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Allgemein, SINGEN 2026-07

Programme komponieren

Dorothea Bossert
1. Juli 2026
Titelbild:
Bild: pexels.com

Ein Abend mit Spannungsbogen

Programme zu machen ist für Dirigent:innen ein Dauerthema – und ein Tabu. Niemand spricht darüber – schon gar nicht mit Kolleg:innen, die zu Konkurrent:innen werden, sobald es um Ideen geht. Dabei steht und fällt der Erfolg eines Konzertes mit der Programmgestaltung und das nicht nur beim Publikum. Dorothea Bossert, Managerin und künstlerische Planerin des SWR Vokalensembles über die Kunst der Programmgestaltung.

Alle, die Chöre leiten, kennen das Problem: man steckt noch mitten in den Proben für ein Konzert, da muss das nächste Programm schon stehen und die Ideen für die zwei oder drei nächsten Programme längst entwickelt werden. Aber eine gute Idee ist noch kein gutes Programm. Und selbst ein gutes Programm kann zum Misserfolg werden, wenn es nicht zum Aufführungsort passt, die Stücke sich gegenseitig die Show stehlen oder dem Chor die Kraft ausgeht. Und dann ist da noch das Publikum: Wie gestalte ich das Konzert, damit das Publikum das Konzert als stimmiges Gesamterlebnis wahrnimmt, erfüllt nach Hause geht und beim nächsten Mal wiederkommt? Die Sache ist komplex. Aber lösbar. Mein Ansatz ist: ein Konzertprogramm ist eine Komposition.

Am Anfang jedes neuen Programmes steht eine Idee. Öffnen Sie Ihre Schatzkiste, Ihre persönliche Wunschliste, in der Sie Lieblingsstücke, Fundstücke und Repertoireideen seit Jahren sammeln (jede Dirigentin und jeder Chorleiter hat sie – es redet nur niemand darüber). Man glaubt gar nicht, wie viele gute Ideen man schon hatte und wieder vergisst.

Stückauswahl – die Rahmenbedingungen

Meist gibt es eine ganze Reihe pragmatischer Faktoren, die die Stückauswahl bestimmen und beschränken. Da ist zum einen
der eigene Chor: wie viel Probenzeit steht zur Verfügung? Was könnte den Sänger:innen jetzt guttun? Woran will ich mit ihnen arbeiten? Natürlich spielt das Datum eine Rolle: das Kirchenjahr, die Jahreszeit, vielleicht besondere Ereignisse wie Jahrestage, Festivals, mögliche Kooperationspartner und Anschlusskonzerte mit ihren besonderen Anforderungen. Zu den frühen und inspirierenden Entscheidungen gehört für mich immer auch der Ort: Kirche oder Konzertsaal? Vielleicht ist aber auch eine ausgediente Fabrikhalle eine Idee, ein Bahnhof, ein Wasserwerk, ein Schwimmbad, ein leerstehendes Autohaus… ?

Jetzt haben Sie sich also für einen Aufführungsort und ein oder zwei Stücke entschieden, die Sie unbedingt machen möchten. Sie sind aber nicht abendfüllend, was in der a-cappella-Literatur ja die Regel ist. Wie wird daraus ein Programm? Eines ist für mich klar und das wird jede Komponistin bestätigen wie jeder Koch, der ein Menu entwirft, jede Architektin, die einen Raum gestaltet und jeder Redner, der einen Vortrag hält: es braucht eine Form und die Form braucht Beschränkung und Strenge.

Das Herzstück-Programm

Hier steht ein Hauptwerk im Zentrum des Programms. Für dieses Werk kommt das Publikum. Darum herum bauen Sie ein Programm, das dieses Werk zur Geltung bringt, es beleuchtet, es viel-
leicht sogar kritisch befragt. Ihr Ziel ist es dabei, dass das Publikum das Werk mit neuen Ohren hört. Vielleicht gibt es weitere Vertonungen desselben Textes, die man daneben stellen kann? Vielleicht Vorbilder und Nachahmer? Vielleicht lohnt es sich, die Entstehungszeit zum Ausgangspunkt zu machen und zu vergleichen, wie man andernorts zu dieser Zeit komponiert hat? In anderen Kulturkreisen? Wichtig ist dabei: das Herzstück bleibt der Held des Abends, die anderen Stücke sind interessante Nebenfiguren, die Fragen stellen.

Das Programm mit dem roten Faden

Gerade wenn man ein größeres Werk kommentieren und neu beleuchten will, bietet es sich an, es aufzubrechen und abschnittweise als roten Faden durch das gesamte Konzertprogramm laufen zu lassen. Intermittierend werden andere Werke eingefügt. Das gibt dem Konzert eine klare Form und ermöglicht, verschiedene inhaltliche Aspekte und stilistisch sehr unterschiedliche Klangsprachen in das Programm einzuweben. Klassisches Beispiel ist eine Messvertonung, deren Teile ja auch im liturgischen Ablauf immer wieder von Motetten, Kirchenliedern oder Gebeten unterbrochen werden. Die Gesamtdramaturgie des Konzertes hat damit ein Gesicht und eine natürliche Dramaturgie, denn ein zyklisch komponiertes Werk hat per se korrespondierende und kontrastierende Teile, einen Anfang mit Eröffnungscharakter und einen Schluss.

Das Dialog- oder Kontrastprogramm

Das Ganze geht natürlich auch mit zwei Fäden: Ein größerer a-cappella-Zyklus hat häufig die Eigenschaft, dass man sich einhört und dabei nicht mehr die Musik wahrnimmt, sondern die eigenen Gedanken schweifen lässt. Das kann eine erwünschte Qualität sein. Will man aber seine Zuhörer:innen frisch und wach halten, empfiehlt sich das Kontrastprogramm, bei dem man zwei thematisch ähnliche, stilistisch aber unterschiedliche Werke intermittierend miteinander verwebt. Beim SWR Vokalensemble haben wir das einmal gemacht mit den Bußversen von Alfred Schnittke und den Bußtränen des Heiligen Petrus von Orlando di Lasso. Oder mit den Liebesliederwalzern von Johannes Brahms und einem neuen Liebesliederzyklus von Daniel Smutny.

Das Themenprogramm

Besonders beliebt aber auch besonders anspruchsvoll für den Programm-Macher ist das Themenprogramm. Mit ihm lässt sich die Konzert-Idee in Plakaten und Pressetexten gut auf den Punkt bringen und auch ein Programmheftartikel oder eine Konzertmoderation fällt natürlich leichter, wenn es ein echtes Thema gibt, das die Werke verbindet. Beispiele sind „Krieg und Frieden“, „Nachtgedanken“ oder auch das klassische Weihnachtskonzert. Das Problem an solchen vom Text ausgehenden Programmen ist, dass sie schnell sehr kleinteilig werden und die Konzertdramaturgie zur Herausforderung wird. Wie wird aus vielen Werken zum Thema „Nacht“ ein gutes Programm? Klar ist: Die Nacht beginnt mit dem Abend und endet mit dem Morgen. Dazwischen ist Platz für Naturidyll, Schlaf, Träume, Ängste, Sehnsucht, verbotene Liebe, Sinnliches und Übersinnliches, Sterne, Gebete und Nachtigallen.

Anfang und Schluss

Bei der Stückauswahl ist es wichtig, Anfang und Schluss des Konzertes gleich mitzudenken, und zwar aus Sicht der Sänger:innen und des Publikums: Am Anfang müssen die Sänger:innen sich frei singen und an den Raum gewöhnen und auch das Publikum muss im Konzert ankommen und in den Sog des Programmes gezogen werden. Da braucht es ein attraktives und starkes Stück, nicht zu schwer, bei dem man richtig singen kann. Sehr wirkungsvoll ist es dabei, die Auftrittssituation gleich einzubeziehen und zum Beispiel hinter dem Publikum zu beginnen oder sich unbemerkt im Raum aufzustellen und überraschend das Konzert aus dem Publikum zu beginnen. Nach dem ersten Applaus ist die Aufmerksamkeit dann mit vollem Fokus auf der Bühne und das Konzert schon längst in vollem Gange. Auch das Schluss-Stück will gut gewählt sein. Der Schluss braucht ein Gewicht, dabei kann er meditativ sein oder ein Knaller. Beides ist möglich. Aber man muss sich bewusst sein, dass ein meditativer Schluss keine Beifallsstürme hervorrufen wird. Und beim Knaller muss man immer bedenken: was können die Sänger:innen am Ende des Programmes noch leisten? Es ist der letzte Eindruck, den die Zuhörer:innen mit nach Hause nehmen.

Die Pausenfrage

Auch die Pausenfrage sollte gleich bei der Stückauswahl mit bedacht werden: Bei einem Programm mit Pause braucht man zwei Anfänge und zwei Schlusstücke. Der Vorteil ist, dass der Chor sich ausruhen kann und auch in der zweiten Konzerthälfte noch Kraft hat. Der Nachteil, dass die Stimmung durchbrochen wird. Beim Thema Nacht wäre das sehr schade. Es gibt aber einen Kompromiss: die Sitzpause. Der Chor geht ab, das Publikum bleibt sitzen und an Stelle einer Pause gibt es eine kurze Moderation über das Programm oder ein Gespräch mit der Dirigentin oder dem Chorleiter. Schon fünf Minuten wirken Wunder für die Sänger:innen und das Publikum nimmt diese informative Unterbrechung und persönliche Ansprache meiner Erfahrung nach sehr gerne an.

Die Reihenfolge

Anfang und Schluss sind also klar. Die Pausenfrage geklärt. Jetzt geht es um die Reihenfolge. Abwechslungsreich soll sie sein, stilistisch und musikalisch wie in den Werkdauern. Gibt es thematische Gruppen oder eine Chronologie? Machen Sie eine Liste für alle Stücke: Dauer, Tonart, Text und Charakter, wie sind Anfang und Schluss der Werke. Alle Noten kommen auf den Boden und dann wird gepuzzelt. Wer kann, setzt sich ans Klavier oder baut eine Playlist und probiert die Anschlüsse aus. Nahtlose Übergänge oder Kontrast? Einen Rhythmus muss das Konzert haben und eine Dramaturgie, nachdenkliche, spannende und herausfordernde Partien, wie eine gute Erzählung oder eine Komposition. Das macht großen Spaß und man ist erstaunt, wenn dabei plötzlich geniale Verbindungen entstehen. Dabei sollte man immer die Sängerperspektive im Blick behalten: welche Anforderungen haben die Stücke sängerisch? Kann die Reihenfolge auch stimmlich funktionieren?

Problemzonen

Manchmal gibt es Problemzonen: Man hat zu viele kleinteilige Stücke, das Programm kommt nicht in Fluss. Hier hilft es, mehrere Werke zu Gruppen zusammenzufügen. Das kann der/die Dirigent:in steuern, indem er/sie die Spannung hält und keinen Applaus zulässt. Oder raffinierter: mit gebauten Übergängen. Man kann zum Beispiel die Stücke attacca hintereinander setzen, wenn der Akkord terzverwandt oder identisch ist. Eventuell hilft auch eine improvisierte Brücke, indem zum Beispiel die Bässe nach einer kurzen Weile schon den neuen Ton piano unter dem gehaltenen Schlussakkord singen und wenn der/die Dirigent:in abschlägt, bleibt der neue Ton als Bordun im Raum stehen, bis das neue Stück mit dem Einsatz der Frauenstimmen beginnt. Oder man improvisiert eine kleine Percussioneinlage durch Vorwegnahme des neuen Rhythmus? Nur Mut!

Ein anderes, häufiges Problem: es gibt im Programm zu viele ähnliche Stücke – und das Programm hängt energetisch durch. Hier könnte man Abwechslung schaffen, indem der Chor in Gruppen geteilt wird und überraschend von unterschiedlichen Positionen im Raum singt. Vielleicht gibt es ein Stück mit Männerstimmen und eines mit den Frauen? Oder zwischendurch mal eine kleine Besetzung und dann wieder tutti?

Buntes Programm

Ein Programm fehlt noch in meiner Liste – das bunte Programm, das Potpourri. Das fällt aus, wenn es nach mir geht … Wirft man alles in einen Topf, können die Zutaten noch so vielfältig und gut sein, es gibt einen Eintopf. Das mag lecker schmecken, ist aber Matsch. Suchen Sie Gemeinsamkeiten und Verbindungslinien zwischen den Stücken. Irgendetwas findet sich immer, versprochen. In diesem Sinne: viel Spaß beim Komponieren!

Bild: Privat

Dorothea Bossert ist Managerin und künstlerische Planerin des SWR Vokalensembles und hat zuvor 26 Jahre lang als Musikredakteurin und Dramaturgin des SWR Vokalensembles Rundfunk- und Konzertprogramme in SWR Kultur (früher SWR2) gestaltet und moderiert.

Konzert, Organisationsentwicklung, Repertoire
Programme komponieren
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