„Manche sagen, alle Chorleiter seien Entertainer. Ich würde sagen, es sieht nur so aus, weil es Teil ihrer Rolle ist, ein paar Dutzend Leute bei Laune zu halten.“ Stefan Moster positioniert sich gerne in seinem 2025 erschienenen Buch, in dem er rühmend das Singen im Amateurchor betrachtet.
n der Ich-Form, mal formuliert er aus Sicht des Wir-Kollektivs, mal blickt er vermeintlich neutral oder sogar annähernd wissenschaftlich auf Umstände und Geschehnisse, mal gibt er sich als allwissender Erzähler. Die Stärke des Buches ist es, sprachlich Nähe zu erzeugen und dennoch sachbuchhaft lehrende Züge zu verbreiten, doch wechselt Moster häufig unerwartet inmitten von Kapiteln zwischen den Erzählperspektiven hin und her. Das verwirrt mitunter, ebenso wie die etwas zufällig und unstrukturiert wirkende Kapitelgestaltung.
52 kurze Kapitel
Der Autor unterteilte seinen Text auf 219 Seiten in 52 kurze Kapitel, deren Überschriften das jeweilige Thema vage erahnen lassen. Inhaltlich ist das Buch nicht durchkomponiert, die Kapitel bauen nicht wirklich aufeinander auf. Um zusätzliches Chaos zu vermeiden, empfiehlt es sich dennoch, das Buch von vorne nach hinten zu lesen. Unter der Überschrift „Der andere Chor“ beispielsweise behandelt Moster zunächst die Entstehungsgeschichte des Chorwesens, ist flugs bei Nelly Sachs und Franz Kafka, um im folgenden Absatz über Turba-Chöre und die Jünger Jesu zu schreiben.
Manchmal wirkt es, als verzettele sich Moster und als hätte er geradewegs aufgeschrieben, was und wie es ihm in den Sinn kam („Mir fällt ein, dass…“). Es könnte der Inhalt eines Kollegengesprächs sein, das so oder so ähnlich bei Kaffee und Kuchen – oder dem Feierabendbier nach der Chorprobe – geführt wurde und das Moster in Form eines langen Essays niedergeschrieben hat. Man touchiert sämtliche Aspekte der Szene, von der Chorkultur der ehemaligen DDR bis zu körperlichen Prozessen beim Singen, vom Chorgesang als kulturellem Erbe bis zum internen Management von Amateurchören, von Diversität und queeren Ensembles bis zur Debatte um geistliches Repertoire singende Atheist:innen.
Die Lektüre als Ermunterung
Sein Wunsch sei es, „die Erzählung über die Einzigartigkeit des Chorgesangs in ihrem ganzen Facettenreichtum zur Geltung kommen zu lassen, ohne die Leser und Leserinnen mit einem Übermaß an Material zu drangsalieren“, schreibt Moster in seinen Nachbemerkungen. Er hoffe, dass sie „die darin enthaltenen Lücken als Ermunterung verstehen, selbst Entdeckungen zu machen.“ Und das mag ihm durchaus gelungen sein. Denn obschon das Buch die o.g. Schwächen aufweist, ist es eine Huldigung an das Chorwesen und den gemeinschaftlichen Gesang, wie ihn nur jemand aufschreiben kann, der hautnah, live und mit eigenem Enthusiasmus dabei war und ist. Mosters Leidenschaft für das Thema zeigt sich eindeutig und wer selbst in der Szene aktiv ist, kann sich in sehr vielem, was er beschreibt, wiederfinden. Man (er-)kennt „das unauflösliche Zusammenspiel von Individualität und Gemeinschaft“, „die konstruktive Dynamik“ und kann sie vielleicht sogar nachempfinden, „die Erotik des Gelingens“.
Somit stellt sich die Frage des Adressaten. Für wen schreibt Moster? Wer kann ein Interesse daran haben, das Buch zu lesen? Vermutlich werden es all jene sein, die im Chor singen und sich in ihren Erfahrungen bestätigen wollen. Wie Moster beobachtet hat, werden Menschen motiviert, in einem Chor zu singen, weil sie andere dabei live erleben oder persönlich von deren Schwärmen angeregt werden. Wohl weniger, weil sie ein Buch darüber lesen. Aber es kann beitragen, sich zu vergegenwärtigen und zu reflektieren, was man für sich und die Gesellschaft als aktive:r Chorsänger:in leistet.

