Als Sänger:in über das Chor-Repertoire mitentscheiden
Wer etwas gerne tut, ist dabei meistens auch erfolgreich(er). Motivation und Eifer schnellen in die Höhe, wenn man etwas lernen will, nicht muss; wenn man sich darauf freut, wieder weiterarbeiten oder -üben zu dürfen und nicht darauf hofft, die nächste Einheit gehe möglichst schnell vorüber.
Wer also mit anderen etwas gemeinsam anpackt und ein mindestens zufriedenstellendes Ergebnis erzielen möchte, sollte dafür sorgen, dass die allgemeine Laune stimmt. Wie in den meisten Fällen, beeinflussen auch in einem Chor zahlreiche Faktoren die Laune. Dieser Text pickt sich das Repertoire als einen der zentralen Aspekte für das Laune-Barometer heraus.
Normalerweise verfügt der/die Chorleiter:in über die größte Literatur-Kenntnis aller Beteiligten im Kerngenre des Chores und bestimmt das Repertoire. Erfahrungsgemäß kann die Leitung auch gut beurteilen, was funktioniert und was nicht und weshalb. Sie ist Ansprechperson für externe Auftraggeber:innen und Ideenlieferant:in für Programme. Sie kennt die Wünsche und Vorlieben ihrer Mitglieder und genauso deren Abneigungen. Oder?
So kann es sein, so sollte es sein. Und dennoch trifft die Chorleitung bei der Programmauswahl nicht immer den Nerv der Sänger:innen. Wie auch, wenn Dutzende individuelle Geschmäcker unter einen Hut gebracht werden wollen?!
Bei großen, projektorientierten Chören mit wechselnden Besetzungen kann ein Mitglied unter Umständen recht unproblematisch aussetzen, wenn es am bevorstehenden Programm kein Interesse hat. Ziel der meisten Ensembles aber ist es, alle Sänger:innen an Bord zu wissen. Und hierfür steigt die Wahrscheinlichkeit, wenn sie Stücke singen dürfen, auf die sie so richtig Lust haben. Stücke, die sie selbst vorgeschlagen haben und für die eine Mehrheit im Chor abgestimmt hat.
Also Anarchie? Besser nicht. Das müsse schon geordnet und strukturiert ablaufen, empfiehlt Holger Frank Heimsch, Präsident des Wilhelm-Hauff-Chorverbandes Stuttgart und seit 2012 Chorleiter des Popchores „Chormäleon“, der seitdem erfolgreich die Liedwünsche seiner Mitglieder berücksichtigt. Heimsch hat ein System etabliert, wonach die Sänger:innen zum Ende eines Jahres in einem etwa anderthalbmonatigen Zeitfenster ihre Wünsche einreichen können. Diese werden anschließend vom Leitungsteam gesichtet und kategorisiert, werden einer Ampelfarbe zugeordnet: Rot für „nicht machbar“, Gelb für „behalten wir im Hinterkopf“ und Grün für „wird zur Abstimmung freigegeben“.
In der Regel seien es zwei bis zehn Vorschläge pro Mitglied, berichtet Heimsch, der von einigen weiß, dass sie das ganze Jahr über Ideen sammeln und froh sind, wenn sie sie endlich loswerden können. Dass die Mitglieder ihre Wünsche nicht jederzeit an die Leitung herantragen dürfen, habe den einfachen Grund der Übersichtlichkeit, erläutert Heimsch. Für 2026 wurden aus circa 200 Vorschlägen 86 ausgewählt und in einem Ranking dem Chor zur Abstimmung freigegeben.
Die „grünen“ Vorschläge werden vom Leitungsteam nach verschiedenen Parametern beurteilt: z. B. Genre, Anspruch, Art der Mehrstimmigkeit, Begleitung und Länge, aber auch nach der möglichen Position in einem Programm: Passt das Stück eher als Opener oder handelt es sich um eine klassische Zugabe?
Als K.o.-Kriterien bezeichnet der erfahrene Chorleiter hingegen Lieder, die nicht zum Chor passen, im Falle seines Popchors „Chormäleon“ z.B. deutsche Schlager. „Auch Titel, die gerade jeder singt, scheiden aus“, erzählt Heimsch und nennt außerdem „Lieder, die wir in den letzten zwei bis fünf Jahren schonmal hatten.“
Heimsch hält „ein gewisses Reglement“ für notwendig. Einfach einen Titel nennen genügt ihm nicht. „Beschäftigt euch damit! Schaut über den Tellerrand! Was gibt’s Neues?“, fordert er seine Mitglieder zu tieferen Recherchen auf. Er freut sich über zusätzliche Informationen wie die Nennung eines konkreten Arrangements und einen Link zu einem Hörbeispiel.
Und wenn es zu den Liedvorschlägen keine Noten gibt? Dann schreibt das Team Arrangements. Heimsch gibt zu, dass dahinter ein riesiger Aufwand steckt, „aber der lohnt sich!“, betont er und nennt das Beispiel von Rihannas „Umbrella“. Ein „toller Impuls aus dem Chor heraus“ sei der Vorschlag des Songs in der Version von „The Baseballs“ gewesen, für die ein Mitglied Ansätze eines Arrangements eingereicht habe und aus dem dann eine überaus beliebte Nummer geworden sei.
Manchmal helfe es, einfach noch intensiver nach bereits existierenden Arrangements auf einschlägigen Chorportalen zu suchen oder sich an eine Firma zu wenden, die extra welche anfertigt, sagt der Experte und verweist auf einige Aspekte, die es im Zusammenhang mit Arrangements rechtlich zu beachten gilt (siehe Infokasten).
Auch das Publikum einbeziehen
Im Übrigen gilt das auch für Zuschauer:innen. Mit seinem Konzert bzw. Auftritt macht ein Chor dem potenziellen Publikum ein Angebot. Die Attraktivität des Angebots entscheidet darüber, ob es angenommen wird. Man erinnere sich: Es geht um die Lust am Erlebnis, für die Ausübenden als auch für die Konsumierenden. Für die Sänger:innen schrumpft die Lust (und somit in der Regel auch die Qualität), wenn es kaum jemanden gibt, der sich für ihr Angebot interessiert. Für die Zuhörenden schrumpft die Lust, wenn sie sich in der Programmgestaltung verloren fühlen („Ha, dô kennt mr‘ jo gar nix“). Im Umkehrschluss steigt bei beiden der Glücks-Index, wenn die einen singen, was die anderen hören wollen, und die anderen die Begeisterung wahrnehmen, mit der die einen singen, weil sie singen, was sie wollen.
Im Rahmen eines Konzertes kann ein Chor also sein Publikum einbinden und die Gelegenheit geben, Liedwünsche zu äußern, z.B. mittels Gästebuch, faltbaren Zetteln oder im direkten Gespräch an einer gut sichtbaren Stelle wie einem Stehtisch, der entsprechend gekennzeichnet ist.
„Ich kann jedem nur empfehlen: Lasst den Chor mitentscheiden, was er will! Die Zeiten haben sich geändert und es tut der Gemeinschaft gut“, ist Holger Frank Heimsch überzeugt. Natürlich dürfe sich die Chorleitung auch mal gegen die Chormeinung durchsetzen und „den Chor Extremen aussetzen“, findet Heimsch. „Einen Chor muss man fördern und fordern.“ Nicht selten mauserten sich anfänglich kritisch beäugte Herausforderungen zu Lieblingsstücken des Ensembles.
Der Vertreter der Chöre im Präsidium des Schwäbischen Chorverbandes spricht hier ausdrücklich für numerische Konzertprogramme, auf geschlossene abendfüllende Werke der klassischen Konzertliteratur lasse sich das Konzept freilich nicht anwenden.
Angst vor wilden Programmen will er Chören und ihren Leitungen nehmen. Man können auch das „Heidenröslein“ und „Ab in den Süden“ an einem Abend präsentieren, indem man eine verbindende Komponente finde („Sommer“). Ein Programm sollte aus seiner Sicht gar nicht zu glatt sein, einen Bruch hält Heimsch für legitim: „Es darf und sollte unkonventionell sein!“ Die größten Erfolge feiere man immer dann, wenn man etwas bringe, womit das Publikum nicht gerechnet habe.
Vorsicht! Cover vs. Bearbeitung
Bei Veränderungen am Original sollte man stets genau hinschauen: Handelt es sich um ein Cover oder eine Bearbeitung? Ein Cover ist eine Grauzone im Urheberrecht, muss aber in der Regel nicht mit dem Urheber abgeklärt werden. Wird das originale Lied jedoch bearbeitet, also beispielsweise der Text ver- oder die Melodieführung geändert, muss das Einverständnis des Urhebers eingeholt werden. An wen man sich wenden muss, lässt sich bei der GEMA erfragen. Dank des GEMA-Rahmenvertrages werden für Mitgliedsvereine des Schwäbischen Chorverbandes keine zusätzlichen Nutzungsgebühren fällig.


