Chorverbandstag 2026 in Uhingen: Zwischen Jodeln, Begegnungen und richtungsweisenden Beschlüssen stand vor allem die neue Chorjugend Baden-Württemberg im Mittelpunkt.
Dichter Nebel über Uhingen, grauer Himmel, kaum Aussicht auf Sonnenschein: Das Wetter zeigte sich am 18. Oktober wenig einladend. Im Uditorium zeigte sich das genaue Gegenteil: Der Chorverbandstag des Schwäbischen Chorverbands war von einer warmen, herzlichen Atmosphäre und bester Laune geprägt. Vormittags wurde gesungen, diskutiert und herzlich gelacht. Nachmittags ging es um die Zukunft der Chorarbeit im Land – vor allem um die Gründung einer gemeinsamen Chorjugend Baden-Württemberg.
Jodeln gegen den Nebel
Dass Stimmbildung keineswegs ernst sein muss, zeigte der Workshop „Jodeln als Stimmbildungs-Hack“ mit Christoph Achmüller. Mit spielerischen Übungen entdeckten die Teilnehmenden ihre Stimme und probierten Registerwechsel aus. Spätestens als sie eine Kuh nachahmen sollten, gab es kein Halten mehr: Ein vielstimmiges „Muh“ erfüllte den Raum. Gelacht wurde vor allem über die eigenen Versuche – und gleich weiterprobiert. Draußen blieb es grau – aber zumindest den Nebel hatten die Teilnehmenden erfolgreich weggejodelt.
Praxisnah waren auch die weiteren Angebote: Thomas Grauer stellte Grundlagen und Neuerungen der digitalen Vereinsverwaltung OVERSO vor und lud zum Erfahrungsaustausch ein. Benjamin Zierold zeigte, wie sich Führung im Ehrenamt proaktiv gestalten lässt. Im Foyer standen anschließend unter anderem Isabelle Arnold von der Akademie der Amateurmusik Baden-Württemberg (AdAM), SCV-Kooperationsbeauftragte Ellen Strauß-Wallisch und Vertreter:innen der Chorjugend für Gespräche bereit.
Musik zwischen vielen Worten
Am Nachmittag ging es ums Beraten und Entscheiden. Grußworte, Berichte und Abstimmungen bestimmten das Programm. Wie gut, dass der Chor SoundÆffects der Germania Chöre Eislingen den offiziellen Teil musikalisch bereicherte. Sein mitreißender Auftritt brachte frischen Klang zwischen die vielen Reden und erinnerte daran, weshalb sich die Verbandsarbeit lohnt: damit Menschen miteinander singen können.
Für einen besonders ergreifenden Moment sorgten die Anwesenden selbst: Mitten im offiziellen Teil stimmte das Publikum gemeinsam das Lied „Hab oft im Kreise der Lieben“ an. Ein ganzer Saal voller Chorsänger:innen, der plötzlich selbst zum Chor wurde. Wo sonst wird eine Versammlung so selbstverständlich zu einem gemeinsamen musikalischen Erlebnis? Ein besonderer Augenblick, der die Verbundenheit der Anwesenden spürbar machte.
Totenehrung, Ehrungen und Urkunden für Kooperationen zwischen Schule und Verein zeigten zugleich, wie vielfältig das Engagement für Chormusik ist. Eine besondere Überraschung gab es dabei für SCV-Präsident Dr. Jörg Schmidt: Für seine langjährige Arbeit wurde ihm die Goldene Ehrennadel verliehen. „Zehn Jahre hast du nun schon den Schwäbischen Chorverband mit Weitsicht, Verlässlichkeit und großem persönlichen Einsatz begleitet und geprägt“, würdigte ihn Vizepräsident Gerald Kranich in seiner Laudatio. Dabei habe Schmidt stets den Blick für das Ganze bewahrt, ohne den Bezug zur Basis zu verlieren. Bis heute singt er selbst in seinem Chor in Pforzheim. Mit der Ehrung sollte zugleich sichtbar gemacht werden, was oft im Verborgenen geschieht: „Unzählige Stunden ehrenamtlicher Arbeit, kluge Entscheidungen, wertvolle Gespräche und die Bereitschaft, Verantwortung zu tragen, oft weit über das Erwartbare hinaus.“ Auch Angelika Puritscher und Michaela Ruf wurden für ihr herausragendes Engagement für den Chorgesang mit der Goldenen Ehrennadel ausgezeichnet.
Ein gemeinsames Dach für junge Stimmen
Die wichtigste Weichenstellung betraf die Jugend: Der Schwäbische Chorverband, der Badische Chorverband, der Baden-Württembergische Sängerbund und der Landesverband Baden-Württemberg des Verbands Deutscher KonzertChöre bündeln ihre Kräfte in der geplanten Chorjugend Baden-Württemberg (CJBW). Seit 2023 hatten die vier Verbände den Zusammenschluss vorbereitet und beim Chorjugendkongress 2025 in Böblingen gemeinsam mit jungen Menschen weiterentwickelt. Nachdem die anderen drei Verbände bereits zugestimmt hatten, gab mit dem Beschluss in Uhingen nun auch der SCV als vierter und letzter Verband grünes Licht. Damit ist der Weg für die Gründung der Chorjugend Baden-Württemberg frei.
An die Stelle nebeneinander arbeitender Jugendstrukturen soll eine landesweite Interessenvertretung treten, in der junge Menschen selbst Verantwortung übernehmen. Die CJBW soll gemeinsame Projekte, Festivals und Qualifizierungen ermöglichen und die Interessen junger Sänger:innen gegenüber Politik und Öffentlichkeit vertreten. Entscheidend ist dabei die Mitbestimmung der Jugendlichen selbst. Als Mitglieder sind neben den Kinder- und Jugendchören auch regionale Chorjugenden und Jugendvertretungen vorgesehen. Die neue Struktur soll also nicht nur von oben entstehen, sondern gerade die Perspektiven aus den Chören vor Ort zusammenbringen.
Der SCV beauftragte die Mitwirkung an der Gründung und sagte der neuen Chorjugend für 2027 bis 2031 jährlich 80.000 Euro Förderung zu. Die Beiträge der Kinder- und Jugendchöre werden künftig an die CJBW weitergeleitet; dafür sind 1,43 Euro pro aktives junges Mitglied vorgesehen. Zugleich bleiben die Chöre Mitglieder des SCV und behalten dessen grundlegende Serviceleistungen etwa bei Versicherung, GEMA und Bestandsmeldung.
Bisherige Doppelstrukturen sollen schrittweise entfallen. Nach der ersten ordentlichen Mitgliederversammlung der CJBW, voraussichtlich im Juli 2027, wird die Chorjugend im SCV aufgelöst. Bis dahin begleitet ihr Vorstand den Übergang kommissarisch gemeinsam mit Vertretern des BCV; der Start der CJBW ist für Januar vorgesehen. Entsprechende Beitrags- und Satzungsanpassungen sollen die neue Zusammenarbeit ermöglichen. Die bisherigen Projekte und Netzwerke sollen dabei nicht verloren gehen, sondern künftig landesweit weiterwirken. Gerade für jüngere Engagierte könnte das neue Dach mehr Austausch über Verbandsgrenzen hinweg eröffnen – und es leichter machen, aus einer eigenen Idee ein gemeinsames Projekt zu entwickeln.
Wahlen, Finanzen und ein neuer Rhythmus
Präsident Dr. Jörg Schmidt und Musikdirektor Nikolai Ott wurden für weitere vier Jahre gewählt. Auch Oliver Paul und der abwesende Gerhard Deixelberger wurden als Rechnungsprüfer gewählt. Die Delegierten bestätigten die Wahlen des Chorjugendtages und damit unter anderem die Wahl von Jan Martin Chrost als neuer Musikdirektor der Chorjugend im SCV. Außerdem wurde die Jahresrechnung 2025 sowie der Haushaltsplan 2027 einstimmig verabschiedet. Der Vizepräsident Finanzen und das Präsidium wurden entlastet.
Wie viel die Verbandsarbeit vor Ort bewirkt, zeigen Zahlen aus 2025: Rund 892.700 Euro Probenpauschale gingen an 1.324 Vereine. Hinzu kamen Projektförderungen und die Übernahme von GEMA-Gebühren. Hinter diesen Summen stehen konkrete Möglichkeiten für Proben, Konzerte und Nachwuchsarbeit. Auch Aus- und Fortbildung sowie die Unterstützung im Ehrenamt bleiben zentrale Aufgaben. Der Tätigkeitsbericht nennt zum Jahresbeginn 2026 insgesamt 55.248 aktive Sänger:innen, darunter 12.976 Kinder und Jugendliche. Diese Zahlen machen deutlich, wie groß die Gemeinschaft ist, für die der Verband Verantwortung trägt. Zugleich gilt es, Mitglieder zu gewinnen, tragfähige Vereinsstrukturen zu schaffen und Menschen für Leitungsaufgaben zu begeistern.
Auch der Chorverbandstag selbst verändert sich: In Wahljahren sollen die Delegierten künftig vor Ort zusammenkommen, in den Zwischenjahren digital. Präsenztreffen bleiben dezentral an wechselnden Orten. Die Veranstaltungen sollen kompakter und dialogorientierter werden, mit mehr Praxis und Austausch und weniger repräsentativen Programmpunkten. Grundlage war eine Mitgliederbefragung mit 208 Teilnehmenden: 59 Prozent befürworteten den Wechsel zwischen Präsenz und digital, 53 Prozent wünschten wechselnde Veranstaltungsorte. Der nächste Chorverbandstag findet digital am 10. Oktober 2027 statt.
Ausblick mit vielen Stimmen
Der Blick reicht schon weiter: 2027 erinnert der SCV in Plochingen an das erste Sängerfest vor 200 Jahren, unter anderem mit einem Chorwettbewerb, einer offenen Bühne und Begegnungsangeboten. Für den Wettbewerb in Plochingen sind unterschiedliche Leistungsstufen und Auswertungsgespräche vorgesehen. So sollen Kinder-, Jugend- und Erwachsenenchöre gleichermaßen angesprochen werden. 2029 folgt das Chorfest in Schwäbisch Gmünd. Neue Materialien für die Chorleitungsausbildung und Beratungsangebote sollen die Vereine zusätzlich unterstützen.
Am Ende blieb weit mehr als eine Reihe gefasster Beschlüsse: die Erinnerung an einen Tag voller Begegnungen, gemeinsamer Klänge und der Freude, zusammen etwas zu bewegen. Den Nebel hatten die Teilnehmenden bereits am Vormittag weggejodelt. Und mit den richtungsweisenden Entscheidungen des Nachmittags wurde auch der Blick in die Zukunft der Chorbewegung ein gutes Stück klarer.




