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SINGEN 2026-10, Thema

Drei Generationen – eine „Chorwerkstatt“

Sandra Bildmann
1. Oktober 2026
Titelbild: Der Kinderchor Stimmbande II, der Jugendchor sowie der Große Chor der Chorwerkstatt beim Musical „Bergfieber – neu entfacht!“ im November 2025.
Foto: Ellen Brüx
Wenn Verantwortung mitwächst

Wie wichtig ist Frauenpower? Und welche Rolle spielen Generationen- und Familieneffekte? Gudrun Fahr, ihre Tochter Heike Weis und ihre Enkelin Lucy Weis erzählen als Verantwortliche der „Chorwerkstatt“ von ihren Erfahrungen. Warum Frauen genauso gut Verantwortung übernehmen können wie Männer, was für kurz- wie langfristigen Erfolg wirklich zählt und welche Kraft in den Rahmenbedingungen liegt. 

Als Gudrun Fahr vor über einem halben Jahrhundert den Taktstock in die Hand nahm, war das für sie normal. Die Gesellschaft aber hatte sich noch nicht daran gewöhnt, dass eine Frau vorn stand und die Ansagen machte: „Ich erinnere mich an die Zeit, als ich als Chorleiterin begann. Da wunderte ich mich immer über die Zeitungsüberschriften: ‚Toller Männerchor, aber es fehlt an Chorleitern.‘ Das kam sehr oft vor und plötzlich hießen die Überschriften: ‚Eine Frau dirigiert diesen und jenen Chor‘. Die Zeitungen schrieben sehr verwundert, trotz dem es ein Männerchor ist, steht eine Frau vorne und alle horchen auf sie und machen, was sie sagt. Das war damals etwas Besonderes. Aber dann kam es wie eine Welle und plötzlich standen überall Frauen vorne dran und ich hatte das Gefühl, das war auch willkommen. Das funktionierte.“

Heute ist man in der Chor-Welt längst im 21. Jahrhundert angekommen. Anfeindungen, unsachliche Kommentare oder Zweifel an ihrer Eignung haben Fahr und ihre Tochter Heike Weis, ebenfalls Chorleiterin, nicht erfahren, erzählen sie. „Wir hatten nie das Gefühl, dass es eine Rolle spielt, dass wir Frauen sind“, betont Weis.

Aber es macht schon einen Unterschied, ob ein Mann oder eine Frau dem Ensemble vorsteht, oder? Das pauschal zu beantworten, lehnen die drei Frauen ab. Es komme auf die individuelle Persönlichkeit mit ihren Eigenschaften an; was die Chor-leitende und anderweitig im Verein Verantwortung tragende Person mitbringe, entscheide darüber, wie gut es läuft. 

„Es braucht jemanden, der die Fäden zusammenhält. Es braucht Personen, die bereit und fähig sind, das Ganze zusammenzuhalten, den Überblick zu bewahren und alles unter einen Hut zu bringen“, sagt Weis und unterstreicht: „Da gibt es unabhängig vom Geschlecht Menschen, die das können.“ 

Gründung vor 25 Jahren

In der Neckartenzlinger „Chorwerkstatt“ funktioniert das hervorragend. Vor 25 Jahren von einer kleinen engagierten Gruppe um Gudrun Fahr gegründet, hat sie einen rasanten Aufstieg erlebt, den selbst die Initiatorinnen nicht erwartet hatten. Sie verbindet traditionelle mit moderner Chorarbeit, längst sind die Musical-Projekte gemäß dem Leitgedanken „singen – bewegen – darstellen“ zum Markenzeichen geworden, die Chorwerkstatt zum überregionalen Aushängeschild von Chorvereinen: Für die rund 170 aktiven Sänger:innen in fünf Chorgruppen mit großer Nachwuchsabteilung gibt es lange Wartelisten, alleine für den Erwachsenenchor sind über 70 Anwärter:innen notiert. Stolz sind sie bei der Chorwerkstatt darauf, dass sie mit ihren Aufführungen regelmäßig die K3N Stadthalle in Nürtingen füllen. In der Regel jährlich wuppen sie ein großes Musical, aktuell dreht sich alles um das Jubiläums-Musical „Zwischen den Seiten“, das viermal im kommenden November aufgeführt wird. Im Verein ist man sich bewusst, dass es die groß angelegten, mehrdimensionalen Projekte sind, die den Reiz ausmachen, mitwirken zu wollen. Und das interessiert nicht nur die, die mitmachen, sondern auch die, die zuschauen möchten: Über all die Jahre hat sich die Chorwerkstatt einen sich kontinuierlich wachsenden Publikumsstamm aufgebaut.

Die Rahmenbedingungen

Männer gehen gern selbstbewusst ans Werk, Frauen dagegen hadern tendenziell eher damit, ob sie sich ein Amt oder eine leitende Funktion zutrauen. „Das war bei uns nicht das Problem, weil wir ja reingewachsen sind in das Ganze“, erzählt Heike Weis über sich und ihre Tochter Lucy, die als Choreografin in der Chorwerkstatt mittlerweile einen wichtigen Bereich verantwortet. Sie ist da ganz selbstverständlich reingerutscht, erwartet worden sei es aber nicht von ihr, dass sie sich einbringe, erzählt die Psychologie-Studentin. Das Familien-Ding ist einfach da, da gebe es überhaupt kein Bedürfnis, sich auszuklinken, sagt sie und schiebt gleich eine weitere Zutat für das Chorwerkstatt-Erfolgsrezept hinterher: Wenn jemand mal aussetzen müsse oder eine Zeitlang weg sei, brauche man keine Sorge zu haben, nicht wiederkommen zu dürfen – ganz im Gegenteil. „Worauf ich ganz besonders stolz bin, ist, dass immer wieder ehemalige Chormitglieder zurückkommen“, sagt Gudrun Fahr, „wenn ich auf meine lange Chorleiterzeit zurückblicke und erlebe, dass von damals Kinder und Enkelkinder wiederkommen und einige aus dieser Zeit mittlerweile sogar in der Musik tätig sind, da muss ich sagen: Das haben wir doch richtig gemacht, dass wir den Kindern Vorbild waren!“

Eine Selbstverständlichkeit, dass Heike Weis die Arbeit ihrer Mutter übernehmen würde, war es allerdings nicht. „Dass ich da mal die Gesamtleitung übernehme und das gleich mit drei Chören – das hätte ich mir früher nicht vorstellen können“, erzählt sie. Das habe sich nach und nach ergeben. „Es wäre aber nicht gegangen, wenn nicht die Familie dabei gewesen wäre und mitgezogen hätte“, bekräftigt sie.

Familienmodell als Grundlage

Gudrun Fahr, die 1978 ihren ersten Kinderchor gründete, hat sich mittlerweile aus der ersten Reihe zurückgezogen. „Manchmal werde ich gefragt: Fällt dir das nicht schwer?“, erzählt sie, „nee, es läuft ja weiter und klappt hervorragend. Ich gebe noch ein bisschen was dazu, wenn ich gebraucht oder gefragt werde. Meine Tochter und Enkelin machen das so toll und ich darf immer noch mitreden, am Schreibtisch Vieles machen, Anträge stellen und dann einfach genießen.“

Es müsse nicht so sein, aber es sei eine sehr gute Grundlage, wenn die ganze Familie involviert ist, bestätigen die Frauen. Ihre eigene Familie ist dafür das beste Beispiel: Ehemann, Vater, Bruder und Sohn waren oder sind auch alle mit dabei. Obwohl sechs von sieben Vorstands- und sieben von acht Beiratspositionen weiblich besetzt sind, würde die Chorwerkstatt ohne Männer in sichtbaren, tragenden und verantwortungsvollen Rollen nicht funktionieren, betont Heike Weis. Und auch wenn manche Eigenschaften eher als weiblich bekannt seien, die Männer in der Chorwerkstatt seien „hilfsbereit, stehen einem zur Seite, wenn man mal tröstende Worte oder helfende Hände braucht“, erzählt Heike Weis. Für den Erfolg wichtig sei, „kreative Menschen zu finden, die bereit sind, etwas auf die Beine zu stellen und Leute, die da mitziehen.“ Was zählt, seien „der Geist, das ganze Feeling und die gemeinsamen Ziele.“ Frauenpower habe nicht dazu gehört: „Das war für uns nie ausschlaggebend.“ 

Der Generationen-Aspekt

„Die Chorwerkstatt ist eine große Familie, wo jeder unabhängig vom Alter, vom Geschlecht, vom Aussehen, von der Herkunft, von was auch immer, mitmachen kann und seinen Anteil dazu leisten kann.“ Der mit 15 Jahren Jüngste im großen Chor habe zum Beispiel mit dem Ältesten zusammen Kulissen gebaut. Sängern:innen aus dem Jugendchor betreuen Social Media, helfen mit bei den Kostümen, um die sich eine Mutter langjähriger Chormitglieder kümmert. „Ich glaube, unsere Stärke ist das Generationenübergreifende, nicht nur in unserer Familie, sondern das Ganze betreffend. Alle Altersgruppen stehen zusammen auf der Bühne machen so ein Projekt zum Erfolg.“

Vorbild sein hilft aktiv und passiv

Drei Kinderchöre und ein Jugendchor gehören zum Portfolio der Chorwerkstatt. Den Heranwachsenden wird vorgelebt, dass es ganz normal ist, wenn Frauen das Kommando haben. „Letztes Jahr musste ein Mädchen aus dem Kinderchor in der Schule ein Referat über ein Vorbild halten. Und da hat sie mich genommen. Das hat mich sehr gefreut! Ganz klar ist man Vorbild – vielleicht gerade für Mädchen, denen es Mut macht, wenn sie sehen, dass es – egal, was sie machen möchten – mit Sicherheit kein Hinderungsgrund ist, ein Mädchen zu sein.“ Das sei schon ein positiver Effekt, gibt Weis zu, lenkt das Gespräch aber gleich lieber auf allgemeine Eigenschaften, die es ihrer Ansicht nach brauche: Was helfe, sei definitiv ein langer Atem, ein Durchhaltevermögen und die Bereitschaft, „da manchmal auch wirklich über seine Grenzen zu gehen.“ 

Welche Tipps sie motivierten und engagierten Personen mit auf den Weg geben würde? „Unbedingt probieren, nicht zögern! Natürlich möglichst ein Team aufbauen und nicht versuchen, als Einzelkämpfer oder Einzelkämpferin alles allein zu machen. Sich Leute an die Seite zu suchen. Egal ob Mann oder Frau.“ Ein Weg sei selten geradlinig, es sei normal, „wenn er vielleicht mal um eine Ecke geht oder ein bisschen Zickzack.“ Dass sie nie schlechte Erfahrungen als Führungspersonen gemacht haben, führen die Frauen auch auf die Neugründung zurück: Sie wurden im Verein mit keiner Hypothek belastet, sondern konnten neu anfangen. 

Das Vorbildhafte in ihrem Engagement sehen Gudrun Fahr, Heike und Lucy Weis darin, gemeinsam und generationenübergreifend mit anderen im Team ein großes Projekt aufzuziehen; mit Herzlichkeit und Empathie Projekte zu realisieren, an denen sich alle Beteiligten verwirklichen können, an denen sie Spaß haben und sich weiterentwickeln: beim Singen, Bewegen und Darstellen.

www.die-chorwerkstatt.de

Chor, Vereinsentwicklung
Drei Generationen – eine „Chorwerkstatt“
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