Immer häufiger ist vom sogenannten „Vereinssterben“ die Rede. Tatsächlich werden in Deutschland jährlich tausende Vereine aus den Registern gelöscht – eine Entwicklung, die auch die Frage nach erfolgreicher Mitgliedergewinnung und nachhaltiger Mitgliederbindung zunehmend in den Fokus rückt. Was hinter diesen Veränderungen steckt, untersucht eine aktuelle Studie des Maecenata Instituts für Philanthropie und Zivilgesellschaft. Im Interview erklärt Dr. sc. Eckhard Priller, wissenschaftlicher Koordinator der Maecenata Stiftung und Mitautor der Studie, warum personelle Faktoren entscheidend sind, welche Warnzeichen Vereine ernst nehmen sollten – und was insbesondere Chöre tun können, um langfristig zu bestehen.
Oft hört man vom „Vereinssterben“. Ist das aus Ihrer Sicht übertrieben – oder trifft es die Realität?
Ich würde sagen, das trifft die Realität durchaus. Wir beobachten eine Entwicklung, in der sich immer mehr Vereine auflösen. Das hat unterschiedliche, durchaus komplexe Gründe, aber es ist eine Entwicklung, mit der wir uns künftig stärker auseinandersetzen müssen. Insgesamt übersteigt die Zahl der Neugründungen bundesweit bislang noch die der Löschungen im Vereinsregister. Regional zeichnen sich jedoch bereits gegenläufige Entwicklungen ab, da die Neugründungen rückläufig sind. Für Mecklenburg-Vorpommern etwa zeigt sich diese Tendenz besonders deutlich: Dort werden inzwischen mehr Vereine gelöscht als neu gegründet.
Ihre Studie schaut auf Vereine insgesamt. Lassen sich Aussagen auf Amateurmusik und speziell auf Chöre übertragen?
Wir können nicht so tief differenzieren, dass wir speziell Chöre isoliert betrachten. Unsere Kategorie „Kultur“ umfasst Chöre, Theater, Konzerte, Museen und mehr. Dort gibt es jedoch überdurchschnittlich viele Auflösungen. Das deutet darauf hin, dass dieser Bereich insgesamt stärker betroffen ist. Außerdem sind insbesondere kleinere Vereine betroffen, die lokal verankert sind. Und das trifft auf viele Chöre sehr stark zu. Insofern gehe ich davon aus, dass unsere Ergebnisse für diesen Bereich durchaus aussagekräftig sind.
Wenn Sie die zentrale Erkenntnis Ihrer Studie auf einen Punkt bringen müssten: Warum lösen sich Vereine am häufigsten auf?
Entgegen einer weit verbreiteten Annahme sind es nicht in erster Linie finanzielle Probleme, die zur Auflösung von Vereinen führen. Vielmehr zeigt die Studie deutlich, dass personelle Faktoren ausschlaggebend sind – und das ist in gewisser Weise überraschend,
weil die öffentliche Debatte oft stark auf Geld, Fördermittel oder infrastrukturelle Fragen fokussiert.
Es fehlen Mitglieder, vor allem aber Menschen für Vorstands- und andere ehrenamtliche Aufgaben. Unsere Gesellschaft ist schnelllebiger geworden, Interessen wechseln häufiger, und stabile Mitgliedschaften sind seltener geworden. Zudem hat sich die Vereinslandschaft stark ausdifferenziert. Früher führte jede neue Aktivität oft zu einem eigenen Verein. Dadurch ist ein übergreifender Gemeinschaftsgedanke teilweise verloren gegangen. Wenn sich Vereine sehr stark auf einen kleinen Kreis konzentrieren, fehlt es schnell an Nachwuchs – sowohl bei Mitgliedern als auch bei Funktionsträgern. Hinzu kommen demografische Faktoren wie Überalterung und Abwanderung aus ländlichen Regionen.
Warum wird es zunehmend schwieriger, Menschen für Vorstandsämter zu gewinnen?
Auch hier wirken mehrere Faktoren zusammen. Ein wesentlicher Punkt ist die verfügbare Zeit. Die Zeitbudgets vieler Menschen sind enger geworden – etwa durch steigende Erwerbstätigkeit oder familiäre Verpflichtungen. Gleichzeitig sind Vorstandsaufgaben oft mit einem hohen Zeitaufwand verbunden.
Hinzu kommt eine zunehmende Bürokratisierung im Vereinsleben, die viele potenziell Engagierte abschreckt. Und schließlich spielt auch eine vereinsinterne Komponente eine Rolle: Häufig wird zu wenig systematisch darüber nachgedacht, wer künftig Verantwortung übernehmen könnte. Wenn dieselben Personen über lange Zeit hinweg im Amt bleiben, entsteht für andere kaum eine Perspektive, sich einzubringen.
Gab es Ergebnisse, die Sie besonders überrascht haben?
Überrascht hat uns, wie stark gerade junge Vereine von Auflösungen betroffen sind. Man würde erwarten, dass eine neu gegründete Gemeinschaft zunächst stabil ist. Tatsächlich zeigt sich aber, dass gerade dort die Auflösungstendenzen ausgeprägt sind.
Wie erklären Sie sich das?
Ein neu gegründeter Verein ist zunächst oft eine eher lose Verbindung. Die Strukturen sind noch nicht gefestigt, gemeinsame Werte und Routinen müssen sich erst entwickeln. Gleichzeitig ist die Basis häufig noch relativ klein. Gerade im kulturellen Bereich basiert der Zusammenhalt stark auf ideellen Motiven – das kann dazu führen, dass die Bindung weniger stabil ist als in anderen Bereichen.
Gibt es typische Warnzeichen dafür, dass ein Verein in eine kritische Phase gerät?
Ja, die gibt es durchaus. Ein erstes deutliches Signal ist, wenn viele Mitglieder austreten oder die Mitgliederzahl insgesamt sinkt. Ebenso problematisch ist es, wenn sich bei Wahlen niemand für Vorstandsämter findet.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Altersstruktur. Wenn absehbar ist, dass viele Mitglieder in den kommenden Jahren ausscheiden werden, ohne dass ausreichend Nachwuchs vorhanden ist, entsteht ein erhebliches Risiko. Diese Entwicklungen sollte man frühzeitig im Blick haben.
Was machen erfolgreiche Vereine anders?
Erfolgreiche Vereine denken langfristig. Sie kümmern sich frühzeitig um die Nachfolge in Leitungsfunktionen und behalten ihre Mitgliederstruktur im Blick. Wichtig ist auch, dass nicht immer dieselben Personen Verantwortung tragen, sondern dass gezielt auch Jüngere eingebunden werden.
Gleichzeitig bemühen sich erfolgreiche Vereine kontinuierlich um neue Mitglieder. Sie warten nicht, bis die Zahlen bereits deutlich zurückgehen, sondern handeln frühzeitig.
Welche Rolle spielt die persönliche Ansprache bei der Mitgliedergewinnung?
Sie ist nach wie vor der wichtigste Faktor. Auch wenn digitale Medien und Online-Angebote eine große Rolle spielen, zeigt sich immer wieder, dass die direkte Ansprache am wirksamsten ist.
Das bedeutet konkret: Mitglieder sollten in ihrem Umfeld gezielt nach potenziellen Interessierten suchen und diese persönlich ansprechen. Das kann durch Gespräche geschehen, aber auch durch kleine Informationsangebote, etwa Flyer. Entscheidend ist, dass diese Form der aktiven Ansprache nicht vernachlässigt wird.
Darüber hinaus ist es wichtig, neue Zielgruppen in den Blick zu nehmen. Dazu gehören beispielsweise Menschen mit Migrationshintergrund. Gerade im kulturellen Bereich bieten sich hier große Chancen, aber diese Gruppen müssen gezielt angesprochen werden, da der Zugang zu bestehenden Strukturen oft schwieriger ist.
Welche Rolle spielen Kooperationen und Netzwerke, etwa mit Schulen?
Eine sehr große. Gerade für die Nachwuchsgewinnung sind Schulen ein zentraler Ansatzpunkt. Im Sportbereich hat sich gezeigt, wie erfolgreich solche Kooperationen sein können. Auch im Kulturbereich bieten sie großes Potenzial, um junge Menschen frühzeitig zu erreichen und einzubinden. Auch die Zusammenarbeit mit Verbänden kann helfen, zusätzliche Aufmerksamkeit und Unterstützung zu gewinnen.
Ist es wichtiger, neue Mitglieder zu gewinnen oder bestehende stärker zu binden?
Das lässt sich nicht gegeneinander ausspielen. Beides ist notwendig. Vereine müssen sich sowohl um ihre bestehenden Mitglieder kümmern als auch offen für neue Interessierte sein. Nur so lässt sich langfristig ein stabiler Handlungsspielraum sichern.
Wie kann ein Verein eine negative Entwicklung – etwa eine Abwärtsspirale – noch stoppen?
Wichtig ist vor allem, aktiv zu werden und nach außen zu gehen. Das bedeutet: Öffentlichkeitsarbeit, Präsenz und Sichtbarkeit erhöhen, Aktionen starten und deutlich machen, dass es den Verein gibt und dass Mitmachen möglich ist.
Zudem sollte die kommunale Ebene stärker einbezogen werden. Kommunen können unterstützen, etwa indem sie Informationen über Vereine bereitstellen oder neue Einwohnerinnen und Einwohner auf Engagementmöglichkeiten hinweisen.
Zum Abschluss: Wenn Sie einem Chor drei Dinge mitgeben müssten – was sollte er jetzt tun?
Erstens: die eigene Sichtbarkeit erhöhen und in der Öffentlichkeit präsent sein.
Zweitens: die internen Strukturen genau analysieren – insbesondere mit Blick auf Altersstruktur und Nachfolge in Leitungsfunktionen.
Drittens: Kooperationen aufbauen und Netzwerke stärken, also gezielt Partner suchen und sich Unterstützung holen.
weitere Infos:
Warum lösen sich Vereine auf? Strukturen und Gründe von Vereinslöschungen: Eine Analyse auf den Grundlagen von Vereinsregistern und einer Befragung von gelöschten Vereinen.
Die gesamte Studie von Dr. sc. Eckhard Priller und Dr. Siri Hummel kann unter www.ssoar.info


