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SINGEN April 2026, Thema

Mehr Mental Health –auch für Ensembleleitungen

Peer Abilgaard
1. April 2026
Bild: unsplash.com/sam-spencer
„Bei jedem Künstler, der keine Probleme hat und meint alles sei gut, ist es fraglich, ob er überhaupt ein Künstler ist. Wenn einem alles zu leicht zufällt, wird man eitel. Dann hört man auf zu suchen – und das war’s.“

Prof. Herbert Blomstedt

Die gute Nachricht gleich vorweg. Sich mit Musik zu beschäftigen, mehr noch, sie aktiv zu betreiben, ist gesund und tut gut! Sofern einige Kontextfaktoren beachtet werden, können beim Hören oder Machen von positiv besetzter Musik im Gehirn Stoffwechselprozesse in Gang gesetzt werden, die Stress und Angst reduzieren und soziale Bindung begünstigen. Günstigstenfalls werden Endorphine ausgeschüttet. Kurz: Gute Musik bringt uns gut drauf!

Gestört werden kann dieses Glücksgefühl durch Lampenfieber, das wir in seiner extremen Form Bühnenangst nennen. Zum Thema werden kann das für alle Musizierenden. Doch was mit denjenigen, die vorne stehen, vor dem Ensemble, die maßgeblich gestalten, die leiten? Angst und Führung, das passt doch gar nicht zusammen. 

Seit 30 Jahren habe ich in Köln an der Hochschule für Musik und Tanz eine offene Sprechstunde für Musizierende. Das Thema Bühnenangst ist dort immer wieder Gegenstand der Beratungen: Dirigentinnen und Dirigentinnen kommen nur selten. Doch wenn sie kommen und Bühnenangst thematisieren, gesellt sich zum Angst-Thema die Belastung, das gerade für diese Berufsgruppe Angst nicht vereinbar ist mit ihrer Funktion. Vergleichbar mit dem Klischee, dass Chirurgen, die kein Blut sehen können, im falschen Beruf sind. Doch ist das wirklich so, oder ließe sich etwas von dem Druck nehmen, wenn das Thema offengelegt würde und eine Diskussion in Gang käme, die Verletzlichkeit als künstlerische Qualität verstehen könnte? Dazu möchte dieser Artikel beitragen.

 

Was ist Angst?

Doch fangen wir von vorne an: Es gibt generelle Faktoren, die die Entstehung von Angst begünstigen. Was passiert bei Lampenfieber respektive Bühnenangst im Körper? In der Psyche? 

Alle Emotionen in uns, so auch die Angst sind überlebenswichtig. Unsere Vorfahren waren jederzeit gut beraten, bei der Begegnung mit Fressfeinden schlagartig in Angst zu geraten und wegzulaufen. Erfolgreiches Weglaufen gelingt nur, wenn alle dazu erforderlichen Organe in kürzester Zeit auf ihr Leistungsmaximum geschaltet werden. Hart arbeitende Weglauf-Muskeln brauchen viel Blut pro Zeit, deswegen schlägt unser Herz schneller. Und natürlich soll unser Blut viel Sauerstoff enthalten, dazu braucht es eine schnell atmende Lunge. Die Pupillen sind (angst-)geweitet, damit unser Blickfeld weit wird und wir möglichst viele Fluchtwege überblicken. Und weil körperliche Arbeit Hitze erzeugt, kühlt der Körper mit aktivierten Schweißdrüsen. 

Müssten wir diese Organsysteme einzeln nacheinander anwerfen, hätte ein Fressfeind leichtes Spiel mit uns. Überlebt haben diejenigen Vorfahren, bei denen ein leistungsfähiges Kommunikationssystem – der sympathische Ast des vegetativen Nervensystems – bei Druck des Alarmknopfes „Angst“ alle diese Organsysteme „automatisch“ und gleichzeitig hochgefahren hat.

Trifft man Menschen, die von sehr starkem Lampenfieber geplagt werden – wir sprechen dann von Bühnenangst, denn ein bisschen Lampenfieber ist total okay, für manche sogar nützlich – beschreiben sie genau diese Mischung aus den starken Emotionen von Angst und Ohnmacht und den körperlichen Beschwerden wie Herzklopfen, Schwitzen, schnellere Atmung und Mundtrockenheit. Manchmal kommen noch kreisende Gedanken dazu, dass es sowieso schief gehen wird und dass man/frau einfach nicht gut genug sei.

 

Was hilft bei Bühnenangst?

Manchmal kann schon helfen, sich klarzumachen, dass Angst eine gute Erfindung in der Evolution vom Einzeller zum Homo Sapiens war und unser Überleben gesichert hat. Helfen kann, sich nüchtern zu vergegenwärtigen, dass die Bühnensituation (hoffentlich!) keine Begegnung mit Fressfeinden ist, sondern eine nicht existentiell bedrohliche Interaktion zwischen und unter Musizierenden und Publikum darstellt.

Wissenschaftlich erwiesen ist, dass Life-style-Faktoren extrem wichtig sind für eine stabile Psyche: Gute und gesunde Ernährung, ausreichend Schlaf und regelmäßige körperliche Aktivität alleine, oder noch besser, in einer Gruppe! Genauso wichtig: stabile soziale und ökonomische Lebensumstände. Insofern war die Pandemie auch und gerade für die Berufsmusiker:innen nicht nur eine ökonomische Erschütterung, viele hat sie auch psychisch krank gemacht.

Hoch nützlich speziell gegen Angst und verminderte Stressresistenz ist das Erlernen eines Entspannungsverfahrens. Zu nennen sind hier die Progressive Muskelrelaxation (PMR) und das Autogene Training (AT). Letzteres wurde vor gut 100 Jahren vom Berliner Psychiater Johannes Heinrich Schultz aus der Hypnose entwickelt: Zunächst unter Anleitung, später allein, stellt man sich vor, wie bspw. Arme und Beine schwer und warm werden. Das führt zum Erleben von körperlicher Entspannung, die auf die Psyche „übergreift“. 

Bei der PMR, der Progressiven Muskelrelaxation, die der amerikanische Arzt Edmund Jacobson fast zeitgleich zum Autogenen Training entwickelte, werden von Kopf bis Fuß große Muskelgruppen nacheinander für mehrere Sekunden maximal angespannt. Die forcierte Kontraktion führt zu einer kurzzeitigen Ermüdung des Muskels, er wird hernach subjektiv als schwer und entspannt wahrgenommen. Analog zum AT folgt auf das entspannte(re) Körpererleben eine Entspannung auf der psychischen Ebene.

Die enge Verbindung von Körper und Psyche ist auch der Grund, warum neben den klassischen Entspannungsverfahren nicht wenige Musiker:innen mit Bühnenangst auch von anderen Konzepten profitieren wie Qi-Gong, Tai-Chi, Mentales Training, Alexandertechnik, Feldenkrais, Franklin-Methode, Achtsamkeit, Mentalized-Base-Stress-Reduction (MBSR), Yoga, um nur einige zu nennen.

 

Medikamente gegen Bühnenangst?

Wenn die Bühnenangst von körperlichen Symptomen wie Herzklopfen, trockener Mund, Zittern etc. dominiert wird, können unter Umständen auch Medikamente helfen. Gemeint ist die Gruppe der Beta-Blocker, die gezielt die Reizweiterleitung im sympathischen Ast des vegetativen Nervensystems blockieren. Natürlich gilt hier wie bei allen Medikamenten: sie gehören immer in eine vertrauensbasierte Beziehung zwischen Ärzt:in und Patient:in. Betablocker haben den Vorteil, dass sie die Symptomatik sehr gezielt ausschalten, ohne eine körperliche Abhängigkeit zu erzeugen. 

Anders ist das bei der Medikamentengruppe der Tranquilizer. Hierzu zählen Produkte wie Valium, Tavor oder Normoc. Zwar wirken sie tatsächlich schnell und entspannend, gleichzeitig wird aber die Fähigkeit zur kritischen Beurteilung der eigenen Leistung stark reduziert und wenn die Wirkung nachlässt, sind die Symptome wieder da; nicht selten schlimmer als vorher. Man spricht hier von einem „Rebound-Effekt“. Ganz zu schweigen davon, dass Tranquilizer ein sehr hohes Abhängigkeitspotential haben – zwei Wochen regelmäßige Einnahme und man ist „drauf“. Und: die Teilnahme am Straßenverkehr unter Tranquilizern ist verboten.

Früher hat bei einigen (Profi-)Musiker:innen – häufiger als heutzutage – Alkohol eine Rolle zur „Selbstbehandlung“ von Bühnenangst gespielt. Bekannt ist die angstlösende und muskelentspannende Wirkung alkoholischer Getränke. Das nutzten dann manche Orchesterkolleg:innen beim Besuch der Theater-Kantine vor Vorstellungsbeginn. Heute gibt es immer Opernhäuser, die durch Betriebsvereinbarungen den Konsum von Alkohol zum Schutz der Beschäftigten einschränken.

 

Psychotherapie bei Bühnenangst

Hält sich die Bühnenangstsymptomatik trotz aller oben beschriebenen Optionen weiter, kann eine Psychotherapie helfen. Deutschland ist hier eines der wenigen Länder weltweit, wo Psychotherapie voll umfänglich von den Krankenkassen übernommen wird. Wissenschaftlich anerkannte Verfahren sind die psychodynamische Psychotherapie (bspw. tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie), die Verhaltenstherapie und die systemische Psychotherapie. Die klassische Verhaltenstherapie, für die die Lerntheorien eine wichtiger Impulsgeber ist, arbeitet eher gegenwartsbezogen. Hier wird die Angst als Resultat eines ungünstigen Lernprozesses verstanden, den es neu zu konditionieren gilt. In den psychodynamischen Verfahren wird die Symptomatik als Versuch der Psyche verstanden, nicht ausreichend bewältigte Konflikte vom Bewusstsein fernzuhalten. Die Psyche „kalkuliert“, was schlimmer wäre: verdrängte alte Geschichten anzuschauen oder weiter Angst zu haben. 

Beiden Verfahren gemeinsam ist, dass die zur Veränderung führenden Interventionen erst angezeigt sind, wenn zuvor ausreichend lange stabilisiert worden ist. Mehr und mehr setzt sich in der Psychotherapieforschung die Überzeugung durch, dass Symptome sehr im Kontext des Individuums gesehen werden müssen und eine wirksame Psychotherapie immer individualisiert sein sollte. Das passt gut zu dem, was Musiker-Angst-Patient:innen berichten: dass die Angst nur in ganz bestimmten Situationen auftritt. Sie hängt neben der allgemeinen Stabilität u. a. ab:

  • vom Stück, dass auf dem Pult liegt (und welche persönliche Geschichte ich u. U. damit habe?)
  • von den Menschen, mit denen man musiziert, und von denen, die im Publikum sitzen
  • von Ort und Anlass der Produktion (Audition? Premiere? Examen? Mitschnitt?)
  • von der ökonomischen Relevanz (musiziere ich aus Spaß an der Freude oder hängt meine berufliche Existenz davon ab?)
  • …

Ensembleleitung: Angst und Ohnmacht sind nicht vorgesehen!

Wie einleitend dargestellt, kommt Dirigent:innen beim Thema Bühnenangst bedingt durch ihre Funktion eine Sonderrolle zu: es liegt in ihrer (häufig alleinigen!) Verantwortung das Ensemble zusammenzuhalten: künstlerisch, organisatorisch und auch – das wird immer wieder vergessen – psychologisch: Dabei dürfen sie spätestens im Moment der Aufführung im Gegensatz zu Instrumentalisten und Sänger:innen akustisch nicht mitmischen und sind allein auf ihre körperliche und psychologische Präsenz beschränkt. Etwaige Gefühle von Ohnmacht, wie sie fast immer bei Angst mit im Spiel sind, passen nicht zu ihrer Funktion als proaktiver Gestalter. 

Verteidigen müssen Dirigent:innen ihre Rolle als souveräne Gestalter in zwei Richtungen. Auf der einen Seite steht das Ensemble: das erwartet die klassischen Leitungstugenden wie Entscheidungsfreude, Autorität, Eindeutigkeit und Souveränität. Dirigent:innen sind implizit auch zuständig, Unsicherheiten und Ängste der Ensemblemitglieder aufzufangen. In Richtung des Publikums werden ihnen die gleichen Eigenschaften abverlangt, aber nicht so sehr konkret in der Interaktion mit dem Publikum: Der/die Dirigent:in ist für das Publikum mehr eine Projektionsfläche für Exzellenz, für gelingende Autorität und für Gelingen. 

Die Marketingstrategien für Dirigent:innen-Persönlichkeiten sind ein Spiegel dieser Psychologie. Kurz: Augenpaare von vorne und von hinten. Versagen ist in dieser Rolle nicht vorgesehen. Wäre es nicht an der Zeit, diese Überhöhung infrage zu stellen oder wenigstens zu diskutieren? Wenn ich mit jungen Studierenden die psychologische Aufladung und Selbstinszenierung von Video-Produktionen bspw. eines Herbert von Karajan anschaue, scheint es mir so, dass diese Generation sich nicht mehr mit diesen Zuschreibungen zufriedengeben will. Ganz zu schweigen von den Möglichkeiten der künstlerischen Interaktion mit dem Klangkörper, wenn sich der/die Dirigent:in mit seiner Verletzlichkeit nicht mehr hinter der Fassade eines „Maestros“ verstecken muss. Das ist ein Prozess, bei dem auch das Publikum mitgenommen werden will, aber wir können damit jetzt anfangen. 

Fazit: 

  • Lampenfieber ist völlig in Ordnung und sollte kein Grund zur Beunruhigung sein. Wird das Lampenfieber aber so schlimm, dass der Prozess des Musizierens stark beeinträchtigt oder gar verunmöglicht wird, dann ist es kein Lampenfieber mehr, sondern Bühnenangst.
  • Bühnenangst sollte immer genauer angeschaut werden.
  • Bühnenangst kann viele Gesichter haben. Die Symptome Angst und Ohnmacht haben meist Wurzeln in der individuellen Lebensgeschichte.
  • Bühnenangst ist gut behandelbar: Durch einen selbstfürsorglichen Lifestyle, Entspannungsverfahren undgegebenenfalls auch durch eine Psychotherapie.
  • In besonderen Fällen können bei der Behandlung auch Medikamente wie Betablocker eine Rolle spielen. Aber bitte immer nur im Kontext einer vertrauensvollen ärztlichen Behandlung.
  • Es ist an der Zeit, Ensembleleitungen von der bisweilen immer noch anzutreffenden Rollenzuschreibung des Maestroszu befreien. Führung und Gestaltungswillen ist mit Vulnerabilität nicht nur vereinbar, sie öffnet auch Türen zu neuen und berührenden Interpretationen.
Prof. Dr. med. Peer Abilgaard ist Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Diplom-Gesangspädagoge, Diplom-Musikpädagoge und Berufsmusiker. Er lehrt an der Hochschule für Musik und Tanz Köln; parallel dazu leitet er als Chefarzt die Abteilung für Seelische Gesundheit am Evangelischen Klinikum in Gelsenkirchen.
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