Chorleiterin Judith Mohr über Programmplanung und Konzertdramaturgie
Wie entsteht ein Konzertprogramm, das mehr ist als eine Aneinanderreihung von Stücken? Chorleiterin Judith Mohr spricht über gesellschaftlich relevante Themen, gelungene Programmdramaturgie und typische Fehler bei der Konzertplanung.
Im Interview erklärt sie, weshalb Komponistinnen in jedes Programm gehören und
warum Amateurchöre oft freier agieren können als Profiensembles.
Wenn Sie ein Konzertprogramm planen: Was steht bei Ihnen am Anfang – ein Thema, einzelne Werke oder eine bestimmte Botschaft?
Zuallererst muss man sich noch einmal die Räumlichkeiten vor Augen führen: Wo wird gesungen, wann wird gesungen und bei wem? Wenn ich zum Beispiel in einer Reihe singen möchte, die geistliche Chormusik in den Vordergrund stellt, dann bin ich in der Programmrecherche natürlich bereits etwas eingeschränkt. Und nach dem Ort sollte man sich noch einmal den Zeitpunkt bewusst machen: Insbesondere in geistlichen Milieus kann das liturgische Jahr eine Rolle spielen. Ich zum Beispiel versuche mich recht streng daran zu halten, im Advent auch wirklich adventliche Stücke aufzuführen und nicht schon Weihnachtliches.
Und dann habe ich mir selbst einmal die Regel gegeben, dass in jedem Programm eine Komponistin vorkommen sollte. Das halte ich für wichtig – zumal das Repertoire inzwischen groß genug ist, dass dies problemlos möglich ist.
Im nächsten Schritt gehe ich meine Liste an Werken durch, die ich ganz toll finde, die ich unbedingt einmal machen möchte, oder die ich nochmal machen möchte. Genauso eine Liste habe ich außerdem mit Themen bzw. Arbeitstiteln. Der Titel kann z. B. „Klagelieder“ sein oder „Rache und Neid“. Manchmal kommen mir solche Ideen oder Themenfelder in den Sinn, bei denen ich mir eigentlich sicher bin, dass es auch gute Literatur dazu gibt. Und vor dem Hintergrund, dass wir uns insbesondere in der klassischen Kammerchor-Welt meiner Meinung nach in einer Art Elfenbeinturm befinden – sowohl der Chor selbst als auch das Publikum –, habe ich manchmal das Bedürfnis, mich gesellschaftlich relevanter zu äußern. Da gibt es Anlässe, denen ich in irgendeiner Form eine Stimme geben möchte. Gar nicht missionarisch, in diese Rolle darf ich auch meinen Chor nicht bringen, aber zumindest so, dass man bestimmten Tendenzen in der Gesellschaft mit Musik gegenwirken kann.
Momentan habe ich zwei solcher Programme in Vorbereitung. Das eine behandelt das Thema Flucht und Flucht-
erfahrung. Das ist ja eigentlich immer aktuell, versandet aber oft nach großen Peaks wie 2015 oder nach dem Beginn des Angriffskrieges auf die Ukraine. Und das andere Thema ist Demokratie. Da geht mir momentan auch sehr viel durch den Kopf, weil das Thema in ganz viel Literatur vorkommt – auch in geistlicher.
Ich bewege mich zu Beginn der Programmplanung also in gewisser Weise mehrgleisig und versuche zum einen meine Bedürfnisse, mich zu äußern, zu erfüllen und im Programm unterzubringen, gleichzeitig überlege ich, welche Herausforderungen zum aktuellen Entwicklungsstand des Chores passen.
Wie definieren Sie Programmdramaturgie? Was bedeutet der Begriff für Sie?
Dramaturgie beinhaltet für mich auch eine Ausgewogenheit an Epochen – ich mache äußerst selten und ungern Konzerte, in denen ich mich auf eine oder zwei Epochen beschränke. Ich versuche eigentlich immer, Stücke von Alt bis Zeitgenössisch unterzubringen –Zeitgenössisch darf meiner Meinung nach eigentlich nie fehlen. Ich finde es schön, wenn wir diesen Weg durch die Epochen gehen. Das muss allerdings nicht heißen, dass wir im 15. Jahrhundert anfangen und dann der Reihe nach ins Heute gehen. Es kann auch sein, dass ich den gleichen Text nacheinander einmal alt und einmal neu vertonen lasse.
Zweiter Punkt: Lange Werke brauchen ihren Platz im Programm. Damit möchte ich weder anfangen noch aufhören.
Und dann gibt es noch eine dritte Sache, die manchmal sehr gut aufgeht, manchmal aber auch gar nicht – Stimmungen bzw. Tonarten. Wenn ich in meiner Konzeption merke, da gibt es zwei Tonarten, die perfekt zueinander passen und ineinander übergehen, dann ist mein Ziel das aneinander anzuschließen. Ich habe schon oft erlebt, dass allein das eine Spannung im Chor und im Raum ergibt. Wenn ich merke, dass die Tonarten in meinen Stücken gut zueinander passen und ich diese auch thematisch gut beieinander lassen kann, sollte ich das auch tun.
Wenn aber mein Konzert eine Geschichte erzählen soll – nehmen wir das Thema Flucht, also vom Aufbruch bis zur Ankunft – ist das natürlich ebenfalls eine Dramaturgie. Auch hier kommt es darauf an, dass lang und kurz, aktiv und weniger aktiv sowie die Tonarten gut miteinander gehen. Oder wenn wir in der Geschichte einen Bruch haben, dass dann auch ein tatsächlicher Bruch – zum Beispiel in Form von einer Minute Stille – ist.
Zur Dramaturgie gehört auch die Frage der Aufstellung: Ist der Chor von Anfang an frontal im Raum oder verändert er seine Position? Dramaturgie kann programmatisch sein, aber auch ausführend, also zum Beispiel in Aufstellung oder mit choreografischen Elementen.
Woran merkt man konkret, dass eine Dramaturgie aufgegangen ist?
Einerseits kann das während des Konzerts eine gewisse Ruhe im Publikum sein, dass die Zuhörer:innen sehr konzentriert sind. Andererseits kann es auch sein, dass vor allem die Sänger:innen, wenn sie ins Publikum schauen, den Eindruck bekommen, dass das Zuhörer:innen sehr ergriffen sind.
Applaus oder Spendeneinnahmen sind für mich keine verlässlichen Indikatoren. Sie hängen zu stark von Publikum und Rahmenbedingungen ab. Dementsprechend bleibt es bei einer emotionalen Wahrnehmung und dem Gespür, wie viel Spannung auch im Chor entsteht. Musiker:innen sprechen da ja häufig vom Flow-Moment. Und ich glaube, den hat man, wenn nachher alle sagen, dass es gut war.
Welche typischen Fehler erleben Sie bei der Zusammenstellung von Konzertprogrammen?
Die passieren nicht nur Kolleg:innen, sondern auch mir (lacht). Ein ganz klassischer Fehler in der Amateurmusik ist, wenn etwas zu schwer war. Genauso gibt es aber auch das Moment, wenn es scheinbar zu leicht war. Ich hatte erst kürzlich in einem Programm den Fall, dass ein leichtes Stück, das auf ein sehr schweres folgte und die Sänger:innen dann mit der Haltung „Ach, das können wir ja“ drüber gegangen sind.
Da muss man sich vorab gut überlegen, wo man Stücke positioniert.
Erst neulich war ich auf einem Konzert, bei dem ich das Programm sehr eindimensional fand. Das Thema war Frieden, über die Hälfte der Stücke hatte damit aber gar nichts zu tun. Die Stückauswahl wirkte willkürlich und mir hat komplett der Bogen gefehlt.
Was man manchmal einfach nicht in der Hand hat, sind die falschen Räumlichkeiten für ein bestimmtes Programm. Also wenn man beispielsweise einen sehr, sehr großen Raum hat, aber Barockliteratur singt, versteht man eigentlich gar nichts mehr, weil der Gesang in diesem großen Raum komplett zerfasert. Das können wir aber nicht immer berücksichtigen.
Wie lässt sich denn dieser Konzentrationsabfall nach einem sehr schweren Stück verhindern?
Da gibt es zwei Möglichkeiten: Man trainiert die Reihenfolge in einer Durchlaufprobe und sensibilisiert die Sänger:innen auf diesen Moment. Man kann im Chor ja aber auch gut mit Tricks wie unterschiedlichen Aufstellungen arbeiten. Man wechselt also nach dem schweren Stück die Aufstellung und hat dann einen neuen Audio-Input, auf den man sich einstellen und konzentrieren muss, sodass die Spannung bestehen bleibt. Der positive Nebeneffekt davon ist, dass man so auch eine kleine Umstell-Pause erzeugt. Man unterschätzt oft, wie entlastend das für einen Chor sein kann, noch einmal die Möglichkeit zum Durchatmen zu bekommen und sich so auf das nächste Stück einzustellen. Ein weiterer Trick wäre, das leichtere Stück einfach auswendig singen zu lassen. Auch das fördert die Konzentration.
Motto-Konzerte erfreuen sich großer Beliebtheit. Was spricht aus Ihrer Sicht für einen thematischen Rahmen?
Ich bin absolut für ein Motto, weil es uns einen Rahmen gibt, in dem wir uns bewegen können. Ich glaube, dass man eigentlich nur in der instrumentalen oder Orchestermusik sagen kann, dass man kein Motto braucht. Zum Beispiel, wenn man Beethovens 5. Sinfonie aufführt. In der Chormusik muss man meiner Meinung nach ein bestimmtes Thema finden. Und wenn dieser fehlt, würde mir vermutlich die Dramaturgie fehlen. Ich finde aber, dass wir uns dann im Programm auch unbedingt an das Motto halten müssen. Wenn ich das Thema „Frühling“ habe, aber ständig vom Sommer singe, kommt das beim Publikum nicht gut an.
Eine Gefahr liegt möglicherweise darin, dass die Mottos zu groß gedacht sind und die Zuhörer:innen sich dann darunter etwas anderes vorstellen.
Zur Einordnung der Stücke ins Programm kann ein guter Programmtext nützlich sein oder auch eine Einführung der Chorleitung zum Beispiel eine Stunde vor dem eigentlichen Konzert. Natürlich kann das auch eine gute Moderation leisten, ich als Chorleiterin mache das selbst aber sehr ungern, weil diese Doppelrolle während eines Konzerts unglaublich anstrengend ist.
Wann kann der thematische Rahmen zu einer Einschränkung werden?
Das passiert zum Beispiel, wenn man Stücke findet, die fast zum Motto passen, aber irgendwie auch nicht so ganz. Dann muss man sich überlegen, ob man sie trotzdem irgendwie ins Programm aufnimmt und den Rest drum herum passend macht. Oder verzichtet man dann auf die Stücke und bringt sie in einem anderen Konzertmotto unter.
Was mir auch immer mal wieder passiert: Das Programm steht, dauert so aber nur 40 Minuten, was eigentlich zu kurz ist. Ich habe aber trotzdem das Gefühl, dass es genug ist. Wie geht man dann damit um? Sucht man tatsächlich noch mal zwei Wochen weiter und findet vielleicht etwas? Oft klappt das, manchmal aber auch nicht. Und dann überlegt man sich, wie man die Zeit vielleicht anders füllen kann, zum Beispiel mit Moderation, Texten oder indem man andere Kunstformen dazu nimmt. Wobei die Aufnahme von anderen Kunstformen ins Programm für mich eigentlich eher anfängliche Überlegungen wären. Nachträglich bei einem Konzert in der Kirche noch zwei Stücke von der Orgel einzubauen, ist für mich eigentlich zu schwach.
Programmarbeit dauert einfach.
Und es ist Arbeit. Sehr zeitintensive Arbeit. Ich beginne mit der Programmplanung oft Jahre im Voraus. Oft stellt man fest, dass der ursprüngliche Plan doch nicht funktioniert und muss dann noch mal von vorne anfangen. Das kann sehr anstrengend sein.
Professionelle Ensembles haben oft andere Voraussetzungen als Amateurchöre. Welche besonderen Herausforderungen begegnen Ihnen bei der dramaturgischen Planung im Amateurbereich – etwa bei Probenzeit, Stimmverteilung oder Budget?
Natürlich kämpft man bei Amateuren oft mit den Herausforderungen besonders schwerer Literatur. Nicht jeder kann so gut Notenlesen, nicht jeder kann Intervalle so singen und nicht jeder investiert so viel Zeit. Ich glaube aber auch, dass der Profi-Bereich bei der Programmplanung ebenso Schwierigkeiten hat wie die Amateure. Wenn man zum Beispiel zu gesellschaftlich sehr aktuellen Themen ein Konzert mit einem Chor eines öffentlich-rechtlichen Senders machen möchte, befindet er sich automatisch im politischen Spannungsfeld. Als Verein oder Amateur-Chor haben wir hier keinen Rechtfertigungsdruck gegenüber der Öffentlichkeit.
Bei der Budgetierung muss man im Amateurbereich natürlich deutlich früher planen, wenn man beispielsweise ein großes Konzert mit Kammerorchester machen möchte, um das finanzieren zu können. Da haben es Rundfunkchöre möglicherweise leichter.
Das Thema Anwesenheit bei den Proben ist meiner Erfahrung nach in professionellen Chören ähnlich schwierig wie bei den Amateuren. Hinzu kommt, dass die Probenphasen bei den Profis ja oft sehr komprimiert sind, zum Beispiel zwei Wochen am Stück. Fällt da jemand krankheitsbedingt ein paar Tage aus, hat er schnell die Hälfte der Probenzeit verpasst.
Schwierigkeiten, die ich im Amateurbereich manchmal habe, ist dass der Chor das Programm nach außen vertreten können will. Die Sänger:innen diskutieren bei mir in der Programmplanung zwar nicht mit, aber sie wollen informiert werden. Sobald wir über Texte, Einstellungen oder Entstehungen sprechen, kann ich nicht einfach am Chor vorbei denken oder handeln. Das ist ja eigentlich total schön, wenn die Sänger:innen mitdenken wollen, aber es kann einen eben auch Zeit kosten.
Ist anspruchsvolle Programmdramaturgie also auch mit einem Amateur-Chor möglich?
Absolut! Ich glaube, dass Amateure die Dramaturgie durch einen langen Probenprozess, potenzielles auswendig Singen und dem Verinnerlichen der Thematik oft mit sehr viel Enthusiasmus auf die Bühne bringen. Das ist eine Begeisterung, die das Publikum sofort wahrnimmt und auch direkt ins Herz wandern kann.
Welchen Rat würden Sie jungen Chorleiter:innen geben, die ihre Konzertprogramme künftig bewusster dramaturgisch gestalten möchten?
Nimm dir Zeit und fang früh genug an. Begeistere dich. Finde deinen eigenen Weg. Sei mutig und trau dich!
Das Interview führte Cornelia Härtl
Judith Mohr ist seit 2023 mit einer Professur für das Fach Chorleitung an der Universität der Künste in Berlin tätig. Die ehemalige Stipendiatin der Chorakademie des SWR Vokalensembles und des Forums Dirigieren des Deutschen Musikrates ist künstlerische Leiterin des Kölner Kammerchores CONSTANT sowie des Südwestdeutschen Kammerchores Tübingen. Einstudierungen führten sie zur Chorakademie des WDR Rundfunkchores sowie zum SWR Vokalensemble.

