Fußballplatz auf der einen, Probenraum auf der anderen Seite: Auf den ersten Blick scheinen Sportmannschaft und Chor wenig gemeinsam zu haben. Die einen wollen Tore erzielen, die anderen den richtigen Ton treffen. Doch schaut man genauer hin, geht es in beiden Fällen um ähnliche Fragen. Wie wird aus vielen Einzelnen ein Team? Wie lässt sich eine Gruppe motivieren? Wie geht man mit unterschiedlichen Fähigkeiten, Erwartungen und Persönlichkeiten um? Und was braucht es, damit ein Team nicht nur kurzfristig Leistung bringt, sondern langfristig gut zusammenarbeitet?
Für den Sportpsychologen Markus Gretz liegt der Vergleich durchaus nahe. Viele Themen, die ihm aus Sportmannschaften begegnen, kennt er auch aus dem Chorbereich – nicht zuletzt durch seine Frau, die selbst singt. Dabei gehe es etwa darum, wie Kritik und Feedback gegeben werden, wer Führung übernimmt und wie Entscheidungen getroffen werden.
Was macht aus einer Gruppe ein Team?
Am Anfang steht ein gemeinsames Ziel. Im Fußball will eine Mannschaft erfolgreich spielen, im Radsport unterstützen sich die Fahrer gegenseitig. Im Chor kann das gemeinsame Ziel ein Wettbewerb sein – oder ein Konzert, das vor Publikum möglichst gut gelingen soll. Ein Team beschreibt für Gretz zunächst eine feste Einheit, die gemeinsam versucht, ein Ziel zu erreichen.
Damit dieses Team auch gut funktioniert, braucht es allerdings mehr. Rollen und Aufgaben müssen geklärt sein – ebenso wie die Erwartungen an die gemeinsame Arbeit. „Wer macht was? Welche Ansprüche haben wir?“, sind für Gretz zentrale Fragen. Im Sport sei schließlich ebenfalls entscheidend, ob eine Mannschaft vor allem aus Freude am gemeinsamen Spiel zusammenkomme oder um die deutsche Meisterschaft mitspielen wolle. Daraus ergäben sich unterschiedliche Rollen und Aufgaben.
Auf den Chor lässt sich das unmittelbar übertragen. Manche Sänger:innen möchten möglichst ambitioniert arbeiten, andere kommen vor allem wegen der Gemeinschaft und der Freude am Singen. Schwierig kann es werden, wenn diese unterschiedlichen Erwartungen nebeneinander bestehen, aber nie offen ausgesprochen werden. Gerade im Amateurbereich lohnt es sich deshalb, immer wieder zu fragen: Was wollen wir gemeinsam erreichen? Welchen Anspruch haben wir an uns – und können sich möglichst viele Mitglieder darin wiederfinden?
Führen und Beziehungen aufbauen
Eine wichtige Rolle kommt dabei der Führungsperson zu. Auch im Sport gebe es nach wie vor sehr hierarchische Strukturen, sagt Gretz. Trainer:innen treffen klare Entscheidungen und geben die Richtung vor. Sie versuchen heutzutage jedoch auch, nicht von oben herab zu führen, sondern stärker auf Augenhöhe zu gehen und Beziehungen zu ihren Sportler:innen aufzubauen. Nur über diesen Kontakt lasse sich auch die Motivation individuell anpassen.
Führung wird dadurch nicht überflüssig. Eine Führungsperson muss weiterhin Entscheidungen treffen und Orientierung geben. Gleichzeitig sollte sie die Menschen kennen, mit denen sie arbeitet. Was motiviert die Einzelnen? Wo liegen Unzufriedenheiten? Gretz beschreibt, dass moderne Führungspersönlichkeiten im Sport dafür bewusst Räume schaffen: für Einzelgespräche, aber auch für Gespräche innerhalb der gesamten Gruppe. So könne sichtbar werden, wenn etwa einer Person der Spaß zu kurz kommt, während einer anderen gerade der Leistungsanspruch fehlt.
Für Chorleitungen lässt sich daraus vor allem eines ableiten: Gute Führung erschöpft sich nicht darin, musikalische Entscheidungen zu treffen. Ebenso wichtig ist es, wahrzunehmen, welche Menschen vor einem stehen und was sie von der gemeinsamen Arbeit erwarten.
Unterschiedliche Voraussetzungen nutzen
Neben unterschiedlichen Erwartungen treffen im Amateurbereich auch unterschiedliche Fähigkeiten aufeinander. Was für die einen noch eine Herausforderung ist, beherrschen andere längst. Wie lässt sich verhindern, dass die einen über- und die anderen unterfordert werden?
Gretz schlägt vor, vorhandene Stärken gezielt zu nutzen. Leistungsstärkere Chormitglieder könnten beispielsweise zeitweise eine Coaching-Funktion übernehmen und andere unterstützen, wenn Grundlagen geübt werden. Auf diese Weise seien sie selbst weniger unterfordert und könnten gleichzeitig ihr Wissen weitergeben.
Dahinter steckt ein Prinzip, das im Gespräch immer wieder auftaucht: möglichst individuell auf die Einzelnen eingehen, ohne die Gruppe aus den Augen zu verlieren. Nicht jedes Chormitglied braucht zu jedem Zeitpunkt dasselbe. Trotzdem müssen am Ende alle gemeinsam arbeitsfähig bleiben.
Konflikte gehören dazu
Wo unterschiedliche Menschen, Erwartungen und Leistungsansprüche zusammentreffen, entstehen zwangsläufig auch Spannungen. Gretz hält es deshalb für einen Fehler, davon auszugehen, dass ein gutes Team konfliktfrei sein muss. Entscheidend sei vielmehr, Räume zu schaffen, in denen offen und ehrlich gesprochen werden kann, und Konflikte bei Bedarf zu moderieren. Manchmal könne es sinnvoll sein, zunächst abzuwarten und zu beobachten, weil sich Konflikte auch von selbst lösen. Sie einfach grundsätzlich laufen zu lassen, sei aber nicht die Lösung.
Ist eine Situation bereits festgefahren, kann auch ein Blick von außen helfen. Eine externe Person nehme häufig eine neutralere Position ein als eine Chorleitung, die selbst Teil des Systems ist. Fehlen dafür die Möglichkeiten, empfiehlt Gretz das sogenannte „Brainwriting“: Statt sofort gemeinsam zu diskutieren, schreibt jedes Mitglied zunächst für sich auf, wo die Gruppe hinmöchte. Erst danach werden die Gedanken verglichen. So lassen sich unterschiedliche Perspektiven sammeln, ohne dass die zuerst geäußerten Meinungen die anderen unmittelbar beeinflussen.
Fehler dürfen passieren
Besonders spannend wird der Blick in die Sportpsychologie beim Umgang mit Fehlern. Im Sport gehört es selbstverständlich dazu, nach einem misslungenen Wettkampf zu analysieren, was nicht funktioniert hat und wie es beim nächsten Mal besser gehen kann. Im Chor kann Kritik jedoch besonders sensibel sein – schließlich ist die eigene Stimme etwas sehr Persönliches.
Gretz greift dabei eine Beobachtung seiner Frau auf: „Bei der Stimme ist es immer was sehr Intimes“. Werde jemand für den eigenen Gesang kritisiert, „dann kann das sehr an die eigene Persönlichkeit rangehen“. Umso sensibler müsse damit umgegangen werden, wie Kritik geäußert und ein Fehler angesprochen werde.
An dieser Stelle kommt ein Begriff ins Spiel, der in der Psychologie als „psychologische Sicherheit“ bezeichnet wird. Gretz zufolge sind Gruppen mit einem hohen Leistungsanspruch besonders leistungsfähig, wenn gleichzeitig ein Raum besteht, in dem jede:r offen sprechen kann. Dort muss es möglich sein zu sagen: Das hat mich verletzt. Ebenso muss ausgesprochen werden dürfen: Das stört mich, da müssen wir besser werden oder das war ein Fehler.
Einen solchen Raum zu entwickeln, bezeichnet Gretz als „Herkules-Aufgabe“. Besonders wichtig sei dabei, „die Person nicht abzuwerten, sondern immer nur auf die Verhaltensebene zu gehen“. Kritik kann verletzen – trotzdem müsse es möglich bleiben, sie zu äußern, wenn sich ein Team weiterentwickeln möchte.
Dazu passt ein weiteres Konzept aus der Psychologie: das sogenannte „Growth Mindset“. Dahinter steht die Haltung, Entwicklung grundsätzlich für möglich zu halten. „Wir sind die ganze Zeit Lernende“, sagt Gretz. Alle könnten sich weiterentwickeln – und Kritik und Feedback könnten dabei helfen, diese Entwicklung überhaupt erst möglich zu machen.
Auch Feedback muss man üben
Eine solche Fehler- und Feedbackkultur entsteht allerdings nicht von selbst. Als niedrigschwelligen Einstieg schlägt Gretz sogenannte Duaden, also Zweiergruppen, vor. Im Sport werde diese Methode immer wieder eingesetzt: Zwei Personen coachen sich gegenseitig und haben jeweils die Aufgabe, der anderen Feedback zu geben.
Dadurch erleben beide Seiten, dass es nicht nur unangenehm sein kann, Kritik anzunehmen. Sie auszusprechen kostet ebenso Überwindung. Gleichzeitig kann Gretz zufolge so die Einsicht entstehen, „dass es eher ein Geschenk ist, wenn jemand sich traut, das zu machen“, als etwas Verletzendes oder von oben herab Gesprochenes.
Ähnliches gilt beim Lob. Statt ausschließlich das Ergebnis in den Mittelpunkt zu stellen, empfiehlt Gretz, stärker den Weg dorthin zu würdigen: „Nicht nur das Ergebnis, sondern vor allem den Prozess zu loben.“ Eine Chorleitung könnte also nicht nur feststellen, dass etwas besser geworden ist, sondern auch anerkennen, dass jemand daran gearbeitet, intensiv geübt oder sich besonders angestrengt hat. Der Fokus liegt damit stärker auf Entwicklung und Anstrengung als allein auf dem Resultat.
Der soziale Klebstoff
Ein funktionierendes Team entsteht jedoch nicht nur durch gute Proben und musikalische Entwicklung. Gretz unterscheidet zwischen aufgabenbezogenem und sozialem Zusammenhalt. Auf den Chor übertragen heißt das: Die Sänger:innen brauchen einerseits ein gemeinsames musikalisches Ziel. Andererseits hilft es, zu wissen, mit wem man eigentlich Woche für Woche singt.
Dafür können gemeinsame Aktivitäten außerhalb der Probe eine Rolle spielen. Es gehe darum, Zeiten einzuplanen, in denen man etwas anderes miteinander macht und auch über Familie, Hobbys oder andere Themen spricht. Auf diese Weise entstehe neben dem aufgabenbezogenen Zusammenhalt auch sozialer Zusammenhalt – „dieser soziale Klebstoff in der Gruppe“.
Das jährliche Grillfest allein löst allerdings noch keine Teamprobleme. Gretz sagt ganz deutlich: „Das ist meistens nicht genug.“ Unterschiedliche Ansichten verschwinden nicht automatisch durch einen gemeinsamen Ausflug. Es braucht weiterhin Zeit, um darüber zu sprechen und gemeinsam Kompromisse und Lösungen zu entwickeln.
Leistung braucht Erholung
Eine weitere Erkenntnis aus dem Sport klingt zunächst selbstverständlich und wird trotzdem leicht vergessen: Wer langfristig Leistung bringen möchte, braucht Erholung. „Leistung und Training gehören mit dazu“, sagt Gretz, „gleichzeitig aber auch die Regeneration“. Im Sport werde inzwischen sehr bewusst darauf geachtet, Belastung und Erholung zusammenzudenken.
Auch Chöre kennen intensive Phasen: mehrere Proben, ein Probenwochenende, ein wichtiges Konzert oder einen Wettbewerb. Wie viel Pause danach sinnvoll ist, lässt sich Gretz zufolge allerdings nicht pauschal beantworten. Entscheidend sei unter anderem, wie viel zuvor geprobt wurde, wie hoch Anspruch und Anstrengung waren und welche privaten Belastungen darüber hinaus existierten. Während die eine Person nach einem Konzert sofort motiviert weiterarbeiten möchte, braucht eine andere zunächst Abstand. Eine Faustregel gebe es deshalb weder für jeden Chor noch für jede Person.
Hier gilt es also ebenfalls, Individualisierung und Gruppendynamik auszubalancieren. Im Sport versuche man, möglichst individuell auf Einzelne einzugehen und gleichzeitig im Blick zu behalten, was die Gruppe brauche, um weiter leistungsfähig zu bleiben. Dafür könne man mit den Beteiligten über ihren Pausenbedarf sprechen und anschließend einen Kompromiss für die gesamte Gruppe finden.
Viele der Erkenntnisse aus der Sportpsychologie laufen damit auf einen ähnlichen Gedanken hinaus: Gute Teamarbeit entsteht nicht von selbst, sondern muss immer wieder gemeinsam gestaltet werden. Dazu gehört, unterschiedliche Bedürfnisse wahrzunehmen, miteinander im Gespräch zu bleiben und neben der gemeinsamen Leistung auch die Beziehungen innerhalb der Gruppe im Blick zu behalten.
Nicht nur auf die Töne hören
Und was sollten Chorleitungen nun ganz konkret aus der Sportpsychologie mitnehmen? Gretz’ Antwort ist überraschend einfach: besser zuhören. Chorleitungen hätten ohnehin viel mit Hören zu tun. Sie sollten aber „nicht immer nur die Töne hören“, sondern auch wahrnehmen, was auf der Beziehungsebene passiert. Dafür verweist Gretz auf das Vier-Ohren-Modell von Friedemann Schulz von Thun. Demnach kann eine Nachricht auf vier Ebenen gehört werden: mit dem Sach-, Beziehungs-, Selbstoffenbarungs- und Appellohr. Gretz empfiehlt Chorleitungen, diese unterschiedlichen Ebenen mitzudenken und dadurch auch die Beziehungen zu ihren Sänger:innen zu gestalten. Denn gute Teamarbeit erkennt man nicht nur daran, ob am Ende die richtigen Töne erklingen. Ebenso wichtig ist, wie Menschen miteinander umgehen, was sie voneinander brauchen und ob sie sich gegenseitig hören – im musikalischen wie im übertragenen Sinn.
Über Markus Gretz
Markus Gretz ist Sportwissenschaftler, Psychologe und sportpsychologischer Berater. Seit 2021 leitet er die Sportpsychologie am Nachwuchsleistungszentrum des SSV Ulm 1846 Fußball und betreut in seiner eigenen Praxis Athletinnen und Athleten verschiedener Sportarten. Zuvor war er unter anderem als Basketballtrainer tätig. Seine Praxis kooperiert mit dem Olympiastützpunkt Stuttgart. Auch zum Chorgesang hat Gretz einen persönlichen Bezug: Seine Frau Teresa singt seit vielen Jahren in verschiedenen Chören und aktuell im Vokalensemble Voxtett.

