Freiheit ist nur in dem Reich der Träume
Früher legten Singvereine Wert darauf, für ihre Organisation ein eigenes Motto auszuwählen. Dieser „Wahlspruch“ wurde dann gern auf diversen Gegenständen wiedergegeben.
Auf Sängerfahnen und anderen Requisiten (z. B. auf Briefköpfen, Festpostkarten, Urkunden und Ehrengeschenken) finden wir häufig sogenannte Vereinsdevisen zitiert. Zu den bekanntesten und literarisch wertvollsten Wahlsprüchen gehört zweifellos:
„Freiheit ist nur in dem Reich der Träume,
Und das Schöne blüht nur im Gesang.“
Kein Wunder! Es ist Friedrich Schiller, der diese Zeilen geschrieben hat. Sie stammen aus der letzten Strophe seines um 1801 geschaffenen Gedichts „Der Antritt des neuen Jahrhunderts“. Die meisten Wahlsprüche der Gesangvereine dagegen haben keine so namhaften Schöpfer und kommen in eher geschwollener als anspruchsvoller Sprache daher. Es sind Verse wie: „Das Höchste im ewigen Reiche der Töne / ist Einklang der Stimmen aus menschlicher Brust“, oder: „O grüne fort und blühe lang / Du edler deutscher Männersang“.
Den genannten Devisen merkt man gleich an: Sie stammen aus bildungsbürgerlichen Sängerkreisen. Aus den Reihen der Arbeiterschaft hören wir dagegen Sprüche wie „Im Klange rein / im Worte frei / Sei deutscher Sänger Melodei“. Oder deutlicher: „Das freie Lied, o Proletar, sei dein Panier auf immerdar“. Auf der 1902 geweihten Fahne des Ludwigsburger Arbeiter-Gesangvereins Vorwärts stand sogar zu lesen: „Das Lied ist unsrer Waffen Zier, für Wahrheit, Freiheit kämpfen wir!“
Der lange Zeit häufigste Sängerspruch aber lautete schlicht und einfach: „In Freud und Leid zum Lied bereit“. Er ist so allgemein, dass er für alle passt. „Treu wie Gold, stark wie Erz / ist des frohen Sängers Herz“ – ein Sängerwahlspruch, den man auf einem Bierkrug findet; das passt zusammen. „Treu unser Herz! Wahr unser Wort! Deutsch unser Lied! Gott unser Hort!“ dagegen lässt ein gewisses Pathos spüren, das die stark national geprägte Stimmung der Kaiserzeit widerspiegelt.
Doch zurück in die Zeit vor der Reichsgründung. 1857 erhielt das sogenannte „Stauferbanner“, die Schwenkfahne des Schwäbischen Sängerbunds (Chorverbands) die Inschrift: „Noch blüht im Schwabenlande heut das Lied wie einst
zur Stauferzeit“. Schöpfer des Wahlspruchs war der damalige Verbandspräsident Karl
Pfaff (1795-1866). Pfaff war Historiker und Verehrer der mittelalterlichen Stauferkaiser. Und er war ein Liberaler, der die Einigung Deutschlands in einem neuen Kaiserreich befürwortete.
„Das ganze Deutschland soll es sein“ hieß schließlich das Motto, das der Deutsche Sängerbund (Chorverband) 1865 auf sein Bundesbanner auftragen ließ. Diese politische Forderung war damals noch ziemlich brisant. Wohl deshalb hat man das Schriftband erst kurz vor der Fahnenweihe mit ein paar Nadelstichen flüchtig auf das Banner genäht. Auf einer Gedenkmedaille des Chorverbands aus dem selben Jahr hieß es dagegen ganz unverfänglich: „Herz und Lied frisch frei gesund wahr´ dir´s Gott du Sängerbund“.
Zuletzt noch eine kleine Erinnerung an den einst weit verbreiteten „Deutschen Sängergruß“ von Albert Methfessel (1785-1869): „Grüß Gott mit hellem Klang / Heil deutschem Wort und Sang“. Wer davon eine musikalische Darbietung hören möchte, kann dies bei YouTube tun. Man findet dort eine eindrucksvolle Aufnahme des Stuttgarter Liederkranzes unter der Leitung von Prof. Walther Schneider (1916-2010).
Den jüngeren Sänger:innen ist diese Form des musikalischen Grußes aber wohl eher fremd. Zur Begrüßung werden heute andere Formeln gebraucht als das Wünschen von „Heil“ und das Anrufen von „Gott“. Auch ist das Deutsche in „Wort und Sang“ keineswegs mehr zwingend anzuwenden oder zu suchen. So findet man denn inzwischen unter den jüngeren Vereinsdevisen verständlicherweise eher Begriffe wie „Vielfalt“ als nationale Abgrenzungen.





