SCJ-Musikdirektor Andreas Schulz, der Evangelische Kirchenmusik studiert hat, erläutert einige Spielregeln
Meist ist in unseren Vereinschören alles geregelt. Wir proben in einem Schulgebäude oder einem anderen öffentlichen Raum, den uns die Kommune zur Verfügung stellt. Unsere Konzerte finden dann in einem schönen Konzertsaal, im Bürgersaal oder auf dem Land auch gerne mal in der Mehrzweckhalle statt. Das Repertoire ist auch klar: alles was Spaß macht, schön klingt, zu unserem tradierten Repertoire gehört und was von Schwierigkeitsgrad und Stimmverteilung zu unserem Chor passt. Wobei das natürlich je nach Chorgattung und Geschmack ein breites Feld sein kann. Was bedeutet es aber, wenn wir mit dem Kirchlichen und Geistlichen in Berührung kommen?
Immerhin besteht die Gesamtheit der Chormusik zu einem beträchtlichen Teil aus geistlicher Musik, je weiter man in die Vergangenheit blickt, desto größer ist der jeweilige Anteil. Dieser Kontakt kann auf mehrere Arten zustande kommen. Vielleicht nur durch die Frage: „Machen wir unser nächstes Jahreskonzert mal in der Kirche“ oder „Wir wurden angefragt, ob wir an Weihnachten im Gottesdienst singen können“.
Um sich den beiden Fragen zu nähern, ist erst einmal wichtig wahrzunehmen, dass geistliche Musik eine deutlich andere Ausrichtung hat, als weltliche Musik, welche sich in den oben sehr verkürzt angegebenen Kriterien widerspiegeln kann.
Einer der größten Komponisten geistlicher Musik, Johann Sebastian Bach, unterzeichnete viele seiner Werke mit der Signatur „S. D. G.“ – „Soli Deo gloria“ – übersetzt: Allein Gott die Ehre. Das gibt eigentlich schon sehr umfassend den Zweck von geistlicher Musik an, sie wird zu Ehren Gottes musiziert. Das sollten wir bedenken, wenn wir uns damit beschäftigen, ein Konzert in einer Kirche zu planen. Eine Kirche ist nicht ein Raum wie jeder andere, sondern bedarf besonderer Überlegung. Auch als Tourist achtet man auf seine Kleidung, wenn man eine Kirche besichtigen möchte und genauso sollte man auf seine Literatur achten, wenn man in einer Kirche konzertieren möchte. Die einfachste Formel dafür lautet: Geistliche Musik gehört in die Kirche und weltliche Musik in den Konzertsaal. D.h.: Wenn ich mich mit einer Kirche als Konzertraum beschäftige, sollte die passende Literatur dafür gewählt werden und das sollte auch der Hauptgrund der Überlegungen sein und nicht etwa, weil die Akustik in der Kirche so gut ist und weil man da nicht aufstuhlen muss. Übrigens finde ich es persönlich genauso unpassend, geistliche Musik z.B. in einer Mehrzweckhalle zu musizieren. Wobei das kein ausschließendes Diktat sein soll: Ich kann mir in beiden Kontexten Ausnahmen, Durchmischungen oder Aufbrechungen des Gewohnten vorstellen, aber ich appelliere daran, sich (wie übrigens mit jedem Konzertprogramm) eingehend gedanklich mit dieser Thematik zu beschäftigen.
Noch einen Schritt weiter muss man gehen, wenn man als Chor in einem Gottesdienst mitwirkt. Da erfüllt die Musik zusätzlich zum „Lobe Gottes“ noch liturgische Aufgaben, d.h. es sind an verschiedenen Stellen des Gottesdienstes andere Lieder und Musikstücke passend oder unpassend. Und das differiert je nach Konfession, Landeskirche und örtliche Gegebenheit. Da sollte man sich, wenn eigene Erfahrung oder Expertise fehlt, unbedingt Hilfe dazu nehmen, z.B. den/die Pfarrer:in.
Ein weiterer Berührungspunkt mit der örtlichen Kirchengemeinde kann sich ergeben, wenn der Vereinschor z.B. im Gemeindehaus probt. Bei der Überlegung, was es dabei zu beachten gibt, kommt man wahrscheinlich mit zwei Regeln des gesunden Menschenverstandes zurecht: „Benimm dich wie ein Gast“ und „Eine Hand wäscht die andere“. Der erste Satz findet ja Anwendung, egal wo man probt und versteht sich von selbst. Der zweite Satz könnte bedeuten, dass sich der Chor auch mal an kirchlichen Aktivitäten beteiligt, z.B. einen Gottesdienst musikalisch mitgestaltet.
Ich bin überzeugt: Das meiste des oben Gesagten ist sowieso an vielen Orten schon gelebte Praxis.