Christliche Musik im Spannungsfeld zwischen Kulturprotestantismus und Selbstvergewisserung
In dieser Ausgabe der SINGEN steht eine Frage im Zentrum, die Johann Wolfgang von Goethe in Marthens Garten in extenso behandelt: Es ist die Frage, die in die Geschichte als „Gretchenfrage“ eingegangen ist. Die junge Margarete fragt den Faust: „Nun sag’, wie hast du’s mit der Religion?“ Zwar leben wir (noch) nicht in einer laizistischen Gesellschaft, aber haben uns doch in diese Richtung aufgemacht. Der Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung bemerkt einen signifikanten Rückgang von Kirchenzugehörigkeit und religiöser Privatpraxis, attestiert jedoch auch, das Glaube und Religiosität nach wie vor gesellschaftlich prägend sind.
Sicherlich haben auch die meisten Chöre hierzulande immer wieder mit geistlicher Musik zu tun. Sei es in Adventskonzerten, am Volkstrauertag oder auch bei Beerdigungen. Zwangsläufig muss sich der Chor, aber auch jede:r Einzelne immer wieder im Kleinen und Großen mit der Gretchenfrage auseinandersetzen. Glaube und Religion sind, so kann man – denke ich – sagen, in den letzten Jahrzehnten zur reinen Privatsache geworden, frei nach dem Alten Fritz sollte doch jede:r „nach seiner Façon selig werden“. Dabei kondensieren an der Gretchenfrage aber immer wieder weltanschauliche Diskussionen, ob und wie ein weltlicher (oder weltanschauungsneutraler) Chor geistliche Musik aufführen soll und kann; genauso aber auch die Hardcore-Kirchenchöre, die sich unter Umständen weltlicher Musik oder gar Themen aus anderen Konfessionen oder Religionen irrigerweise verwehren.
Oftmals spielt dann das eigene Verhältnis zur Religion eine übergeordnete Rolle: Der Atheist möchte nicht von Gott singen, die bekennende Christin in der Kantorei keine „Walpurgisnacht“ von Felix Mendelssohn Bartholdy aufführen. „Macht euch mal locker!“, würde man beiden gerne zusprechen.
Was zählt zu geistlicher Musik?
Bevor wir uns aber in diese spannende Auseinandersetzung begeben können, bedarf es doch einer Begriffsklärung, nämlich der des Terminus „geistliche Musik“. Genauer betrachtet ist „geistliche Musik“ nicht trennscharf zu den Begriffen „Kirchenmusik“, „sakrale Musik“ und „spirituelle Musik“ zu definieren. Es stellt sich die Frage, ob z.B. die Aufführung einer Triosonate von Johann Sebastian Bach auf der Orgel in einem Gottesdienst dann geistliche Musik sei oder nicht. Sicherlich ist sie im liturgischen Kontext eine Kirchenmusik, verliert das Prädikat aber sofort, wenn sie in einem Konzertsaal erklingt, in dem sonst auch Klaviersonaten von Ludwig van Beethoven gespielt werden. Eine Choralbearbeitung Regers muss dann folgerichtig geistliche Musik sein, aber nicht zwangsläufig Kirchenmusik bleiben – zumindest so lange, wie den Zuhörenden gewahr ist, dass es sich um die Melodie eines protestantischen Chorals mit christlich-theologischem Inhalt handelt. Geistliche Musik ist gemeinhin sehr abhängig vom liturgischen Setting und von der Vergegenwärtigung eines Textes, der gemeinhin als geistlich empfunden wird.
So gelten vermutlich die Volkslieder „Kein schöner Land in dieser Zeit“ oder „Wem Gott will rechte Gunst erweisen“ und vielleicht sogar „Der Mond ist aufgegangen“ im gemeinen Sinn jedoch nicht als geistliche Musik, sondern sprechen aus einer Lebenserfahrung des 18. oder 19. Jahrhunderts, die noch viel stärker von kirchlichen und religiösen Erfahrungen geprägt ist als unsere multikulturelle, multireligiöse und atheistische Welt.
Worauf will ich hinaus? Geistliche Musik ist ein schwieriger Begriff und ich kann mich ihm nur im christlichen Kontext nähern. Erstens, weil ich selbst protestantischer (und im Herzen lutherischer) Kirchenmusiker bin und zweitens, weil ich von spiritueller (Chor-)Musik anderer Religionen lange nicht so viel weiß, wie ich gerne wüsste. Ich mag mich hier täuschen, aber ich glaube, keine andere Weltreligion hat auch nur ansatzweise so viel (Chor-)Musik und Gattungen hervorgebracht als das Christentum. Egal ob es sich um zehntausende Choräle und christliche Lieder, Kantaten, Oratorien, Messen, Requiems und nicht zuletzt auch hunderttausende Motetten handelt: Sie sind Teil unserer Chortradition und unserer Gesellschaft.
Feiertage brauchen Musik
Die Kirche und die christliche Religion prägen nach wie vor unser Zusammenleben, unsere Ferien sind größtenteils an den christlichen Feiertagen orientiert, auch Atheist:innen, Agnostiker:innen und teilweise auch z.B. muslimische Familien feiern in Deutschland Weihnachten, einer konstruierten, heidnischen Mittwinterwende, früher dem Festtag des römischen Sol Invictus zugeschrieben, die terminlich rein gar nichts mit Christi Geburt zu tun hat. Oder substituieren es mit ähnlichen Ritualen. Sie sind gewachsen und nicht gemacht oder verordnet. Und ich bin felsenfest überzeugt: Als Gesellschaft brauchen wir diese Festzeiten! Feiertage strukturieren unser Leben und geben Gelegenheit, miteinander und füreinander da zu sein. Und: Feiertage brauchen Musik, gerade Weihnachten hat seinen ganz eigenen Klang und seine ganz eigene Sprache. Verglichen mit dem 1. Mai oder dem 3. Oktober haben die christlichen Feste völlig andere, transzendentere Topoi.
Distanz und Partizipation
Der Mensch ist und bleibt, davon bin ich überzeugt, auch ein transzendentes Wesen. Über Generationen hinweg, seit Anbeginn der Zeit, will die Menschheit zwei zentrale Fragen beantwortet wissen: „Wo kommen wir her?“ und „Wo gehen wir hin?“. Aus beiden Fragen ergibt sich eine dritte: „Wie gehen wir damit um, dass wir es nicht wissen können und wie verhalte ich mich dazu?“ Vor allem in der letzten Frage hat geistliche Musik eine immense Wirkmacht, die meines Erachtens singulär ist. Geistliche Musik öffnet immer wieder neu Fragen nach dem Sein, sie eröffnet ästhetische Assoziations- und Diskussionsräume. Natürlich sind es oft Bibeltexte, die gesungen werden, aber das Singen fügt dem Wort eine weitere Dimension hinzu. Das Singen im Chor ist, verglichen mit einer Predigt, partizipativer und stellt durch die gedruckten Noten erstmal eine gewisse Distanz zum Text her. Was an Komponiertem gesungen wird, ist für viele Menschen weniger ein persönliches Bekenntnis als vielmehr ästhetische Erfahrung und gemeinschaftliche Auseinandersetzung. Viele Texte, die wir in kirchenmusikalischen Aufführungen von uns geben, zwingen sowohl die Ausführenden wie auch die Zuhörenden zu zentralen Menschheitsfragen, die seit biblischer Zeit alle Menschen umtreiben. Ich denke da beispielsweise an Pilatus im Johannesevangelium (und damit auch in vielen Johannespassionen), der – vielleicht etwas resignierend – fragt: „Was ist Wahrheit?“ Eine Frage, die heute mindestens so aktuell ist wie damals.
Von der Auseinandersetzung und Identifikation mit Texten
Ich sehe – besonders in meinen kirchlichen Chören – nicht wenige Menschen, die sich von der Kirche abgewandt haben und bekennende Atheist:innen oder Agnostiker:innen sind und trotzdem einen tiefen Respekt vor Aufführungen geistlicher Musik haben. Oft werden sie dem kulturprotestantischen Milieu zugeordnet, das es sicher gibt, aber dem man mit dieser Schublade auch Unrecht tut. Natürlich singen sie nicht vornehmlich zum Lob Gottes und zur Verbreitung der „Guten Nachricht“, aber sie singen, weil sie die Auseinandersetzung mit diesen Texten suchen. Sie ist ästhetische Bildung, lädt zum Nachdenken ein und will die Fragen stellen, die unseren Platz in der Welt definieren können. Was eignete sich besser als fast 3.000 Jahre alte, heilige Texte, die vollgesogen sind mit existenziellsten Lebenserfahrungen: Freude, Trauer, Wut, Resignation, Motivation. Ist das nicht auch eine Form von Gottesdienst?
Kritiker dieser „Kulturprotestanten“ treffe ich vor allem im pietistisch-evangelikalen Milieu an, für die Gesang mehr als alles andere Verkündigung und Bekenntnis ist und niemals ästhetisch-kulturelles Handeln allein. In diesem Umfeld haben Gottesdienst und geistliche Musik in meiner Erfahrung vor allem die Funktion der Selbstvergewisserung; sie entbehren in vielen Fällen bewusst einer gewissen philosophisch-theologisch und historisch-kritischen Auseinandersetzung mit den Texten, der Blick richtet sich mehr auf die persönliche Befindlichkeit. Viele leidenschaftliche und engagierte Liedtexte sind Ausdruck dieser persönlichen Gottesbeziehung, auch wenn manchmal darüber vergessen wird, dass Texte wie „Du bist gut“, „Jesus, ich liebe dich“, „Ein Leben für Gott, für ihn allein, das soll mein Leben sein“ für ein Großteil der Gesellschaft sehr weit weg sein kann. Viele Menschen haben auch andere Erfahrungen gemacht mit Menschen, Kirche und Gott. Sie suchen dann, wie ich selbst weiland, die Abgrenzung zu den religiösen Ausdrücken des christlich höchstmotivierten Milieus. Es sind aber genau diese unterschiedlichen Milieus, die sich leider immer wieder gegenseitig die Legitimation absprechen und die geistliche Musik auf beiden Seiten instrumentalisieren.<
Wie also umgehen mit bekennenden Texten, auch mit unbequemen Texten? Ich meine: Ein wenig mehr Lockerheit täte uns allen gut. Die Bibel, die Kirchen, ja die ganze Welt sind eben voller Widersprüche. Geistliches Singen ist nie nur Bekenntnis allein, genauso wie die Aufführung eines Brahms-Requiems nie allein Kunst ist. Sonst dürften ja folgerichtig auch Brahms‘ „Nänie“ nach einem Text von Friedrich Schiller nur von Anhängern der griechischen Götterwelt aufgeführt werden und andersherum.
Auch sind problematische Texte zuhauf zu finden, im Alten wie im Neuen Testament. Die Antijudaismen des Johannesevangeliums oder auch im Libretto des „Paulus“ sorgen zu Recht für ein ungutes Gefühl im Bauch der Aufführenden wie auch der Zuhörer:innen. Sollten wir sie tilgen? Dann müssten wir sie konsequenterweise ja auch in der Bibel tilgen, was bekanntermaßen eher schwer und auch nicht zielführend ist. Führen wir dann diese Texte nicht mehr auf, weil sie durch ihre Entstehungszeit z.B. politisch motiviert waren oder aus konfessionellen Konflikten rühren? Die Texte, wie auch ihre Musik, sind in unserer Welt und wir werden sie nicht los, genauso wenig wie die großen gotischen Kathedralen. Diese Texte können heilen, sie können auch verletzen, manchmal lösen sie einfach auch gar nichts aus. Man lullt sich in sie ein wie in eine Wolldecke und man reibt sich an ihnen wie Wutbürger:innen an Windrädern. Aber sie sind in der Welt, die Texte wollen Lebensaufgabe bleiben. Gehen Sie in diese Musik und in diese Texte wie in eine große, gotische Kathedrale oder eine barocke Kirche! Vielleicht hören Sie sie dann auch atmen und leben.
Wenn das Singen christlicher Texte (zumindest außerhalb der Gottesdienste) als weniger vollumfängliches Bekenntnis wahrgenommen würde, wäre vielen schon geholfen. Letztendlich sind wir doch alle Wandernde im Ungelösten unserer Herzen. Und Rainer Maria Rilke schrieb über genau dieses Ungelöste: „Man muss Geduld haben mit dem Ungelösten im Herzen, und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben, wie verschlossene Stuben, und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind.“
Sie sehen: Ich habe keine Lösung. Aber ich habe die Fragen selber lieb.