Für ein gemeinsames Konzert bei der chor.com-Messe kooperieren der Landesjugendchor und das SWR Vokalensemble. Projektleiter Laurin Müller im Interview.
Auf Initiative der Chorverbände im Land kooperieren der Landesjugendchor Baden-Württemberg (LJC) und das SWR Vokalensemble für ein Projekt bei der chor.com-Messe. Am 3. Oktober gestalten die beiden Chöre gemeinsam ein Konzert in der Leipziger Peterskirche. Für die Jugendlichen eine außergewöhnliche Chance. Wie es dazu kam, was geplant ist und was sich der LJC davon verspricht, erzählt Projektleiter Laurin Müller im Interview mit der SINGEN.
Lieber Herr Müller, mit Profichorsänger:innen gemeinsam auf der Bühne stehen kommt für den LJC nicht allzu oft vor. Ging die Initiative zu diesem gemeinsamen Projekt vom LJC aus?
Tatsächlich ging die Initiative weder vom SWR Vokalensemble noch von uns aus, sondern von der Organisation der chor.com. Wir hatten im Vorhinein gar nichts geplant. Als wir dann angefragt wurden, war für uns relativ schnell klar, dass das sehr gut funktionieren könnte. Die Idee dazu kam von den vier Chorverbänden im Land. Von Johannes Pfeffer wurden wir letzten Sommer gefragt, ob wir nicht Interesse hätten, als Ensemble aus Baden-Württemberg an der chor.com teilzunehmen. Und dann wurden wir im November nochmals von der Organisation angefragt, ob denn nicht ein Kooperationskonzert interessant für uns wäre. Für uns war sofort klar: Wir wollen das auf jeden Fall machen, das ist für die Jugendlichen spannend! Allein hätten wir es nicht auf die Reihe bekommen. Für den Anstoß vom Schwäbischen Chorverband sind wir echt dankbar!
Das SWR Vokalensemble kennt man ja vor allem für die Interpretation von zeitgenössischer Musik und klassischer Moderne – für jugendliche Sänger:innen eine Herausforderung. Hat das bei der Programmauswahl eine Rolle gespielt?
Der Konzerttitel lautet „Aufbruch – Moderne“ und das SWR Vokalensemble singt nur Stücke von Olivier Messiaen. Auch das gemeinsame Stück wird von Messiaen sein. Für die Jugendliches ist das relatives Neuland. Deswegen haben wir uns darauf geeinigt, dass der Jugendchor ein Jahrhunderte übergreifendes Programm mit einem Schwerpunkt auf zeitgenössischer Musik singt.
Die Kooperation mit dem SWR und dessen Profil war dann die Inspiration, Ihr Programm auch zeitgenössisch auszulegen?
Hätten wir vermutlich, aber das Programm, das wir aufführen werden, steht als solches schon. Unsere Baustelle als Jugendchor ist immer, dass der Landesjugendchor ein Projektchor ist. Das heißt, wir treffen uns nicht sehr regelmäßig, eben nur zweimal im Jahr. Und um so ein fantastisches, aber auch eben anstrengendes Projekt wie die chor.com stemmen zu können, brauchen wir ein Programm, das schon existiert. Und dieses Programm haben wir letzten Herbst zusammen mit der polnischen Dirigentin Agnieszka Franków-Żelazny aufgeführt.
Dann sind bei der chor.com wahrscheinlich überwiegend die Jugendlichen dabei, die letztes Jahr schon mitgesungen haben?
Es gibt bei uns nicht den Chor. Das ist jede Phase ein anderer Chor, der miteinander singt. Von der letzten Phase, als wir dieses Programm aufgeführt haben, haben aber etwa 95 Prozent der Jugendlichen wieder zugesagt. Durch die Förderung und die Unterstützung durch den Landesmusikverband und das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst haben wir die Möglichkeit, jeden, der möchte, auch nach Leipzig mitzunehmen. Ich finde, das ist eine großartige Chance für die Jugendlichen!
Was umfasst die Förderung, die Sie gerade angesprochen haben?
Die Förderung trägt einen Großteil der anfallenden Kosten für Reise, Unterkunft und Honorare. Durch die Förderung der Chorverbände und einen Beitrag des Landesmusikrates müssen die Teilnehmenden nur einen kleinen Eigenbeitrag bezahlen. Dafür sind wir sehr dankbar.
Die Jugendlichen im Chor sind zwischen 15 und 25 Jahre alt. Dann ist diese Gruppe vermutlich auch eine heterogene Mischung bezüglich Alter und Erfahrung?
Genau, das ist tatsächlich etwas, worauf wir Wert legen. Denn die älteren oder erfahrenen Jugendlichen sollen natürlich den Jüngeren – wir haben 15-, 16-Jährige, die fast noch nie in einem Chor gesungen haben – auch das Wissen und die Freude am gemeinsamen Singen weitergeben.
Wie sieht der Zeitplan für Leipzig aus?
Wir fahren am 30. September, einem Donnerstag, hoch, werden dann erst noch einen ganzen Tag proben. Dann haben wir am Samstag den Probentag erst alleine, dann mit dem SWR Vokalensemble zusammen. Die haben einen ziemlich voll getakteten Tagesplan, das habe ich schon mitbekommen. Wir gehen davon aus, dass wir am Nachmittag in der Peterskirche zusammen proben werden und abends das Konzert haben.
Welche Vorteile versprechen Sie sich aus dieser Kooperation?
Für uns und vor allem für die Jugendlichen ist es eine fantastische Chance, mit solchen professionellen Sängerinnen und Sängern zu arbeiten. Es war auch bei der letzten Kooperation so, dass die Jugendlichen wahnsinnig viel rausnehmen konnten. Als Jugendchor sind wir auf einer semiprofessionellen Ebene unterwegs, aber viele Jugendliche überlegen sich, beruflich in die Musik zu gehen; vielleicht nicht als Solokünstler, aber als Schulmusiker. Mit Profis zu arbeiten, ist für die Jugendlichen eine fantastische Chance und die haben wir natürlich sofort ergriffen. Auch die Arbeit mit Yuval Weinberg [dem aktuellen Chefdirigenten des SWR Vokalensembles, Anm. d. R.] ist wirklich herausragend. Wir konnten ihn 2024 das erste Mal gewinnen, mit uns zusammen eine Probenphase zu arbeiten. Die Jugendlichen sind dann von Minute eins einfach wach.
Haben Sie denn mit dem Management des Vokalensembles schon darüber gesprochen, ob weitere Zusammenarbeiten in Zukunft auch möglich und gewünscht sind?
Wir haben noch nicht konkret darüber gesprochen. Ich weiß aber auch, dass das SWR Vokalensemble diese Art von Kooperation sehr schätzt. Die sind natürlich sehr beschäftigt, das ist ein Profi-Ensemble, aber auch Herr Weinberg schätzt den Landesjugendchor sehr, sonst wäre er nicht noch mal gekommen [Er leitete Ende Mai die jüngsten Konzerte des LJC, Anm. d. R.]. Wir hoffen natürlich, dass es noch weitere Kooperationen gibt.
Wie schätzen Sie den Stellenwert ein, den solche Kooperationen im Hinblick auf ein starkes Chorland Baden-Württemberg haben?
In Baden-Württemberg sind wir sehr gut aufgestellt. Das merke ich persönlich am Zulauf, den dieser Chor hat. Das war vor einigen Jahren noch nicht so. Die Arbeit auf der lokalen Ebene bei den Jugendchören, bei den Kantoreien ist auch sehr gut. Und diese Art von Kooperation führt das Singen für die Jugendlichen auf ein ganz anderes Level.
Könnte so ein Projekt auch ein Anstoß für die Jugendlichen sein, noch in anderen Chören zu singen und die Qualität und die Leidenschaft für das Chorsingen noch mehr zu verbreiten?
Auf jeden Fall! Diese Art von Projekten führt dazu, dass die Jugendlichen aus ihrer normalen musikalischen Schiene rauskommen können. Der Landesjugendchor hat einen ziemlichen Schwerpunkt auf klassischer Chormusik. Das zeitgenössische Programm führt ihr Augenmerk vielleicht ein bisschen mehr auf diese Art Musik, die sie dann außerhalb von unserem Projektchor weiterführen können. Eigentlich jeder Chorsänger des Landesjugendchores singt in mindestens einem anderen Chor, eher zwei oder drei verteilt im ganzen Ländle.
Es klingt nach einem großen Luxus, den die Jugendlichen im LJC bekommen können. Richten Sie angesichts der Fördergelder auch eine Erwartungshaltung an die Sänger:innen im Sinne: ‚Hey, ihr kriegt hier etwas von uns, aber macht was draus!‘ ?
Die habe ich eigentlich immer. Es muss schon klar sein, dass solche professionellen Arbeitsphasen nicht selbstverständlich sind. Und dafür erwarten ich und die künstlerische Leitung, in diesem Fall Herr Weinberg, eine gewisse Professionalität, Ernsthaftigkeit und Disziplin. Und die Jugendlichen verstehen das auch.
Gibt es auch eine Erwartungshaltung über das Projekt hinaus, die erlernten Kompetenzen in anderen Kontexten anzuwenden?
Ja, das Schöne ist, die Jugendlichen tun das eigentlich von alleine. Ich muss sie nicht dran erinnern. Sehr häufig gehen die Jugendlichen, die bei uns einige Jahre Erfahrung haben, damit in ihre Chöre, leiten Registerproben oder übernehmen eine Assistenzstelle. Man merkt, dass diese Jugendlichen nicht nur nehmen, sondern dass sie – wenn sie ein bisschen älter und erfahrener werden – das auch weitergeben. Überdurchschnittlich viele, die bei uns mitsingen, werden durch den Chor so geprägt, dass sie daraufhin in irgendeiner Form etwas mit Musik studieren oder eine Ausbildung machen möchten. Wir haben einige, die probieren, etwas anderes zu studieren und nach spätestens ein, zwei Jahren feststellen: Das ist es nicht, die Musik ist es! Vermutlich werde ich in einigen Jahren jeden Schulmusiker in Baden-Württemberg kennen. lacht
Wie wichtig ist es aus Ihrer Sicht, dass ein großes Highlight, ein Ziel wie dieser gemeinsame Auftritt mit dem SWR Vokalensemble bei der chor.com am Ende eines Projektes steht?
Wir sind generell in der guten Position, dass die Jugendlichen überdurchschnittlich hohe Motivation an den Tag legen. Aber so ein tolles Projekt ist für uns nicht alltäglich und nicht selbstverständlich. Seit sie wissen, dass wir dorthin fahren, freuen sie sich sehr darauf, auch so ein bisschen Baden-Württemberg präsentieren zu dürfen und sind noch motivierter dabei – wenn das überhaupt geht.
Ein gutes Zeichen für die sängerische Zukunft im Chorländ?
Absolut! Ich bin da sehr zuversichtlich. Ich sehe es jedes Jahr spätestens bei unserem Vorsingen, wenn dann 50 Jugendliche kommen. Das Potenzial auch für die Chorlandschaft im Erwachsenenchor ist wirklich da. Das ist sehr erfreulich und wahrscheinlich nicht selbstverständlich.
Vielen Dank für das Gespräch!
Info:
Laurin Müller, Jahrgang 1997, kam 2017 als Sänger zum Landesjugendchor und ist seit 2024 dessen organisatorischer Leiter im Auftrag des Landesmusikrates. Zu seinen Aufgaben zählt u.a. das Auswählen der Dirigent:innen, Chorsänger:innen und Stimmbilder:innen. Hauptberuflich ist er als Assistenzarzt in der Schweiz tätig.
Seit der Gründung 1979 haben im Landesjugendchor Baden-Württemberg über 1.000 Jugendliche und junge Erwachsene im Alter zwischen 15 und 25 gesungen. In der Regel finden zwei Projektphasen pro Jahr mit wechselnden Dirigenten statt. Als sogenannter Patenchor kooperierte der LJC bereits in der Saison 2016/17 mit dem SWR Vokalensemble.

