Warum Amateurmusik wichtig für uns und unsere Gesellschaft ist
Es mag eine Binse sein, und doch kann man es nicht oft genug sagen: Singen und Musizieren sind Grundbedürfnisse des Menschen. Sie begleiten uns, seit es uns gibt. Zu den ältesten Artefakten, die wir in Baden-Württemberg kennen, gehören neben Jagdwerkzeugen und Elfenbeinfiguren auch Musikinstrumente – Flöten aus Schwanenflügel- und Gänsegeierknochen. Schon die ersten Jäger hatten vor rund vierzigtausend Jahren offenkundig Sinn für Kunst und für Musik. Und vermutlich machen Singen, Tanzen, Musizieren die Erfolgsgeschichte des modernen Menschen überhaupt aus. Vermutlich waren sie die Grundlage dafür, dass es schließlich gelang, in großen Gruppen Emotionen zu teilen und gut miteinander zu leben.
Heute singen und musizieren in Deutschland Millionen Menschen regelmäßig zuhause oder gemeinsam mit anderen. Denn Musik begeistert, sie beseelt und belebt – und sie prägt uns. Kein Wunder also, dass in Zeiten gesellschaftlicher Herausforderungen, in Zeiten der Polarisierung und des Umbruchs der Ruf laut wird, Musik und Kunst mögen unsere Demokratie festigen und stützen.
In der Tat leistet insbesondere die Amateurmusik gewissermaßen en passant vieles, das wir mit unserem demokratischen Gemeinwesen verbinden. Da ist an erster Stelle die soziale Wirkung zu nennen. In Chören, Ensembles und Musikvereinen begegnen sich Menschen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Berufe oder politischer Überzeugungen – mit einem gemeinsamen Ziel: Musik zu machen und sie mit anderen zu teilen. Wer mit anderen probt, wer sich gegenseitig zuhört und aufeinander reagiert, erlebt dieses Zusammenwirken sehr umfassend – gerade beim Singen auch körperlich. Man atmet gemeinsam, agiert im Takt, man führt an der einen Stelle und tritt an anderer zurück, man trägt Verantwortung für das Gesamtergebnis wie für den eigenen Beitrag.
Nicht nur im ländlichen Raum übernehmen Vereine außerdem oft Aufgaben, die über das eigene Musizieren hinausgehen. Sie organisieren Konzerte, sie bereichern Feste und öffentliche Veranstaltungen, kurz: sie stiften in ihren Kommunen Identität. Es ist also nicht zu viel gesagt, dass die Amateurmusik den gesellschaftlichen Zusammenhalt grundlegend stärkt. Unsere Art zu leben, ist ohne sie nicht denkbar.
Historisch gesehen ist diese Funktion übrigens keineswegs an einen demokratischen Staat gebunden – „Sänger, Turner, Schützen sind des Reiches Stützen“ spottete im 19. Jahrhundert der bayrische Dichter Franz von Pocci mit Blick auf die deutsche Nationalbewegung und das Kaiserreich. Fragt man nach der spezifischen Rolle der Musik in der Demokratie, wird die Sache also komplizierter. Thea Dorn kommt hier zu einem nüchternen Ergebnis: „Ich fürchte, wir müssen uns zunächst einmal mit einer […] Absage begnügen: Die Rolle der Kunst in einer Demokratie besteht darin, keine Rolle haben zu müssen – sondern frei zu sein.“
Ich betone das, weil Forderungen an die Kunst im Allgemeinen und an die Amateurmusik im Besonderen, sich aktueller gesellschaftlicher Fragen oder Ziele anzunehmen, immer auch hinterfragt werden müssen. Ihre integrierende Kraft beruht doch wesentlich auch darauf, offen und zunächst auf keinen anderen Zweck als die Freude am gemeinsamen Musizieren ausgerichtet zu sein.
Dennoch: Die Amateurmusik trägt ihre demokratische Dimension in sich selbst. Sie fußt institutionell auf freiwilligem Engagement, auf Selbstorganisation und gemeinsamen Entscheidungen. Vereine sind gelebte Demokratie im Kleinen. Und sie macht Musik nicht nur konsumierbar, sondern ermöglicht Teilhabe und eigenes Gestalten.
Das Land tut also gut daran, die Vereine und Verbände der Laienmusik etwa durch die Probenförderung und durch Weiterbildungsangebote zu unterstützen und sie zugleich von Bürokratie oder etwa bei GEMA-Gebühren zu entlasten.
Und schließlich ist es der Aspekt der Persönlichkeitsentwicklung und der ganzheitlichen Bildung, der sich untrennbar mit Singen und Musizieren verbindet. Musik vermittelt in spielerischer Form und ohne erkennbare Absicht wichtige Fähigkeiten wie Kreativität, Kommunikation und Zusammenarbeit, Konzentration, Beharrlichkeit und Leistungsbereitschaft – auch einen guten Umgang mit Rückschlägen sowie die Erfahrung der Selbstwirksamkeit.
Deshalb ist es fatal, dass das Singen in den bildungspolitischen Debatten der 1968er- und der 1970er-Jahre als unaufgeklärt, als altmodisch und reaktionär verunglimpft wurde und dass diesem schrägen Gedanken folgend versucht wurde, es aus dem Schulunterricht zu verdrängen. Man sollte eigentlich wissen: Gerade in der frühkindlichen Bildung und in der Grundschule ist das Singen ganz unverzichtbar. Denn die Stimme ist das Erste, was Kinder gebrauchen und ausprobieren. Von den ersten Lautäußerungen an gehört dies zur Entfaltung der menschlichen Existenz. Kinderlieder stärken das Sprachgefühl und bereichern den Wortschatz, noch bevor dieser ganz verstanden wird. (Man denke etwa daran, mit wieviel Spaß etwa das Lautieren durch „Auf der Mauer, auf der Lauer“ trainiert werden kann.) Lieder überspringen Sprachgrenzen und prägen sich den Menschen tief ein, tiefer als die Sprache selbst.
Mehr noch: Ohne die Erfahrung des Singens bleibt das Verständnis für Musik insgesamt eingeschränkt. Johann Mattheson hat recht, wenn er in seinem Lehrwerk „Der vollkommene Capellmeister“ fordert: „Alles muß gehörig singen“, dies sei „der allgemeine Grund-Satz der gantzen Music“. Dabei ist dieser Satz keineswegs als einfache Aufforderung zu verstehen. Dass die Menschen sangen, war in Matthesons Zeit – auch lange davor und danach – eine schiere Selbstverständlichkeit. Aber man muss einmal gespürt haben, wie eine gesangliche Linie entsteht, wie Rhythmus, Artikulation und Dynamik einer Melodie emotionalen Ausdruck verleihen, um Musik wirklich zu verstehen.
Der Rückgang des eigenen Singens in Schulen und Familien (und in religiösem Zusammenhang) hat dazu geführt, dass inzwischen das pädagogische Personal selbst häufig nicht singen kann und wir mit einem eklatanten Fachkräftemangel im Bereich der Elementaren Musikpädagogik und des Musikunterrichts kämpfen. Für die musikalische Sozialisation der Kinder ist die Gehemmtheit von Pädagoginnen und Pädagogen, die sich nicht zu singen trauen und die kein Begleitinstrument beherrschen, natürlich ein großes Problem.
Die Verbindung von Singen, Bewegen, Sprechen und Musizieren muss im frühkindlichen Bereich und in der Grundschule aber wieder selbstverständlich werden. Dies gilt umso mehr, weil Betreuung und Schule immer mehr Raum im Alltag der Kinder einnehmen, und weil diese Entwicklung durch den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung noch einmal verstärkt werden wird. Ganztag muss deshalb mehr sein als den ganzen Tag Schule. Um eine ganzheitliche Persönlichkeitsbildung unserer Kinder zu ermöglichen, wird es entscheidend darauf ankommen, auch außerschulische Angebote in die Betreuung einzubinden und hierfür Partner zu gewinnen.
Es gehört zu den Stärken der baden-württembergischen Musiklandschaft, dass Amateurmusik, Schulen und Musikschulen gut zusammenarbeiten. Und dies ist auch der Weg, der nach vorne führt. Unser Ziel muss sein, dass jedes Kind eine musikalische Sozialisation erfährt und dass jedes Kind in Baden-Württemberg die Chance bekommt, im Chor zu singen oder ein Instrument zu erlernen. Die Amateurmusik kann dabei ein starker und verlässlicher Partner der Bildungspolitik und der Schulen vor Ort sein. Ich weiß, dass viele hierfür bereitstehen. Ein Schwerpunkt der kommenden Jahre muss deshalb auch auf der Aus- und Weiterbildung von Nachwuchskräften und auf der Schaffung der organisatorischen Grundlagen liegen.
Die Amateurmusik ist ein Eckstein unserer kulturellen und sozialen Infrastruktur. Sie bildet, sie stiftet Gemeinschaft und sie bereichert den Alltag von so vielen Menschen. Eine Politik, die dies erkennt und unterstützt, investiert in Kultur, in die Persönlichkeitsentwicklung unserer Kinder und in den Zusammenhalt der Gesellschaft. Dafür ist keine Anstrengung zu groß: Alles muss gehörig singen!
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