– Warum Chöre ihre Zielgruppen neu denken müssen
Die Frage nach neuen Mitgliedern oder Sängern gehört inzwischen zum Alltag vieler Vereine und Chöre. Sie wird häufig dringlich gestellt, manchmal auch resigniert. „Wir brauchen Nachwuchs“ – dieser Satz fällt schnell. Doch genau hier beginnt oft das Problem: Denn wer bei Nachwuchs ausschließlich an Kinder und Jugendliche denkt, greift zu kurz.
Aber wussten Sie schon? Unser Dachverband, der Schwäbische Chorverband (SCV), und die Akademie der Amateurmusik Baden-Württemberg (AdAM) bieten spezifische Förderprogramme und Coachings zur Mitgliedergewinnung und Vereinsentwicklung für Chöre und Musikvereine an. Gerne können Sie sich hier bei beiden Institutionen darüber informieren.
Mitgliedergewinnung ist zwar auch die Frage nach einer möglichen Zielgruppe. Sie ist aber vor allem eine Frage der Haltung.
Der Begriff „Nachwuchs“ sollte deshalb für viele Vereine neu gedacht werden. Er meint nicht nur die nächste Generation im biologischen Sinn, sondern alle Menschen, die neu dazukommen können. Und das betrifft deutlich mehr Gruppen, als viele Vereine bisher im Blick haben.
Ein Verein oder Chor, der wachsen will, muss sich zunächst selbst ehrlich fragen: Wen sprechen wir eigentlich an – und wen nicht – und warum nicht?
1. Nachwuchs ist mehrdimensional
Kindern und speziell Jugendlichen rücken zunehmend in den Hintergrund. Der Anspruch auf Ganztagsbetreuung und der zunehmende zeitliche Anteil von Schule an der Freizeit dieser Zielgruppe braucht verlässliche Partner und da sind wir singende Vereine aus Sicht der Schule an manchen Stellen uninteressant. Wer es bis jetzt nicht geschafft hat, Fuß in der Schule zu fassen, wird sich auf lange Sicht schwertun. Deshalb rücken vielleicht andere interessante Gruppen in den Fokus:
• Junge Erwachsene in Ausbildung, Studium oder Berufsstart, die flexible und unverbindliche Formate oder Projekte suchen
• Menschen in Umbruchphasen (Umzug, Jobwechsel, Trennung), die Anschluss suchen
• Wiedereinsteiger:innen, die früher gesungen haben und zurückkehren möchten
• Berufstätige mit wenig Zeit, die klare, verlässliche Strukturen brauchen
• Ältere Menschen, die bewusst Gemeinschaft und Aktivität suchen
Wer nur eine dieser Gruppen anspricht, verschenkt Potenzial. Erfolgreiche Vereine denken Mitgliedergewinnung heute als ein Zusammenspiel verschiedener Zugänge und kommen so ihrer satzungsmäßigen Aufgabe nach „Menschen musikalisch zu fördern“.
2. Attraktivität entsteht nicht durch Werbung – sondern durch Passung
Viele Verein und Chöre investieren Energie in Flyer, Social-Media-Kampagnen oder Veranstaltungen, die es genauso braucht, um sichtbar zu werden – wundern sich aber, warum der Effekt begrenzt bleibt. Der Grund ist einfach: Menschen entscheiden sich nicht für einen Chor wegen eines Flyers, sondern wegen eines Gefühls.
Die entscheidende Frage lautet: Passt dieser Chor zu mir und meinem Leben?
Das betrifft drei zentrale Bereiche:
• Struktur: Probenzeiten, Verlässlichkeit, Verbindlichkeit
• Atmosphäre: Umgangston, Offenheit, Willkommenskultur
• Inhalt: Repertoire, Anspruch, Entwicklungsmöglichkeiten
Mitgliedergewinnung beginnt deshalb intern. Wer nicht klar sagen kann, wofür der eigene Chor steht, wird auch nach außen schwer überzeugen.
3. Niedrigschwellige Zugänge schaffen
Ein häufiger Denkfehler: Neue Mitglieder müssen sich sofort vollständig integrieren. Doch gerade für neue Zielgruppen braucht es Übergänge. Sicherlich ist ihnen das alles bekannt und dennoch gehört es als wichtiger Bestandteil in diesen Artikel.
Mögliche Formate sind:
• Projektchöre mit begrenzter Laufzeit
• offene Proben oder „Bring-a-friend“-Abende
• thematische Workshops (z. B. Pop, Stimmbildung, Bühnenpräsenz)
• Kooperationen mit Schulen, Betrieben oder anderen Vereinen
Solche Formate senken die Einstiegshürde – ohne den Kern des Chores aufzugeben.
Wenn ich durch eine Kooperation meine Zielgruppe verdopple, weil durch meinen Kooperationspartner andere Menschen auf mich aufmerksam werden, ist der Effekt gleich doppelt gewinnbringend.
4. Klarheit statt Beliebigkeit
Ein Chor muss nicht alles für alle sein. Im Gegenteil: Je klarer das Profil, desto leichter fällt die Entscheidung für neue Mitglieder. Es muss jedoch eines klar sein – Luxus, Menschen abzuweisen kann ich mir dann leisten, wenn ich ausreichend Menschen in meinen Chören habe. Idealerweise, wenn meine Unkosten durch die Mitgliedsbeiträge gedeckt sind.
Das bedeutet auch, bewusst zu entscheiden:
• Wollen wir leistungsorientiert arbeiten oder breit offen sein?
• Steht Gemeinschaft oder musikalischer Anspruch im Vordergrund?
• Welche Entwicklungsmöglichkeiten bieten wir an?
Diese Klarheit schafft Orientierung – nach innen und nach außen.
Das ist das eine. Uns muss klar sein, dass Menschen zu uns kommen, das auch erwarten. Die Menschen, die zu uns kommen, kommen aus Berufen, die mit ihren Ressourcen sorgsam umgehen, und das müssen Vereine auch. Geht sorgsam mit den Menschen um, die zu euch kommen.
5. Mitgliedergewinnung ist Beziehungsarbeit
Am Ende bleibt eine einfache Wahrheit: Menschen kommen selten wegen des Programms – sie bleiben wegen der Beziehungen.
Wer neue Mitglieder gewinnen will, muss sich kümmern:
• persönliche Ansprache statt anonymer Werbung
• Begleitung in den ersten Wochen
• klare Ansprechpartner
• echtes Interesse am Gegenüber
Ein Chor ist kein Produkt. Er ist ein sozialer Raum. Und genau darin liegt seine größte Stärke.
6. Unterstützung nutzen und weiterdenken
Programme wie die Angebote der Akademie der Amateurmusik Baden-Württemberg oder Initiativen des Schwäbischen Chorverbands bieten wertvolle Impulse, um Vereine in diesen Prozessen zu begleiten. Sie können helfen, Perspektiven zu erweitern und neue Wege auszuprobieren. Führen Sie z. B. den Vereinscheck durch & nehmen Sie ein Coaching in Anspruch.
Weitere potentielle Hilfsmittel sind die Strategieseminare und Fördermittel über Organisationen, wie den BMCO (Bundesmusikverband Chor und Orchester) u. a. Wir beraten Sie hier gerne.
Doch entscheidend bleibt: Jeder Verein muss seinen eigenen Zugang finden. Vor kurzem haben wir im Chorverband Karl Pfaff ein Seminar zum Thema „Öffentlichkeitsarbeit“ durchgeführt. Dort hat es eine Teilnehmerin treffend formuliert: „Ehrlicherweise kann ich Vereine, die im Mangel leben, langsam auch nicht mehr hören. Weil: Wer will zu einem Mangel dazu gehen? Beispielsweise: Wir suchen dringend Männerstimmen. Welcher Mann will dahin?“ Und genau das drückt es aus. Geht mit den Menschen gut um, die schon bei euch singen und sorgt dafür, dass es toll, wenn nicht sogar einzigartig ist, bei euch im Chor zu singen.
Fazit
Mitgliedergewinnung ist keine kurzfristige Kampagne. Sie ist ein interner Weg, der Menschen mitnimmt und ihnen einen Ort schenkt, an dem Gemeinschaft und Musik verbinden.
Wer heute erfolgreich sein will, muss sich von engen Vorstellungen lösen und Nachwuchs als das begreifen, was er ist: die Chance, den eigenen Chor weiterzuentwickeln.
Oder anders gesagt:
Nicht die Menschen müssen zum Chor passen – der Chor muss anschlussfähig werden.

