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SINGEN 2026-09, Thema

Wenn Sport und Singen zusammenkommen

Sophia Haid
1. September 2026
Titelbild: Klassik trifft Kurve
Foto: Reiner Pfister

Singen und Sport haben mehr miteinander zu tun, als es auf den ersten Blick scheint. Zwei Projekte aus Stuttgart zeigen, was entstehen kann, wenn Fußball und Gesang aufeinandertreffen. Beim Fankonzert „Klassik trifft Kurve“ begegneten sich das Stuttgarter Kammerorchester und die Fans des VfB Stuttgart. Und beim Stuttgarter Weihnachtssingen wird das Stadion selbst zum Ort des gemeinsamen Singens.

Klassik trifft Kurve: Wenn der Konzertsaal zur Fankurve wird

Die Idee kam Markus Korselt ausgerechnet dort, wo man einen Intendanten eines Kammerorchesters vielleicht nicht zuerst vermuten würde: im Fußballstadion. Bei Besuchen der Spiele des VfB Stuttgart fiel ihm auf, dass die Fans einen großen Teil der 90 Minuten singend verbringen. „Die mögen offensichtlich Musik“, erinnert sich der Intendant des Stuttgarter Kammerorchesters an seine damalige Erkenntnis. „Warum also nicht miteinander ins Gespräch kommen?“

Aus dieser Idee entstand „Klassik trifft Kurve“. Am 3. März 2026 trafen im Hegel-Saal der Stuttgarter Liederhalle das Stuttgarter Kammerorchester (SKO), der VfB Stuttgart und dessen Fanszene aufeinander. Rund 1.900 Gäste kamen zu dem Konzert, das innerhalb kürzester Zeit ausverkauft war. Fußballfans saßen neben Klassikliebhaber:innen, Trikots trafen auf Konzertkleidung, Fangesänge auf Streicherklänge.

Dass dieses Zusammentreffen funktionieren würde, war anfangs keineswegs selbstverständlich. Zwar sei die Idee grundsätzlich sofort auf Interesse gestoßen, erzählt Korselt. Eine Frage stand jedoch im Raum: Würde sich auch die organisierte Fanszene darauf einlassen? Für Korselt war klar, dass das Projekt ohne sie nicht funktionieren würde. Nach den ersten Treffen mit der größten Ultra-Gruppierung der Fans des VfB Stuttgart, Commando Cannstatt 1997, war die anfängliche Skepsis aber schnell verflogen.

Auch Benno Nagel vom Commando Cannstatt 1997 erinnert sich an eine unkomplizierte Annäherung. Trotz der auf den ersten Blick ungewöhnlichen Konstellation habe es kaum Vorurteile zu überwinden gegeben. Stattdessen seien schnell Gemeinsamkeiten sichtbar geworden: „Dann kommt es darauf an, die richtigen Töne anzuschlagen und die Anwesenden mitzureißen. Emotionen spielen in beiden Wirklichkeiten eine große Rolle.“

Fangesänge auf Augenhöhe

Entscheidend für die Konzeption des Abends war, dass die Fußballfans nicht lediglich als besondere Zielgruppe eingeladen wurden. Sie gestalteten das Konzert aktiv mit. Rund zehn Fangesänge wurden ausgewählt, ebenso legten sie deren dramaturgische Reihenfolge fest. Wichtig war dabei, dass die Lieder ausreichend bekannt waren, damit der Saal mitsingen konnte.

Ergänzt wurden die Fangesänge durch klassische Werke unter anderem von Vivaldi, Bartók und Dvořák sowie Arrangements bekannter Rocksongs. Auch „Stuttgart kommt“, die VfB-Hymne von Wolle Kriwanek, wurde eigens neu arrangiert. Als Überraschung kam schließlich ein rund 40-köpfiger Chor hinzu: Der Bachchor Stuttgart sang die Champions-League-Hymne – nachdem das Orchester zuvor das Händel-Original gespielt hatte, auf dem sie basiert.

Die Herausforderung bestand für Korselt vor allem darin, die richtige Balance zu finden: Wie viel Klassik verträgt ein Konzert, bei dem ein Teil des Publikums kaum Erfahrung mit klassischer Musik hat? Und wie lässt sich gleichzeitig die Energie der Kurve erhalten, ohne dass das Kammerorchester lediglich zur Begleitband wird? Beide Seiten sollten als das erkennbar bleiben, was sie sind – und gerade dadurch etwas Neues entstehen lassen.

Vom Publikum zum Teil des Konzerts

Wie sehr das gelang, zeigte sich spätestens im Hegel-Saal. Rund 350 Ultras des Commando Cannstatt sorgten auf der Empore für Stadionatmosphäre. Im Publikum saßen daneben unter anderem VfB-Fans, Teile der Mannschaft, Frauenmannschaft, Trainer und Präsidium ebenso wie das Stammpublikum und Freunde des Kammerorchesters. „Es haben sich Leute getroffen, die sich sonst nicht unbedingt im Konzert sehen“, sagt Korselt.

Die Beteiligung des Publikums war dabei ein zentraler Bestandteil des Abends. Fangesänge wurden mitgesungen, VfB-Schals gingen in die Höhe. Vieles musste gar nicht inszeniert werden: Die Fans wussten selbst, wann die vertrauten Rituale gefragt waren. Korselt beschreibt eine Energie zwischen Bühne und Saal, die auch für die Musiker:innen des Orchesters außergewöhnlich gewesen sei. Das Publikum habe nicht nur rezipiert, sondern sei „Teil der Action“ geworden.

Für die Fankultur ist dieses aktive Singen ohnehin selbstverständlich. Fangesänge, erklärt Nagel, sollen zunächst die Mannschaft unterstützen. Vor allem aber sind sie Ausdruck gemeinsamer Emotionen: Tausende Menschen aus der gesamten Region und aus unterschiedlichen sozialen Gruppen kommen zusammen und singen – unabhängig davon, ob die Mannschaft gerade erfolgreich ist oder nicht. Dadurch entstehe ein „einzigartiges Gemeinschaftsgefühl“.

Dass nach einem solchen Abend plötzlich alle Fußballfans regelmäßig klassische Konzerte besuchen, war für Korselt nie das Ziel. Dennoch seien seit dem Projekt immer wieder Menschen aus dem Umfeld des VfB bei klassischen Konzerten des SKO zu sehen. Gleichzeitig führte die Zusammenarbeit das Orchester selbst in die Fußballwelt: Nach „Klassik trifft Kurve“ wurde das SKO vom VfB eingeladen, vor dem DFB-Pokalfinale in Berlin aufzutreten.

Die Begegnung wirkt also in beide Richtungen. Korselt betont, dass solche Projekte auch das Kammerorchester künstlerisch verändern. Die neuen Gefühls- und Klangwelten hätten wiederum Auswirkungen darauf, wie das Ensemble sein klassisches Repertoire spiele. „Es ist ein Geben und Nehmen auf beiden Seiten.“

Stuttgarter Weihnachtssingen: Das Publikum ist der Star

Beim Stuttgarter Weihnachtssingen führt der Weg nicht von der Fankurve in den Konzertsaal, sondern mitten hinein ins Stadion. Die Veranstaltung entstand aus einer Zusammenarbeit von Kirche, Sport, Kultur und der Stadt Stuttgart. Vorbilder für Weihnachtssingen in Stadien gab es bereits. In Stuttgart sollte jedoch etwas anders sein: Statt einer Show, die dem Publikum präsentiert wird, sollten die Menschen auf den Rängen selbst im Mittelpunkt stehen. Vor allem das Publikum sollte singen – und an Weihnachten zusammenkommen.

Mittlerweile kommen rund 8.000 Menschen zum gemeinsamen Singen ins GAZi-Stadion auf der Waldau. Darunter waren zuletzt mehr als 3.000 Kinder. Gerade diese Mischung der Generationen und die Offenheit der Veranstaltung machen für Patrick Bopp, der die Veranstaltung bereits seit mehreren Jahren moderiert und musikalisch anleitet, den besonderen Reiz aus. Obwohl die Kirchen zu den Veranstaltern gehören, soll das Weihnachtssingen ausdrücklich Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen zusammenbringen.

Zwischen „Last Christmas“ und „Stille Nacht“

Musikalisch bedeutet das: Die Mischung muss stimmen. Kinderlieder stehen neben traditionellen Weihnachtsliedern, spaßige neben berührenden Stücken. Auch „Last Christmas“ war schon dabei. Das Programm stellt Bopp gemeinsam mit den beteiligten Musiker:innen zusammen. Ein wichtiges Kriterium: Es soll möglichst immer etwas geben, bei dem alle mitmachen können – notfalls auch nur mit einem einzigen Ton oder einem Tiergeräusch.

Perfektion ist dabei ausdrücklich nicht das Ziel. „Es geht eben darum, wirklich loszulassen“, sagt Bopp. Auch wenn ein Lied mit 8.000 Menschen einmal nicht perfekt funktioniere, sei das kein Problem. Seine Aufgabe als Moderator sieht er deshalb vor allem darin, den Menschen die Angst vor der eigenen Stimme zu nehmen. Humor, kleine spielerische Aufgaben und einfache Begleitstimmen sollen helfen, einen Raum zu schaffen, in dem sich auch diejenigen beteiligen, die von sich behaupten, gar nicht singen zu können.

Im Laufe der Veranstaltung verändert sich die Atmosphäre. Während zu Beginn Spaß und Ausprobieren im Vordergrund stehen, wird es zum Ende hin ruhiger. Ein Segenslied wird zwischen Haupttribüne, Gegentribüne und Bühne hin- und hergesungen: Jeweils jede Gruppe singt sendend den anderen zwei Gruppen zu und diese hören empfangend zu, um dann wiederum ihrerseits zu antworten. Gegen Ende wird dann gemeinsam mit allen drei Gruppen der Segen in die Welt hinaus gesungen. Zum Abschluss folgt traditionell „Stille Nacht“. Die Kerzen werden entzündet und nach dem letzten Ton soll tatsächlich Stille herrschen – ohne Zugaberufe oder Musik aus Lautsprechern. Bopp beschreibt den Abend deshalb weniger als eine Abfolge einzelner Lieder denn als einen Prozess: vom ausgelassenen gemeinsamen Singen hin zu einem ruhigen Abschluss.

Was das Stadion mit dem Singen macht

Dass all das ausgerechnet in einem Fußballstadion stattfindet, ist mehr als eine besondere Kulisse. Das Stadion der Stuttgarter Kickers ist Gastgeber und prägt das gemeinsame Singen. Die Menschen sitzen und stehen rund um das Spielfeld, Haupt- und Gegentribüne können einander musikalisch antworten. Gleichzeitig bringt der große Raum akustische Herausforderungen mit sich: Der Hall und die Distanz zwischen den Tribünen müssen bei der Auswahl und dem Tempo der Lieder berücksichtigt werden.

Und auch die Stadionkultur findet ihren Weg ins Programm. Zum Einsingen wird schon einmal skandiert, um die Menschen „aus dem Schneckenhaus“ zu locken. Auch „You’ll Never Walk Alone“, eines der bekanntesten Stadionlieder, gehörte bereits zum Programm. Bei „Feliz Navidad“ wurden Gesang, Call and Response zwischen den Tribünen und eine einfache Choreografie miteinander verbunden.

Parallelen zum Fußball sieht Bopp vor allem in diesem gemeinschaftlichem Erlebnis, bei dem die unterschiedlichsten Menschen beieinanderstehen und sich gegenseitig zum Singen motivieren. Die Stehtribüne sei beim Weihnachtssingen traditionell deutlich lauter als die Bereiche, in denen die Menschen weiter voneinander entfernt sitzen. Wer die anderen unmittelbar um sich herum hört, werde selbst leichter mitgezogen.

Ein Einstieg ins gemeinsame Singen

Gerade darin liegt auch eine mögliche Anregung für Amateurchöre. Denn beim Weihnachtssingen erreichen Bopp zufolge auch Menschen, die sonst kaum oder gar nicht gemeinsam singen. Manche kämen zunächst nur mit und fingen irgendwann „aus Versehen“ doch an mitzusingen. Niemand müsse dabei beweisen, wie gut er oder sie singen könne. Alle seien Teil desselben „Klangballs“.

Bopp kennt solche niedrigschwelligen Zugänge auch aus seinen Mitsingformaten. Er versteht sie als eine Art Zwischenschritt für Menschen, die eigentlich gerne singen würden, sich den Eintritt in einen Chor aber noch nicht zutrauen. Wer zunächst erlebt, dass die eigene Stimme funktioniert und dass Fehler erlaubt sind, wage vielleicht später auch den nächsten Schritt in einen Chor.

Auch innerhalb bestehender Chöre könne es sich lohnen, immer wieder Räume für ein freieres Singen zu schaffen. Bopp schlägt beispielsweise kleine Einheiten ohne Noten vor, in denen Harmonien improvisiert werden und die Sänger:innen stärker aufeinander hören müssen. Nicht jede Probe müsse so funktionieren. Doch zwischendurch einfach zu singen, auszuprobieren und den Leistungsdruck für einen Moment herauszunehmen, könne das gemeinsame Hören und das Gemeinschaftsgefühl stärken.

Zwei Räume, eine Erfahrung

So unterschiedlich „Klassik trifft Kurve“ und das Stuttgarter Weihnachtssingen konzipiert sind, haben sie einen entscheidenden Punkt gemeinsam: Das Publikum bleibt nicht Publikum. Menschen singen selbst, reagieren aufeinander und werden damit zu einem Teil dessen, was musikalisch entsteht.

Beide Projekte zeigen zugleich, dass Sport und Musik nicht erst künstlich miteinander verbunden werden müssen. Im Stadion existiert längst eine ausgeprägte Kultur des gemeinsamen Singens. „Klassik trifft Kurve“ nimmt diese Kultur ernst und bringt sie auf Augenhöhe mit einem professionellen Orchester zusammen. Das Weihnachtssingen nutzt dagegen den vertrauten Raum und einzelne Elemente der Stadionkultur, um möglichst vielen Menschen einen niedrigschwelligen Zugang zum gemeinsamen Singen zu ermöglichen.

Für Chöre liegt darin vielleicht die interessanteste Erkenntnis: Menschen müssen nicht immer zuerst für den Chor begeistert werden. Manchmal kann der erste Schritt viel kleiner sein – einen Raum zu schaffen, in dem sie sich trauen, ihre Stimme überhaupt gemeinsam mit anderen zu benutzen.

Stuttgarter Weihnachtssingen

Foto: Bernd Eidenmüller

Seit Markus Korselt 2017 als Geschäftsführender Intendant zum Stuttgarter Kammerorchester wechselte, macht das SKO neben seinem Kernrepertoire mit zahlreichen innovativen Projekten auf sich aufmerksam: Als erstes deutsches Orchester klimaneutral, 2023 Doppel-Live-Hologrammkonzert sowie zahlreiche Projekte im Bereich Digitalisierung und Künstliche Intelligenz. Das SKO ist ein weltweit konzertierendes Spitzenensemble, aktuell werden sämtliche Symphonien von Beethoven unter Leitung seines Chefdirigenten Thomas Zehetmair für das eigene Label SKO Records aufgenommen. Vor dem Wechsel zum SKO leitete Korselt u. a. als Geschäftsführer die Innsbrucker Festwochen der Alten Musik sowie die Meister- und Kammerkonzerte Innsbruck. Als Dirigent arbeitete er u. a. mit führenden europäischen Kammerorchestern und Symphonieorchestern wie dem Shanghai Philharmonic Orchestra und den Prager Philharmonikern zusammen.

 

Patrick Bopp studierte an der Musikhochschule in Stuttgart Klavier, Chor- und Orchesterleitung. Er war Gründungsmitglied der Stuttgarter A Cappella-Gruppe „Füenf“, der er Zeit Ihres Bestehens (1995-2024) als Sänger, Texter und Arrangeur angehörte. Er war und ist Leiter verschiedener Chöre und auch sozialer Projekte, so z.B. des Stuttgarter Vesperkirchenchores „Rahmenlos & Frei“. Bei den Singreisen „Singen auf See“ spricht er gemeinsam mit anderen Chorleitenden Menschen an, die gerne einmal mit gleichgesinnten 4 Tage auf einer Fähre zwischen Travemünde und Helsinki oder auf der Donau zwischen Passau und Bukarest Spaß, Gesang und Gemeinschaft in den verschiedensten Facetten erleben wollen.

Seit 2015 bietet er regelmäßig sein Mitsingformat „Aus voller Kehle für die Seele“ an vielen Orten in Württemberg und auch anderswo an.

Weitere Infos und Termine: www.patrickbopp.de | patrickbopp_singenfueralle

Markus Korselt

Foto: Oliver Röckle

Patrick Bopp

Foto: Bernd Eidenmüller

Best-Practice, Kooperation, Veranstaltung
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