„Heut heißt´s: Nach meiner Pfeife springen!“
Er gehört zu den makabersten Themen der Kunst: der „Totentanz“. Seit dem Mittelalter wird er auf Bühnen und besonders viel auf Bildern inszeniert.
Die Bildwerke, meist große Gemäldezyklen auf Kirchenwänden, auf Kreuzgang- und auf Friedhofsmauern, zeigen tanzende Knochenmänner mit ihren jeweiligen Opfern: angefangen beim höchsten weltlichen Stand (Kaiser und Kaiserin) über den Klerus, den Adel und das „gemeine Volk“ bis hinunter zu den untersten Schichten der damaligen Gesellschaft, den Bettlern und Gaunern. Auch die diversen Altersgruppen sind berücksichtigt: vom Kleinkind und der Jugend über die Erwachsenen bis hin zu den Greisen, keiner bleibt außen vor.
Der Tod, ein ausladend gestikulierendes, von zerfetzten Leichentüchern umspieltes Gerippe, greift dabei nach jedem, den er fassen kann, und fordert ihn zum Tanz auf. Mit welchen Worten das geschieht und was das Opfer entgegnet, diese kleinen Dialoge sind meist in Versform auf Textfeldern unter den Bildszenen festgehalten. Als Beispiel sei hier das über 20 Meter lange Totentanz-Wandgemälde der Berliner Marienkirche am Alexanderplatz genannt.
Die ursprünglich aus dem späten 15. Jahrhundert stammenden Berliner Szenen gehen wohl auf einen einst vorbildhaften Totentanz in der Lübecker Marienkirche zurück. Womit wir uns langsam der Musik nähern. Zu den Musikstücken, die sich dem Thema widmen, gehört nämlich die Motette „Totentanz“ (op. 12,2) von Hugo Distler (1908-1942). Der Komponist hat das Werk für den „Ewigkeitssonntag“ (Totensonntag) des Jahres 1934 geschaffen. Es ist eine vierstimmige a-capella-Komposition mit 14 gesungenen Versen (untergliedert durch zwölf zusätzliche gesprochene Verse).
Distler hat sich mit dem Thema eines Totentanzspiels schon zuvor beschäftigt, wohl beeinflusst durch Leonhard Lechners „Sprüche vom Leben und Tod“ und die Motette „Selig sind die Toten“ von Heinrich Schütz, die 1934 in der Lübecker Jakobi-Kirche aufgeführt worden sind.
Eine andere Inspirationsquelle Distlers war vermutlich auch das zuvor genannte Totentanzgemälde in der Lübecker Marienkirche. Es handelte sich dabei um eine spätere Kopie eines Werks aus dem 15. Jahrhundert. 1942 ist es durch den Krieg zerstört worden.
Distler beginnt sein Werk übrigens mit der Aufforderung des Todes:
„Zum Tanz, zum Tanze reiht euch ein:
Kaiser, Bischof, Bürger, Bauer,
arm und reich und groß und klein,
heran zu mir! Hilft keine Trauer.
Wohl dem, der rechter Zeit bedacht,
viel gute Werk vor sich zu bringen,
der seiner Sünd sich losgemacht –
heut heißt´s: Nach meiner Pfeife springen!“
Die Uraufführung des Distlerschen Totentanzes fand am 24. September 1934 in der Lübecker Katharinenkirche statt. Für die zweite Aufführung (November 1934) komponierte Distler zusätzlich noch kurze Variationen des Liedes „Es ist ein Schnitter, heißt der Tod“. Die Verse des Totentanzes wiederum stammen aus dem Cherubinischen Wandersmann des Angelus Silesius.




