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Allgemein, SINGEN 2026-07

Wie Worte uns der Musik öffnen

Felix Powroslo
1. Juli 2026
Titelbild:
Foto: Vahur Lõhmus

– oder auch nicht

Stellen Sie sich eine Party vor, die sich ihrem Höhepunkt nähert, die Tanzenden, Schwelgenden, Schwofenden sind völlig im Moment und in der Musik versunken. Und dann schaltet jemand das Neonlicht an.

So geht es mir manchmal, wenn inmitten eines wunderschönen Konzertes eine uninspirierte Moderation kommt. Die Magie des Momentes zerplatzt wie eine Seifenblase. Das Publikum fällt zurück in seine Alltagshaltung. Die emotionale Reise, auf die die Musik es gerade mitgenommen hat, ist abrupt unterbrochen.

Ich habe in meiner Arbeit als Konzertregisseur – unter anderem mit Wise Guys, Bodo Wartke, Mnozil Brass und Maybebop – viele Hundert Konzertabende erlebt und begleitet. Und ich bin überzeugt: Moderation gehört zu den am meisten unterschätzten und am häufigsten verschenkten Gestaltungsmöglichkeiten eines Konzertes.

Warum gehen Menschen in Konzerte?

Um zu verstehen, wofür es Moderationen in Konzerten gibt, lohnt ein kurzer Blick auf das, wofür Menschen überhaupt in Konzerte gehen. Es geht nicht nur um intellektuellen Zeitvertreib. Es geht im Kern um die menschliche Sehnsucht nach einer emotionalen Erfahrung, nach einem Raum, in dem etwas möglich wird, was im Alltag meist zu kurz kommt: Hingabe, emotionale Durchlässigkeit, innere Lebendigkeit.

Der Alltag vieler Menschen ist geprägt von funktionaler Selbstregulation. Wir brauchen Stabilität, wir funktionieren, wir kontrollieren. Ein gutes Konzert lädt uns ein, den emotionalen Krawattenknoten für eine Weile zu lockern. In gelungenen Konzerterlebnissen kommt im Innern der Zuhörer:innen etwas ins Fließen, was möglicherweise lange nicht fließen konnte. Musik kann unsere Seele aufschütteln wie ein zu lange nicht gelüftetes Federbett.

Ein gelungener Konzertabend ist deshalb keine logisch sinnvolle Aneinanderreihung von Stücken, sondern eine emotionale Reise. Mit einem Anfang, einer Mitte, einem oder mehreren Höhepunkten, einem Abschluss und Abschied. Alles, was auf der Bühne geschieht – die Reihenfolge der Stücke, die Übergänge, Licht und Raum, und eben auch die Moderation – hat eine Wirkung auf das Publikum, ist Teil dieser Reise, unterstützt oder behindert sie.

Moderation als dramaturgisches Werkzeug

Moderationsmomente bieten zwei außergewöhnliche Möglichkeiten, die reine Musik allein in der Regel nicht hat.

Die erste ist Beziehung. Viele Menschen nennen als Kriterium, ob sie von einem Konzert ergriffen werden, dass zwischen Publikum und Musizierenden eine Verbindung entsteht. Moderation kann diesen Prozess aktiv gestalten. Nicht durch biografische Fakten oder Programm-
heft-Informationen, sondern durch Momente, in denen die Person hinter dem /der Musiker:in spürbar wird: eine spontane Anekdote, eine ehrliche Bemerkung, ein Lachen über etwas Unvorhergesehenes. Wenn das Publikum die Menschen hinter den Künstler-Persona kennenlernt, wird das Erlebte realer, näher, relevanter. Man fühlt sich nicht mehr als unabhängiger Beobachter, sondern in Beziehung, als Teil des Ganzen.

Dieser positive Aspekt von Moderation wird schwächer, wenn sie zu durchgeplant, gestylt und inszeniert erscheint. Als Regel würde ich formulieren: Vorbereitet genug, um sich sicher zu fühlen, frei genug, um Raum für Spontaneität zu lassen.Spontanität, echte Überraschung, unvorhergesehene Reaktionen sind genuine Momente, die bewusst werden lassen, dass Konzerte einzigartige, singuläre Ereignisse sind und dass die Begegnung mit den Künstler:innen real ist. Ich denke an Bodo Wartke, der es meisterhaft beherrscht, souverän und witzig aus dem geplanten Ablauf auszubrechen und spontan auf Reaktionen aus dem Saal einzugehen. Oder an die vier Sänger von Maybebop, die sich an manchen Abenden auf der Bühne gegenseitig so überraschen, dass sie sich selbst vor Lachen kaum halten können – und das Publikum mit ihnen. Oder an Sebastian Krämer,

dessen Moderationen selbst kleine Kunstwerke sind: poetisch, präzise, ehrlich.

Was all diese Beispiele gemeinsam haben: Es spricht ein Mensch, nicht eine Rolle.

Die zweite Stärke von Moderationen ist das emotionale Framing. Worte können ein Musikstück in einen Kontext betten, der seine Wirkung vervielfacht. Das ist kein Wikipedia-Wissen über Entstehungsgeschichte oder Kompositionstechnik. Es sind Geschichten, Bilder, persönliche Zugänge – Dinge, die bei den Zuhörer:innen etwas auslösen, bevor die Musik beginnt.

Ein Beispiel: Louis Armstrong sang „What a Wonderful World“ ursprünglich inmitten von Rassentrennung und Bürgerrechtsbewegung. Hört man das Lied, in diesem Fall insbesondere den Text, vor diesem Hintergrund, so hört man es anders. Es wird zur Hymne voller Leid und Hoffnung, wo es sonst für viele Hörende ein nettes Lied über die Schönheit der Welt war. Framings können viele Formen haben und stellen oft gar keinen kognitiv erkennbaren inhaltlichen Bezug zum folgenden Stück her, wirken aber immer auf atmosphärischer Ebene.

Was sollte man sagen?

Viele Chorleiter:innen stellen sich beim Moderieren unbewusst die falsche Frage. Die häufigste lautet: „Was sollte man an dieser Stelle sagen?“ Das ist die Frage danach, was erwartet wird. Sie erzeugt oft unbeseelte Pflicht-Antworten.

Etwas besser ist die Frage: „Was könnte ich zu diesem Stück sagen?“ Sie öffnet Möglichkeiten, bleibt aber im Kopf.

Wirklich wirksam ist die Frage: „Was WILL ICH an dieser Stelle sagen?“

Der Unterschied in der Frage ist scheinbar klein, in den Ergebnissen jedoch oft fundamental. Diese Frage bringt die Redner:innen persönlich ins Spiel. Sie erzeugt neben oft persönlicherem Inhalt vor allem eine klare innere Haltung, die sich in Ausdruck, Körpersprache und Stimme widerspiegelt. Moderationen, denen ein genuines inneres Bedürfnis zugrunde liegt, entfalten eine völlig andere Ausstrahlung. Im Publikum erzeugen sie Aufmerksamkeit, Realitätsbezug und Beziehung zur sprechenden Person. Den Unterschied kann man oft regelrecht in den Gesichtern der Menschen wahrnehmen.

Moderation funktioniert am besten, wenn die Moderierenden über Dinge sprechen, die für sie selbst Bedeutung haben – emotional, persönlich, ideell.

Zwei Missverständnisse, die sich hartnäckig halten

Erstens: Man müsse logische, inhaltliche Übergänge zwischen den Stücken schaffen. Das stimmt nicht. Niemand im Publikum vermisst etwas, wenn die Moderation thematisch weder auf das vorangegangene noch das folgende Stück eingeht. Ein inhaltlicher Zusammenhang kann lustig oder auf kraftvoller Art symbolisch sein – wenn er sich wirklich aufdrängt. Als Konzeptionsprinzip aber führt er allzu oft zu konstruierten, erzwungenen Verbindungen, die mehr nach Hausaufgabe klingen.

Zweitens: Man solle Fakten zu den Liedern oder Komponisten liefern. Auch das ist ein Missverständnis. Trockene Wikipedia-Fakten haben für sich erst einmal keinen dramaturgischen Wert und nerven im schlechtesten Fall. Was besser funktioniert, sind Geschichten und Hintergründe, die emotionale Räume öffnen. Ein Beispiel: Die Information, dass Schubert Müllers Gedichtzyklus „Winterreise“ 1827 in Wien vertonte, hat für sich genommen für ein breites Publikum kaum emotionalen Wert. Das ändert sich, wenn man einordnet, dass er sie kurz vor seinem Tod schrieb, todkrank und sozial isoliert, inmitten der Metternich-Ära in Österreich, einer Zeit massiver politischer Repression, Zensur und Bespitzelung. Die tiefe Hoffnungslosigkeit der Winterreise bekommt Bezug zu Schuberts persönlicher Geschichte und erzählt nachvollziehbar von menschlichen Schicksalen einer ganzen Generation, die keine Zukunft mehr sah. Ich denke besonders an den Leiermann am Schluss – ein alter Mann, der dreht, dreht, dreht, ohne dass jemand zuhört.

Manchmal ist keine Moderation die beste Moderation

Es gibt Momente im Konzertabend – meist in der zweiten Hälfte, wenn die Bereitschaft des Publikums, den Musizierenden in emotional aufgeladene Zustände zu folgen, am größten ist –, an denen die Musik selbst so stark ist, dass jedes Wort davor nur verkleinert. Hier kann die klügste Entscheidung sein: nichts sagen. Direkt beginnen. Das Schweigen halten.

Ein gutes Gespür dafür zu entwickeln, wann Moderation verstärkt und wann sie stört, ist vielleicht die schwierigste und zugleich wichtigste Kompetenz. Es gibt keine Regel, die das für jeden Abend entscheidet. Die meisten Künstler:innen haben ein gutes Gespür dafür, wenn sie ihm vertrauen.

Speak your heart

Konzerte können vollständig ohne Moderation funktionieren. Und es gibt tausend verschiedene Dramaturgien, die alle auf ihre Weise funktionieren können. Aber was ich nach vielen Jahren Arbeit mit Ensembles, Chören und Solokünstler:innen sagen kann: Moderationen sind leider allzu oft die Tiefpunkte von Konzerten. Das muss nicht sein.

Wenn Sie das nächste Mal auf der Bühne stehen und moderieren, stellen Sie sich nicht die Frage, was Sie sagen sollten. Fragen Sie sich: Was will ich sagen? Was liegt mir wirklich am Herzen? Was berührt mich selbst an dem Stück oder an dem, was ich über das Stück weiß?

Speak your heart. So werden Sie zum emotionalen Reiseleiter oder zur Zeremonienmeisterin Ihres Abends. Das Publikum erwartet kein unbeseeltes Wissen. Es will berührt, bewegt, mit auf eine Reise genommen werden.

Felix Powroslo ist Bühnenpräsenz-Trainer, Konzertregisseur und systemischer Coach. Er arbeitet mit Ensembles, Chören und Führungspersönlichkeiten und lehrt an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin.
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