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SINGEN 2026-09, Thema

Was Chorleitungen von Trainer:innen lernen können

Sophia Haid
1. September 2026
Titelbild:
Das Bild wurde mit Hilfe von KI erstellt.

Was können Chorleitungen von Trainer:innen lernen? Für Dirigent und Hochschulprofessor Michael Alber beginnt die Parallele bei einer einfachen Frage: Welche „Mannschaft“ habe ich eigentlich vor mir? Im Gespräch mit SINGEN erklärt er, warum Chorleitungen die unterschiedlichen Stärken ihrer Sänger:innen kennen sollten, weshalb die Literatur zum Ensemble passen muss und wie gemeinsame Ziele, Verlässlichkeit und die richtige Mischung aus Fordern und Loslassen einen Chor voranbringen.

Herr Alber, wie treffend ist für Sie der Vergleich: Chor ist (Team-)Sport?

Da gibt es sehr viele Parallelen. Das beginnt schon beim Warm-up. Ein Marathonläufer würde auch nicht einfach loslaufen, sondern seine Muskulatur vorbereiten. Beim Singen machen wir im Grunde dasselbe. Dazu kommen Disziplin, regelmäßiges Training und der Wille, sich mit fachlicher Anleitung weiterzuentwickeln.

Noch wichtiger finde ich aber den Mannschaftsgedanken: In einer Mannschaft muss nicht jeder alles gleich gut können. Im Chor ist es genauso. Vielleicht habe ich in einer Stimmgruppe jemanden mit einer sehr guten Höhe, jemand anderes bringt mehr Volumen mit, ein Dritter ist besonders beweglich mit seiner Stimme. Diese unterschiedlichen Fähigkeiten können sich ergänzen. Keiner muss alles gleichermaßen beherrschen.

Welche Aufgabe hat die Chorleitung dabei? Ist sie vergleichbar mit einem Trainer oder einer Trainerin?

Auf jeden Fall muss ich als Chorleiter sehr genau schauen: Wen habe ich eigentlich vor mir? Welche Ziele hat diese Gruppe und was kann ich von ihr verlangen? Das Verständnis von Leitung hat sich verändert. Früher wurde teilweise sehr direktiv geführt. Heute geht es viel stärker darum, sensibel wahrzunehmen, mit welchen Menschen man arbeitet.

Dabei gibt es nicht die eine richtige Art zu führen, das kommt ganz auf den jeweiligen Chor an. Wenn ich mit einem professionellen Ensemble arbeite, habe ich vielleicht nur wenige Proben und muss möglichst schnell eine hohe Qualität erreichen. Bei einem Kinderchor bin ich viel stärker Stimmbildner, Pädagoge und Motivator.

Und genauso muss ich im Amateurchor überlegen, was zu meinem Ensemble passt. Wenn ich einen Amateur-Fußballverein trainiere und ständig verlange, dass er wie in der Champions League spielt, sind am Ende alle frustriert. Ich muss also einen Anspruch finden, der die Menschen fordert, ihnen aber gleichzeitig ermöglicht, sich weiterzuentwickeln und Freude daran zu haben.

Im Amateurchor sitzen oft sehr unterschiedliche Sänger:innen nebeneinander. Wie schafft man es, alle mitzunehmen?

Zunächst einmal durch Wertschätzung. Ich muss sehen, was jede:r Einzelne in die Gruppe einbringt – und das ist nicht nur die musikalische Leistung. Es wäre fatal, wenn ich als Chorleiter nur auf die vermeintlichen Leistungsträger schaue. Gerade im Amateurbereich bringen Menschen ganz unterschiedliche Qualitäten mit.

In meinem ersten Kirchenchor hatte ich beispielsweise einen Bass, der zunächst wirklich keinen Ton nachsingen konnte. Aber er war bei jeder Probe da, immer pünktlich und absolut verlässlich. Auch das ist eine große Stärke. Als Chorleiter muss ich also wahrnehmen, mit wie viel Herzblut sich jemand einbringt. Wenn dann Vertrauen entsteht, kann ich auch musikalisch mit dieser Person arbeiten. Bei diesem Sänger habe ich mit Stimmbildungsübungen gearbeitet, und nach einiger Zeit hatte er seinen Ambitus gefunden.

Das zeigt auch, wie wichtig Geduld ist. Ich kann nicht erwarten, dass alle sofort auf demselben Stand sind. Das ist bei einer Fußballmannschaft ähnlich: Der eine ist technisch vielleicht sehr stark, ein anderer tut sich zunächst schwer, bringt dafür aber andere Qualitäten mit. Die Aufgabe besteht darin, herauszufinden: Wo liegen die besonderen Stärken jedes Einzelnen und wie kann ich sie für die Gruppe nutzen? Entscheidend ist, nicht alle am gleichen Maßstab zu messen, sondern die unterschiedlichen Fähigkeiten zu sehen und daraus eine Mannschaft zu formen.

Wie schafft man es, dass aus diesen verschiedenen Einzeltalenten eine „Mannschaft“ wird und was kann die Chorleitung dafür tun?

Sehr viel – wobei natürlich auch Vorstand und Mitglieder selbst Verantwortung tragen. Gemeinschaft entsteht nicht nur beim Singen. Das können ganz einfache Dinge sein: Eine Sängerin bricht sich das Bein und die anderen kümmern sich um sie. Jemand kann nicht selbst zur Probe fahren und wird abgeholt. So entsteht ein soziales Netz.

Als Chorleitung kann ich solche Begegnungen unterstützen. Besonders wichtig ist zum Beispiel der Moment, wenn jemand neu in einen Chor kommt, in dem sich die anderen vielleicht schon seit Jahrzehnten kennen. Wie wird diese Person begrüßt? Wie schaffe ich eine Atmosphäre, in der sie nicht das Gefühl hat, außen zu stehen?

Auch musikalisch kann ich das fördern, etwa durch eine gemischte Choraufstellung oder durch Einsingübungen, bei denen man ohne Noten miteinander agiert und sich auf das gemeinsame Erleben konzentriert.

Und natürlich helfen gemeinsame Erlebnisse: zusammen essen, einen Ausflug machen, nach der Probe zusammensitzen. Chorsingen ist ein Gemeinschaftserlebnis – aber man kann drumherum viel dafür tun, dass diese Gemeinschaft wächst.

Wie hält man seine „Mannschaft“ langfristig motiviert?

Über gemeinsame und vor allem erreichbare Ziele. Wenn wir uns etwas vornehmen und anschließend erleben, dass wir es geschafft haben, kann eine richtige Erfolgsspirale entstehen. Das Ziel muss dabei nicht für jeden Chor ein großes Konzert sein. Bei einem Seniorenchor kann das gemeinsame wöchentliche Singen und die Begegnung genauso das richtige Ziel sein.

Bei Amateur-Chören können außerdem besondere Projekte motivieren. Wichtig ist dabei auch, für Abwechslung zu sorgen. Ich muss nicht jedes Jahr dasselbe Konzert machen und nur die Stücke austauschen. Warum nicht einmal ein Konzert unter ein bestimmtes Motto stellen, mit Verkleidungen arbeiten oder an einem ungewöhnlichen Ort singen? Auch besondere Konzertpartner und Kooperationen können neue Impulse geben.

Wenn das Dorf beispielsweise ein Jubiläum feiert, könnte der Chor überlegen: Was können wir speziell dazu beitragen? Vielleicht entwickeln wir ein Programm, das musikalisch durch die Geschichte des Ortes führt. Oder wir kooperieren mit einem Trachtenverein, einer Sportgruppe, einem Schulchor oder einem Kindergarten. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten. Entscheidend ist, immer wieder Erlebnisse zu schaffen, auf die man gemeinsam hinarbeitet und die für den Chor etwas Besonderes sind.

Im Mannschaftssport ist Verbindlichkeit selbstverständlich: Wer nicht trainiert, spielt unter Umständen am Wochenende nicht. Können Chöre davon etwas lernen?

Ich glaube schon, dass Verlässlichkeit ein Wert ist, den man vermitteln kann. Gerade heute wollen wir uns häufig möglichst lange nicht festlegen. Dabei kann es auch etwas Schönes sein, regelmäßig zu einer Gruppe zu gehören.

Im Fußball habe ich das bei meinem Sohn erlebt: Wenn man zweimal beim Training gefehlt hat, stand man am Sonntag vielleicht nicht auf dem Platz. Das würde ich natürlich nicht eins zu eins auf einen Chor übertragen. Aber wenn ein großes Konzert bevorsteht, kann man schon gemeinsam sagen: Jetzt legen wir uns noch einmal richtig ins Zeug. Jetzt achten wir darauf, dass alle pünktlich und möglichst regelmäßig da sind.

Danach kann auch wieder eine Phase kommen, in der man Stücke singt, die gut sitzen, und alles etwas lockerer angeht. Auch darin sehe ich eine Parallele zum Training: Nicht jede Phase muss gleich intensiv sein.

Und wenn etwas nicht funktioniert: Wie sollte eine Chorleitung Feedback geben?

Ich bin ein großer Freund davon, positiv zu fordern. Ich kann natürlich sagen: „Das klingt furchtbar, wir gehen überhaupt nicht zusammen.“ Aber ich kann auch sagen: „Das war schon sehr gut. Und wenn wir jetzt noch auf diesen Punkt achten, wird es noch besser.“ Das führt zum selben Problem, schafft aber eine ganz andere Atmosphäre.

Humor ist dabei ebenfalls ein tolles Mittel. Verbissenheit bringt uns selten weiter. Es geht nicht darum, Fehler zu ignorieren, sondern darum, eine Form zu finden, in der ich etwas einfordere, ohne die Menschen dabei kleinzumachen.

 

Wenn Sie angehenden Chorleiter:innen drei Prinzipien aus dem Coaching oder Mannschaftssport mitgeben könnten: Welche wären das – und warum?

Zuerst: Eine Gruppe ist mehr als die Summe der Einzelnen. Ich muss also nach Möglichkeiten suchen, jeden so einzubinden, dass die unterschiedlichen Stärken optimal zusammenwirken.

Ich muss meine Entscheidungen außerdem daran ausrichten, welche Mannschaft ich tatsächlich habe – und nicht daran, welche ich gerne hätte. Das betrifft zum Beispiel die Literatur. Habe ich nur zwei Tenöre und zwei Bässe, kann ich nicht ständig achtstimmige Chorstücke auswählen, nur weil mir diese Literatur besonders gut gefällt. Das ist wie im Sport: Als Trainer richte ich meine Taktik und meine Aufstellung danach aus, welche Spieler:innen und welche Talente ich tatsächlich zur Verfügung habe.

Und zuletzt muss ich gemeinsam mit meinem Chor klären: Was ist unser Ziel? Wenn ich als Chorleiter am liebsten die Wiener Philharmoniker vor mir hätte, der Chor aber hauptsächlich aus Spaß und Freude singen möchte, geht das schief. Der Chor muss mitentscheiden: Wo stehen wir und wo wollen wir hin? Dann kann ich als Chorleiter mit meiner fachlichen Ausbildung überlegen, wie ich diesen Chor dorthin begleite. Aber Ausgangspunkt muss immer die Motivation der Mannschaft sein, die tatsächlich vor mir steht.

Michael Alber

Foto: Pfeiffer

Michael Alber begann schon während seines Musikstudiums mit der langjährigen Leitung verschiedenster Amateurchören-von Gesangvereinen, Kirchenchören und Kammerchören. Er ist regelmäßig als Einstudierer und Dirigent zu Gast bei den Rundfunkchören der ARD, Holland und Frankreich. Darüber hinaus ist er ebenfalls seit vielen Jahren mit weiteren professionellen Ensembles wie Chorwerk Ruhr, dem Deutschen Kammerchor u. a. verbunden Sein Repertoire reicht von der a cappella- Literatur über Oratorium bis zur Chorsinfonik verschiedenster Jahrhunderte.

Michael Alber ist ebenso Dirigent zahlreicher Uraufführungen. Fast 20 Jahre war er Leiter des Staatsopernchores Stuttgart, mit dem er viele Preise gewann . Seit 2012 ist er Professor für Chorleitung an der staatlichen Hochschule für Musik Trossingen. Neben Rundfunkmitschnitten liegen CD-Einspielungen mit dem Orpheus Vokalensemble und dem Deutschen Kammerchor mit Werken u. a. von L. Boulanger, F. Schreker vor.

Chorleitung, Interview
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