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SINGEN 2026-10, Thema

Wer macht die Arbeit – und wer bekommt die Anerkennung?

Sophia Haid
1. Oktober 2026
Lese-Tipp: „Ehrenfrau – Ehrenamt neu gedacht“ von Nancy Hochstein

Frauen organisieren, kümmern sich, springen ein und halten Strukturen am Laufen – doch wer sitzt am Ende im Vorstand, steht auf dem Podium oder trifft die Entscheidungen? In ihrem Essay „Ehrenfrau – Ehrenamt neu gedacht: feministisch, solidarisch und radikal fürsorglich“ nimmt Nancy Hochstein das Ehrenamt aus einer feministischen Perspektive unter die Lupe.

Dabei schreibt Hochstein keineswegs gegen das Ehrenamt. Im Gegenteil: Sie
beschreibt es als einen Ort, an dem Menschen Verantwortung übernehmen, Gemeinschaft gestalten und gesellschaftliche Veränderungen anstoßen können. Gleichzeitig stellt sie eine unbequeme Frage: Unter welchen Bedingungen geschieht dieses Engagement eigentlich – und wer trägt dabei besonders viel? 

Ihr Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Frauen zwar einen großen Teil der oftmals unsichtbaren Arbeit übernehmen, an den Spitzen ehrenamtlicher Strukturen aber deutlich weniger sichtbar sind. 

Der nur 63 Seiten lange Essay verbindet dafür persönliche Erfahrungen mit einer gesellschaftspolitischen Analyse. Hochstein erzählt von ihrem eigenen Engagement in Elternvertretungen, Politik und Sport und fragt nach Selbstanspruch, Verantwortung und den Grenzen zwischen Hingabe und Selbstausbeutung. Anschließend weitet sie den Blick auf Strukturen, Rollenbilder und Machtverhältnisse. 

„Das Ehrenamt muss revolutioniert werden, damit sich die Gesellschaft verändert:
Feministisch, solidarisch und radikal fürsorglich.”      
Nancy Hochstein

Das Buch folgt dabei einer klaren Bewegung: von persönlichen Erfahrungen über die gesellschaftliche Analyse hin zur Frage, wie ein faires und zukunftsfähiges Ehrenamt aussehen könnte.  Sie fordert bessere Rahmenbedingungen, mehr Vielfalt in Entscheidungspositionen, Aufwandsentschädigungen, Weiterbildungsmöglichkeiten, Kinderbetreuung und Strukturen, die Engagement auch Menschen ermöglichen, die nicht über unbegrenzt Zeit und finanzielle Ressourcen verfügen. Ihr Ziel ist ein Ehrenamt, in dem Verantwortung nicht mit Selbstaufopferung gleichgesetzt wird. 

Wer sollte das Buch lesen? 

Eigentlich alle, die Verantwortung im Ehrenamt tragen – und besonders diejenigen, die Vereinsstrukturen gestalten. Für Vorstände bietet „Ehrenfrau“ Anlass, die eigene Aufgaben- und Machtverteilung kritisch anzuschauen: Wer übernimmt bei uns welche Arbeit? Wer kümmert sich? Wer entscheidet? Wer wird dafür gesehen? Und wer hat überhaupt die zeitlichen und finanziellen Möglichkeiten, ein verantwortungsvolles Amt zu übernehmen? Gerade für Chorvereine sind das Fragen, die weit über die Geschlechtergerechtigkeit hinausreichen und unmittelbar mit der Zukunftsfähigkeit des Ehrenamts zusammenhängen.

„Ehrenfrau“ liefert darauf keine fertige Gebrauchsanweisung für den eigenen Verein. Der Essay ist vielmehr persönlich, pointiert und ausdrücklich politisch. Man muss nicht jede Schlussfolgerung Hochsteins teilen, um von der Lektüre zu profitieren. Denn das Buch schafft vor allem eines: Es macht sichtbar, dass die Frage, wer sich engagiert, nicht von der Frage zu trennen ist, wer gestalten und entscheiden darf.

Autorin Nancy Hochstein

Foto: Katrin Lorenz

Ehrenamt, Rezension
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