Dort heißt es unmittelbar nach der Geburt Jesu in Bethlehem:
„In dieser Gegend lagerten Hirten auf freiem Feld und hielten Nachtwache bei ihrer Herde. Da trat ein Engel des Herrn zu ihnen und die Herrlichkeit des Herrn umstrahlte sie und sie fürchteten sich sehr. Der Engel sagte zu ihnen: Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteilwerden soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Christus, der Herr. Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt. Und plötzlich war bei dem Engel ein großes himmlisches Heer, das Gott lobte und sprach: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens.“
Während der Evangelist Matthäus die „Magier (Sterndeuter) aus dem Morgenland“, später die „Heiligen Drei Könige“ genannt, in die Weihnachtsgeschichte eingebracht und damit die gesellschaftliche Oberschicht ins Spiel gebracht hat, ehrte Lukas mit den Hirten die damalige Unterschicht als Zeugen und Verkünder der Geburt Jesu.
Und nehmet Schalmeien und Pfeifen mit euch!
Weiter heißt es bei Lukas:
„Und es geschah, als die Engel von ihnen in den Himmel zurückgekehrt waren, sagten die Hirten zueinander: Lasst uns nach Betlehem gehen, um das Ereignis zu sehen, das uns der Herr kundgetan hat! So eilten sie hin und fanden Maria und Josef und das Kind, das in der Krippe lag. Als sie es sahen, erzählten sie von dem Wort, das ihnen über dieses Kind gesagt worden war. Und alle, die es hörten, staunten über das, was ihnen von den Hirten erzählt wurde.“
In vielen Weihnachtsliedern, von einfachen Volksliedern bis hin zu großen Festchören, ist dieser Bericht aufgegriffen worden. In dem Liedchen „O laufet ihr Hirten“ (19. Jh.) heißt es:
„O laufet ihr Hirten, lauft alle zugleich!
Nehmet Schalmeien und Pfeifen mit euch!
Lauft alle zumal mit freudigem Schall
auf Bethlehem zum Kripplein, zum Kripplein im Stall!“
Musik der Hirten
Lukas erwähnt in seinem Geburtsbericht zwar keine musikalische Darbietungen von Engeln oder Hirten, aber die angedeuteten Lobpreisungen legten später bei den Leser:innen den Gedanken nahe: Da spielte die Musik! Und dieser Jubel nahm im religiösen Brauchtum dann musikalische Gestalt an. Schon auf den mittelalterlichen Altarbildern erscheinen die Hirten an der Krippe nicht nur mit Lämmern, sondern auch mit Instrumenten: mit Schalmeien, mit Pfeifen (Dudelsäcken) und mit einfachen Saiteninstrumenten.
Man sieht diese Dinge auch bei Krippenfiguren, z. B. bei den hier abgebildeten Hirtenmusikanten einer alten Papierkrippe, ebenso auf jener Altartafel des Jan de Beer (um 1515), die dem Plattencover „Weihnacht der Hirten“ zugrunde liegt. Diese Plattenedition (Deutsche Harmonia Mundi 1960) versammelt eine Reihe der beliebten Werke zum Thema, z. B. Michael Haydns Cantate „Lauft, ihr Hirten, allzugleich“.
Vom Andachtsjodler bis zur Pastorale
Wie man auf den Weihnachtsdarstellungen sieht, musizieren die Hirten ausschließlich instrumental, also nicht vokal. Der ursprüngliche „Gesang der Hirten“ bestand nämlich vor allem aus Jodeln und diente der Kommunikation über größere Entfernungen. Einen „Andachtsjodler“, der gern in der Christmette vorgetragen wurde, kennen wir aber dennoch; er stammt aus Südtirol.
Man kann nicht über „Hirtenmusik“ reden, ohne wenigstens kurz an die Pastorale zu erinnern. Das lateinische Wort „Pastor“ bedeutet ja Hirte, und mit Pastorale bezeichnet man in der Bildenden Kunst und in der Literatur idyllische Darstellungen des Hirten- und Schäferlebens. In der Musik ist die Pastorale „eine Gattung der Instrumentalmusik, die oft einen ruhigen, lieblich-wiegenden Charakter hat und im Dreiertakt (z. B. 12/8) erklingt. Sie kann auch typische Hirteninstrumente wie Dudelsack, Drehleier oder Oboen nachahmen und wird als eigenständige Komposition oder als Teil eines Werks verwendet“.
Sterbender Beruf – lebendige Musik
Wie ist es nun heute um die Hirtenmusik bestellt? Schließlich ist der Beruf des Viehhirten und Schäfers nahezu ausgestorben. Erfreulicherweise kann man aber feststellen: Es gibt immer noch Interessent:innen, die die kulturellen Ausdrucksformen der Hirten zu bewahren versuchen. Dazu gehörte in den vergangenen Jahren z. B. die Volkstanzgruppe Frommern, die mit dem Dudelsackfestival „Sackpfeifen in Schwaben“ einen Beitrag leistete, oder die „Hirtenhornausstellung“ beim Landesfest in Bad Urach 2010.
In Villingen wiederum wird an Heiligabend noch auf Hörnern der alte „Kuhreihen“ geblasen, den früher die Kuhhirten spielten. Das gleiche gilt für die diversen „Schäferläufe“, bei denen auch noch musikalische Traditionen gepflegt werden. Dazu ein Aufruf aus Telemanns „Weihnachtsoratorium“:
„Hirten aus den goldnen Zeiten,
Blast die Flöten, rührt die Saiten!
Euer Tagewerk sei Freude,
Euer Leben sei Gesang!“
Allen Leser:innen ein Frohes Fest!
Anzeige




