionellen Musikleben hat insbesondere das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin eine Debatte über die gesellschaftliche Verantwortung öffentlich geförderter Ensembles angestoßen. Seit der Saison 2023/24 gibt sich das Orchester ein Saisonmotto mit einem jeweils klaren Bekenntnis zu bestimmten Werten unserer Gesellschaft, u.a. „Kein Konzert ohne Komponistin!“, „Orchester für die Demokratie“ und „Afrodiaspora – Composing While Black“. Das hat nicht nur zu einer Repertoireerweiterung, sondern auch zum Gewinnen eines jüngeren, weiblicheren und diverseren Publikums beigetragen. Auch Profichöre wie der Rundfunkchor Berlin nehmen durch Gesprächsformate wie die Rundfunkchorlounge an gesellschaftlichen Debatten, zum Beispiel über Kapitalismus, Fake News und Gleichberechtigung, teil.
Die Neuen Vocalsolisten Stuttgart wiederum beteiligten sich durch die Produktion „Balkan Affairs“ an der Aufarbeitung von Kriegserlebnissen aus dem ehemaligen Jugoslawien. Das SWR Vokalensemble veranstaltete im Herbst 2025 ein Kammerkonzert zum Thema „1933–1945: Anpassung oder Selbstbehauptung“. Im Profibereich gibt es mittlerweile somit etliche Akteure, die Position beziehen und sich an gesellschaftlichen und politischen Debatten beteiligen, durch Gesprächsformate, die Aufführung bisher unbekannten Repertoires und Auftragswerke zu bestimmten Themen oder eben auch durch Textanpassungen. Das Dogma ‚Kunst um der Kunst willen‘ gilt schon seit Längerem nicht mehr. Deutlich wird jedoch auch, solche Stellungnahmen brauchen mehr Vermittlungsarbeit fürs Publikum in Form von Symposien, Werkeinführungen oder Podiumsdiskussionen und interne Schulungen durch Expert:innen wie zum Beispiel den Verein Save The World e.V. Auch der Deutsche Chorverband setzte mit seinem Motto „Stimmen der Vielfalt“ beim Deutschen Chorfest in Nürnberg im Mai 2025 und seinem Projekt „Chormusikalische Erinnerungskultur“ ein klares Zeichen für unsere europäische Wertegemeinschaft. Gesellschaftspolitisches Handeln und ein Bekenntnis zu Diversität und damit gegen Diskriminierung ist somit längst Bestandteil auch der Laienchorszene. Dennoch scheint es noch zu wenig Angebote für Chorleitende und Chöre zu geben, sich zum Thema Diskriminierung und den Umgang damit, auch in Bezug auf die gesungenen Liedtexte, zu informieren.
OFT KEINE WEITERGEHENDE SENSIBILISIERUNG FÜR DISKRIMINIERUNG
Denn besonders auffällig war bei der Umfrage vor drei Jahren, dass in den meisten Chören nicht gesondert beziehungsweise gezielt für das Thema Diskriminierung sensibilisiert wurde. Dazu bestand für Noack kein Anlass. Auch Frey sagte: «Wir sind Chöre, die Musik und Unterhaltung machen, und entfalten satzungsgemäß keinerlei politischen Mitteilungsdrang. Chöre selbst sind ja per definitionem integrativ und nicht diskriminierend unterwegs.» Das Thema stelle sich nur bezüglich der Stückauswahl und da habe es bisher keinen Widerspruch – weder vom Chor, noch von Mitgliedern, noch vom Publikum – gegeben, außer bei rückschrittlichen Frauenbildern. Auch hier fällt auf, dass potenziell selbst von Diskriminierung Betroffene dieses Thema mehr mitdenken. «Dieses Thema ist stets zentral in meiner Chorarbeit – dadurch, dass wir Texte singen, singen wir ja auch Statements et cetera. Das Chorsingen hat somit immer eine etwas ‹politische› Seite – es gilt, unbedingt bewusst und verantwortungsvoll damit umzugehen …», erklärte Kitchens. «Ich bin transgender und daher vermutlich eine ständige Sensibilisierungserinnerung für meine Sänger:innen», so Höing. Sein Chor der Technischen Universität Braunschweig hat eine Selbsterklärung für eine LGBT Safe Zone verfasst und prominent auf die eigene Startseite gesetzt. Auch Rassismus sei aufgrund der Mitglieder aus verschiedenen Herkunftsländern nie ein Problem gewesen.
Die damalige Umfrage zeigte vor allem eines – es ist ein Thema, das polarisiert: musikalische Qualität versus individuell oder für die Gruppe passender Text, Unterhaltungsgedanke versus Vermittlung eines politischen Bewusstseins, kategorische Ablehnung von Textänderungen beziehungsweise kategorisches Aussortieren von Stücken versus kreativer Umgang. Der Blick in den Profibereich und in die Arbeit der Dachverbände zeigt jedoch deutlich, dass es sicher nur noch eine Frage der Zeit ist, bis das wachsende Bewusstsein für die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung auch im Laienchorbereich ankommen wird und sich in einem Wandel des Chormusikkanons und der Vermittlungsarbeit im Hinblick auf problematische Texte, aber auch alle weiteren Formen der Diskriminierung niederschlägt.
Carus legte anlässlich des Chorfestes den Band „Choral Music Composed by Women“ im Herbst 2024 vor, bei der Edition Peters befindet sich gerade der Band „Uplifted Voices. Chormusik von Komponistinnen für Sopran- und Altstimmen“ im Druck – ein klares Bekenntnis zur Erweiterung des Chormusikkanons im Hinblick auf einen diskriminierungssensiblen Umgang in diesem Fall in Bezug auf die komponierenden Personen. Es bleibt also zu hoffen, dass weitere Ausgaben und mehr Angebote zum Thema Diskriminierung bzw. Vielfalt im Chorbereich folgen werden.
https://kulturshaker.de/diskriminierende-kinderliede
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