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SINGEN April 2026, Thema

Burnout im Ehrenamt Wenn Engagement zur Belastung wird

Cornelia Härtl
1. April 2026
Bild: freepik.com
Ehrenamtliches Engagement ist für viele Menschen mit Leidenschaft, Gemeinschaft und Sinn verbunden. Doch gerade wer sich besonders stark für seinen Verein einsetzt, läuft Gefahr, die eigenen Grenzen zu überschreiten. Wir sprachen mit Jutta Mettig über Warnsignale, strukturelle Ursachen in Vereinen – und darüber, warum klare Aufgaben, offene Kommunikation und die Fähigkeit, auch einmal Nein zu sagen, entscheidend sind, damit Engagement langfristig gesund bleibt.

 

Frau Mettig, was verstehen Sie unter Burnout im Ehrenamt? Lässt sich das mit einem beruflichen Burnout vergleichen?

Ein Burnout ist ein Zustand der völligen Erschöpfung, weil man sich über die eigene Leistungsgrenze hinaus verausgabt hat, ohne sich mit sich selbst und seiner mentalen Gesundheit auseinanderzusetzen. Die Anzeichen können sehr vielfältig sein, meist jedoch sind Anzeichen dafür, dass die Person keine Energie mehr hat, Aufgaben zu erledigen. Eine Trennung von Beiden kann man so eindeutig nicht feststellen. Oftmals hängt beides miteinander zusammen und ich spreche da aus eigner Erfahrung. 

 

Aus Ihren persönlichen Erfahrungen ist auch ein Workshop-Angebot mit dem Titel „Burnout im Ehrenamt – bevor die Freude zur Qual wird“ entstanden. Wie groß war die Resonanz darauf?

Gleich null. Ich glaube, dass liegt daran, dass die Menschen sich das nicht eingestehen wollen. Da fehlt oft der Mut, zu sagen: „Das, was ich da mache, ist mir gerade einfach zu viel.“ Da werden die Zähne zusammengebissen und man versucht zumindest bis zur nächsten Vorstandswahl irgendwie durchzuhalten, um dann zu sagen „Ich bin raus.“ Aber sich währenddessen mit Themen wie Mental Health auseinanderzusetzen oder sich Hilfe zu holen, ist noch gar nicht angekommen. Zumindest in bestimmten Generationen gilt das Motto „Kämpfen bis zum Umfallen“. Und plötzlich reagieren die Betroffenen dann einfach nicht mehr auf E-Mails oder sind generell nicht mehr erreichbar. 

Das passiert v. a. dann, wenn man als Vorstandschaft eine One-Man-bzw.-Woman-Show hat. Diese Vorsitzenden arbeiten sich teilweise wirklich ins Burnout, weil sie nicht abgeben können – oder wollen. Teamarbeit muss gelernt werden, das ist nicht in jeder Persönlichkeitsstruktur verankert. 

 

Welche Funktionsträger sind denn besonders gefährdet?

Vorsitzende, Kassier, zum Teil Dirigentinnen und Dirigenten, auch wenn diese nicht unbedingt ehrenamtlich arbeiten. Und ganz häufig sind auch Notenwarte betroffen, weil die es oft jedem im Chor oder Musikverein recht machen wollen. Da werden neue Noten verteilt und in der nächsten Probe kommt jemand an, dem sie fehlen. Also rennt der Notenwart während der Probe an den Schrank und sucht sie heraus. Oder jemand hat seine Noten vor einem Auftritt zuhause liegen gelassen und der Notenwart soll sich jetzt was einfallen lassen. Da eine Grenze zu setzen, ohne das Gefühl zu haben, man macht seinen Job nicht richtig, ist für viele gar nicht so einfach. 

 

Woran merken Ehrenamtliche selbst, dass ihre Belastung kritisch wird? Gibt es klassische Warnsignale? 

Man sollte regelmäßig darüber nachdenken, ob das, was man tut, tatsächlich noch zur Jobbeschreibung für ein bestimmtes Ehrenamt gehört, oder ob das schon eine persönliche Auslegung dessen ist. Hilfreich ist da eine konkrete Aufgabenbeschreibung. Nehmen wir noch mal den Notenwart als Beispiel: Neben der konkreten Aufgabe sollte auch vermerkt sein, was passiert, wenn jemand die Noten nicht mehr hat oder wenn sie vergessen wurden. Das gibt Klarheit für alle Beteiligten und sorgt für eine emotionale Stabilität bei demjenigen, der die Aufgabe im Ehrenamt übernimmt. 

 

Welche äußeren Faktoren können zu einem Burnout führen?

Ganz klar das gesamte Thema Bürokratie: von Schutzkonzepten über Künstlersozialkasse, Übungsleiterpauschalen, Herrenberg-Urteil bis hin zu Sicherheitskonzepten für Veranstaltungen. Diese Themen haben alle ihre Berechtigung, aber ein Vorstand, der damit nicht alltäglich umzugehen vermag, ist oftmals völlig überfordert. Das ist eine enorme Belastung. Und da sind die Landesverbände gefragt, aus dem Hauptamt heraus zu unterstützen, z. B. in Form von Schulungen. Ein weiteres großes Thema sind finanzielle Sorgen. 

 

Welche strukturellen Faktoren in Vereinen begünstigen Überlastung?

Wenn die Vorstandschaft eigentlich nur aus einer Person besteht – also die klassische One-Man-bzw.-Woman-Show, ist das natürlich ein Nährboden für Burnout. Das heißt aber nicht, dass das in einem Vorstands-Team nicht passieren kann. Da spielt auch viel die eigene Persönlichkeitsstruktur mit rein. 

Ich bin der Meinung, dass jede Struktur dazu führen kann, dass man sich mental an den Rand seiner Leistungsfähigkeit bewegt. Wichtig ist zu erkennen, wie man selbst tickt. Wer gerne im Team arbeitet und plötzlich alles allein machen soll, weil er für eine bestimmte Aufgabe verantwortlich ist, ist genauso gefährdet, wie jemand, der gern allein arbeitet und plötzlich im Team arbeiten muss. 

Jeder Persönlichkeitstyp hat seine Daseinsberechtigung. Und deshalb gibt es auch nicht die perfekte Vereinsstruktur. Es kommt immer drauf an. Grundsätzlich hilft auch hier immer eine Aufgaben- und Verantwortungsbeschreibung. Diese Professionalisierung brauchen wir auch heute im Ehrenamt, damit die Menschen gerne Aufgaben und Verantwortungen übernehmen, wenn es eben überschaubar bleibt. 

 

Ich könnte mir vorstellen, dass die Aufgabenbeschreibung nicht nur für einen selbst hilfreich ist, sondern auch für die Erwartungshaltung der Vereinsmitglieder gegenüber bestimmten Funktionsträgern…

Absolut. Überall dort wo es klare Aufgaben und Verantwortungen gibt, gehen Menschen eher in eine Ehrenamtsaufgabe als dort, wo nichts klar ist. Wenn es keine Klarheit gibt, entsteht schnell Gefühl haben, weder die Aufgaben noch die Erwartungshaltungen erfüllen zu können. Deshalb ist es sinnvoll, so eine Aufgabenbeschreibung und auch Erwartungshaltung mit dem gesamten Verein zu erarbeiten. 

Wie kann das (Vereins-)Umfeld unterstützen bzw. frühzeitig eingreifen, damit ein Vorstandsmitglied nicht ausbrennt?

Ein Verein besteht nicht nur aus der Vorstandschaft, die Aufgaben erledigt, sondern jeder im Verein ist ein Teil des Vereins. Das heißt, dass ich nicht nur zu Proben und Auftritten komme, sondern dass ich mich auch sonst am Vereinsgeschehen aktiv beteilige. Und das heißt dann eben auch mitzuhelfen, wenn es nötig ist und auch bei Aufgaben, die vielleicht nicht zu den Highlights gehören. Ich sage immer mit einem Lächeln: „Beim Kuchen Backen oder Salat Machen sind immer alle dabei, wenn es aber darum geht, einen Anhänger auszuladen, Podeste aufzubauen oder aktiv Mitgliederwerbung zu betreiben, ist die Meldebereitschaft in ganz, ganz vielen Vereinen sehr verhalten.“ Und meistens bekomme ich das bestätigt.  

 

Was ist denn dann die Alternative? Wie sollte man als Vorsitzender idealerweise damit umgehen, wenn sich keiner zum Plakate aufhängen meldet? 

Keiner im Vorstand eines Vereins tickt so, dass er sagen würde: Dann gibt es eben keine Plakate. Tatsächlich wäre es aber viel sinnvoller klar zu kommunizieren, was passiert, wenn sich niemand meldet und keine Plakate verteilt.  Nämlich, dass es dann eben ggf. weniger/keine Zuhörer im Konzert gibt. Und wichtig ist, dass man dann die darauffolgende Stille auch aushalten kann. 

 

Wie sollte das Vereinsumfeld reagieren, wenn sich abzeichnet, dass ein Vorstandsmitglied ausbrennt?

Wenn die Vereinsmitglieder bemerken, dass bestimmte Sachen nicht mehr zuverlässig funktionieren, dann ist es meistens schon zu spät und die betroffene Person steckt schon mitten im Burnout. Dinge bleiben liegen, weil der oder die Betroffene keinerlei Energie mehr hat, sie zu erledigen. Wichtig ist dann dafür zu sorgen, dass diese Person nicht ihr Gesicht verliert. 

Natürlich sollte man das Gespräch suchen und ggf. sich jemanden mit ins Boot holen, der oder die gut mit dem Betroffenen reden kann. Oft ist es sogar besser, wenn diese Person nicht aus der Vorstandschaft kommt. Das Signal muss immer sein: Wir machen uns Sorgen um dich. Und nicht: Wir wollen jetzt darauf herumreiten, dass Aufgaben nicht erledigt werden. In der Regel werden Betroffene nicht zugeben oder abstreiten, dass sie ein Problem haben. Es ist wahnsinnig schwer, aus dieser Situation wieder herauszukommen, dafür brauchen die Betroffenen meistens erstmal selbst Strategien.

 

Welche Strategien helfen Ehrenamtlichen, ihre Grenzen wahrzunehmen und ihre eigene Motivation langfristig zu erhalten? 

Eine Vorstandschaft sollte sich regelmäßig Zeit dafür nehmen, nicht nur über das Tagesgeschäft zu sprechen, sondern in gewissen Zeitabständen zu reflektieren, wie es allen mit der Vorstandsarbeit geht. Die Vorstandschaft ist im Idealfall ein geschützter Raum, in dem man sich über persönliche Befindlichkeiten austauschen kann. 

So eine Reflexion kann man zum Beispiel zu Beginn einer Vorstandssitzung machen: Gibt es eine Aufgabe, die mir Kopfzerbrechen bereitet? Habe ich mich über etwas geärgert? Brauche ich bei einem bestimmten Thema Unterstützung? Das kann z.B. mit einem Gefühlsbarometer mit Punktevergabe oder in Form eines Check-Ups durchgeführt werden. Jedoch sollte die die Wortwahl und auch Aktion zu den Menschen in der jeweiligen Vorstandschaft gut passen und sie abholen.  

Auf alle Fälle hilft die regelmäßige Selbstreflexion. Dazu kann ich mich selbst  fragen: Ist das, was ich mache, noch das, was in meiner Aufgabenbeschreibung steht, oder ist das vielleicht schon meine persönliche Auslegung und meine persönliche Schippe, die ich obendrauf lege. Letztendlich tun wir Menschen immer Dinge, weil wir ein bestimmtes Ergebnis erzielen wollen. Das kann Anerkennung sein, Zufriedenheit über etwas, was wir geleistet haben oder weil wir uns selbst damit gut fühlen usw. – Stichwort intrinsische oder extrinsische Motivation. Es gibt natürlich auch diejenigen, die eben eine Vorstandsaufgabe übernehmen, weil es sonst keiner macht und der Verein ohne dastehen würde.

 

Warum fällt es uns gerade im Ehrenamt so schwer, nein zu sagen und Grenzen zu setzen?

Gerade wenn man das Gefühl hat, dass man den Verein voran- und weiterbringen möchte, viele der neuen Ideen und Vorschläge aber torpediert und ausgebremst werden, muss man irgendwann anerkennen, dass man nicht verantwortlich dafür ist, wenn es für den Verein dann eben nicht mehr weitergeht. 

Oft stellt man sich aber natürlich die Frage: Was passiert mit mir im Verein, wenn ich in der Vorstandschaft aufhöre? Werde ich dann noch als „normales“ Vereinsmitglied akzeptiert? Oder wird über mich geredet? Wie werde ich dann als Mitglied des Vereins wahrgenommen? 

Ein Beispiel: Wenn ein Verein kurz davor steht, den aktiven Musikbetrieb mangels Aktiven einzustellen, steht hat man als Vorstand oft im Dilemma, dass man sich einerseits davor scheut, die Entscheidung zu treffen und andererseits auch davor, den Verein sich selbst bzw. seinem Schicksal zu überlassen und im Vorstand aufzuhören. Kein Mensch hat Lust darauf, sich nachsagen zu lassen, den Verein hängen gelassen zu haben und Schuld an dessen Ende zu sein.

Wobei ja eigentlich klar sein sollte, dass sich ein Verein ganz sicher nicht nur deshalb auflöst, weil der Vorsitzende zurückgetreten ist…

Natürlich ist das vollkommen unlogisch, aber ein Vereinsgefüge funktioniert ganz häufig nicht logisch. Ein Verein funktioniert nicht wie eine Firma, sondern mehr wie eine Familie. Oft steht uns zu viel emotionale Nähe im Weg. 

 

Und was raten Sie Vereinsverantwortlichen, damit ihr Engagement auch langfristig Freude macht und nicht zur Belastung wird?

Zuerst einmal sollte man unbedingt für sich selbst festlegen: bis wohin geht mein ehrenamtliches Engagement? Ich muss mir meiner eigenen Grenzen bewusst sein und diese immer wieder reflektieren. Und weiter: Nein sagen lernen und dabei kein schlechtes Gewissen haben. Außerdem sollte man sich immer wieder auch überlegen: Worauf bin ich stolz? Was haben wir als gesamter Verein Gutes geschafft? Und zu guter Letzt: Hilfe holen, wenn ich nicht weiterweiß – zum Beispiel in Form von fachlicher Unterstützung vom Landesverband über ein Vereinscoaching oder Gespräche und aktives nach Unterstützung fragen.  Letztendlich befreit es auch innerlich, indem man akzeptiert, dass man ein Amt dann auch wieder abgeben kann und darf. Ehrenamt machen wir nämlich nur dann gerne, wenn wir tatsächlich Freude daran haben.

Jutta Mettig ist Geschäftsführerin des Landesmusikverbandes Rheinland-Pfalz und als Moderatorin und Trainerin freiberuflich tätig.  
Ehrenamt, Engagement, Interview
Burnout im Ehrenamt Wenn Engagement zur Belastung wird
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