Die wenigsten verbinden den Besuch von Fußballstadien mit musikalischem Hochgenuss. Dennoch sind musikalische Elemente und die musikalische Selbstäußerung wesentliche Teile der Stadionerfahrung und werden jede Woche hundert- und tausendfach in Fußballstadien in Form von Fangesängen zu Gehör gebracht Doch warum funktioniert dieses gemeinsame Singen so selbstverständlich? Woher stammen die Melodien der Fangesänge, welche Rolle spielen Emotionen und Gemeinschaft – und sind Stadiongesänge vielleicht sogar eine moderne Form des Volksliedes? Ein Blick auf ein musikalisches Phänomen, von dem auch Chöre etwas lernen können.
Voraussetzungen von Fangesängen
Voraussetzung für die Entwicklung von Gesängen der Massen – ein Verhalten, das sich schon in der Antike nachweisen (inklusive Ausschreitungen) und über Spiele im Mittelalter sowie dann im 19. Jahrhundert bis in die Neuzeit verfolgen lässt – sind die Kombination von Sport, Musik und Menschen. Die Sportart – in der Regel ein Mannschaftssport – muss wechselnde Spannungszustände und Höhepunkte (etwa ein Tor) zulassen. Die Musik muss massenhaft verbreitet und bekannt sein, was durch eine entsprechende einfache musikalische Struktur wie Wiederholungen, keine großen Melodiesprünge, Tonalität, rhythmische Prägnanz befördert wird. Und schließlich müssen diese Sportarten Fangruppen für je eine Mannschaft generieren. Alle diese Merkmale treffen auf den Fußballsport zu.
Fangesänge – Einteilung und Repertoire
Zunächst lassen sich Fangesänge hierarchisieren. Ganz unten stehen „Primärreaktionen“ wie z. B. rhythmisches Klatschen oder Pfeifen, auch in Verbindung mit rhythmischem Sprechen (z. B. „Fußballfans sind keine Verbrecher“). Auf einer nächsten Stufe folgen Kurzgesänge und auf der höchsten Stufe die eigentlichen Gesänge (hier oft auch Neukompositionen). Das Repertoire – vor allem der Kurzgesänge – speist sich aus einer Vielzahl verschiedenster Genres wie Oper, Operette, Oldies, Schlager, Evergreens, wenige aktuellere Titel der Pop-Rockmusik (z. B. „Zieht den Bayern die Lederhosen aus“ auf „Yellow Submarine“ von den Beatles). Dabei greift man auf ein Verfahren zurück, das schon seit dem Mittelalter bekannt ist: Vorhandene Melodien werden mit neuen Texten versehen. Diese Praxis findet sich über die Renaissance und Reformationszeit bis in den Barock, etwa im Parodieverfahren bei Bach.
Gründe für das Singen (in Stadien)
Warum wird nun überhaupt gesungen? Die Stimme transportiert Emotionen und kann zugleich auf andere wirken. Im Stadion richten sich die Gesänge deshalb nicht nur an die eigene Mannschaft, die angefeuert und unterstützt werden soll. Sie können auch dazu dienen, den Gegner einzuschüchtern oder zu provozieren.
Ernst Klusen formulierte 1989 eine Theorie des Singens und nannte ritualisierte Verhaltensweisen, die hierbei eine wichtige Rolle spielen. Er nennt drei Komponenten:
- ein nicht alltägliches Getränk, ein Narkotikum
- eine nicht alltägliche Bewegung, ein Tanz
- eine nicht alltägliche Kleidung, eine Maske.
Diese drei Komponenten schaffen einen Rahmen, in dem auch Menschen ihre Stimme einsetzen, die im Alltag nur selten singen. Alle drei Bedingungen finden sich bei den Fußballfans: Ein oftmals übermäßiger Alkoholgenuss, eine Art ritualisierte Tanzchoreographie (Klatschen über den Köpfen, Werfen der Arme nach vorne, „la ola“-Welle, Hüpfen, tranceartige Zustände) und die Kostümierung (Trikot bzw. weitere Accessoires in den Vereinsfarben) oder Gesichtsbemalung begleiten die Gesänge im Stadion.
Aus psychoanalytischer Sicht kann das Mitsingen dabei helfen, innere Spannungen abzubauen. Durch das Mitschreien können sich aufgestaute Gefühle lösen und Erleichterung entstehen. Bereits das Kleinkind erfährt, dass es durch Schreien Macht ausüben kann. Schreien kann dabei als Ausdruck der Lust oder Unlust gesehen werden. Auf jeden Fall handelt es sich um einen Ausdruck der Gefühle. Diese Funktion wird auch heute noch geteilt. Darüber hinaus gibt es weitere Funktionen. Nach Stadler Elmer lässt sich Singen als eine Form des Spiels verstehen: Es folgt bestimmten Regeln, schafft eine meist positive Stimmung und verbindet Menschen auf persönlicher, sozialer und geistiger Ebene. Durch das Singen lassen sich emotionale Zustände bei sich und anderen erzeugen. Das ständige Wiederholen und Miteinander tragen dazu bei, dass in singenden Gruppen kollektive Gefühle von Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit verstärkt werden. Durch das Singen können sogar ekstatische und tranceähnliche Zustände entstehen, auch jenseits des Alkoholkonsums.
Ein weiterer sozialpsychologischer Aspekt spielt bei Fangesängen eine wichtige Rolle: das „Phänomen der Masse“. Markus Amann beschrieb bereits 1983 verschiedene Merkmale solcher Massenphänomene. Dazu gehört zunächst ein gemeinsames Ziel, etwa Spaß zu haben oder gemeinsam Musik und Getränke zu konsumieren. Hinzu kommt die räumliche Nähe: Berührungsängste nehmen ab, Hemmungen fallen. Gleichzeitig entsteht ein Gefühl von Gleichheit, bei dem individuelle Unterschiede in den Hintergrund treten und sich der Einzelne stärker als Teil der Gruppe wahrnimmt. Gemeinsame Rhythmen, etwa durch Händeklatschen, Rufe und Singen, verstärken dieses Gefühl. Schließlich kann es zu einer „Entladung“ kommen: Normen, die im Alltag gelten, treten zeitweise in den Hintergrund. All diese Merkmale lassen sich auch auf die Situation im Fußballstadion übertragen.
Letztlich kommt also dem gemeinsamen Singen eine hohe soziale und emotionale Bedeutung zu: Zugehörigkeit (starkes Wir-Gefühl, verbindet sofort, auch fremde Menschen), Harmonie (Stimmen passen sich einander an, was Empathie und soziale Bindungen vertieft) und Trost (gibt Miteinanderhalt und fängt negative Stimmungen auf). Ebenso können körperliche und gesundheitliche Effekte nachgewiesen werden wie Glücksgefühle (Ausschüttung von Endorphinen, Dopamin und Bindungshormon Oxytocin), Stressabbau (Spiegel des Stresshormons Cortisol sinkt merklich) oder Stärkung des Immunsystems (verstärkte Bildung von Immun-Botenstoffen).
Fangesänge als neue Form des „Volksliedes“?
Der Musikwissenschaftler Ernst Klusen prägte für eine moderne Form des Volksliedes den Begriff „Gruppenlied“. Dahinter steht die Idee, dass nicht ein ganzes „Volk“ dieselben Lieder singt, sondern unterschiedliche Gruppen jeweils ihre eigenen Lieder haben – etwa bei der Arbeit, bei Feiern oder religiösen Anlässen. Entscheidend ist dabei, dass diese Lieder eine konkrete Funktion erfüllen und Teil des alltäglichen Lebens sind. Beispiele dafür sind das Martins- und Sternsingen, das Singen in der Kirche, Schlaflieder – oder eben das Singen im Fußballstadion.
Fangesänge erfüllen dabei eine konkrete Funktion: Fans drücken ihre Verbundenheit mit dem Verein aus, unterstützen ihre Mannschaft oder rufen ihre „Fußballgötter“ an. Ob das Singen im klassischen Sinne schön klingt, spielt keine Rolle. Es darf laut und gegrölt sein, ist von Leidenschaft und Emotionen geprägt und kommt ohne Leistungsdruck aus. Entscheidend ist das gemeinsame Erlebnis: Das Lied dient der Gruppe.
Damit ähneln Fangesänge traditionellen Formen des gemeinschaftlichen Singens. Welche Musik dafür verwendet wird, ist zweitrangig – die Melodien können aus volkstümlichen Liedern ebenso stammen wie aus bekannten Hits anderer Genres. Fangesänge lassen sich so als eine neue Form des öffentlichen, gemeinschaftlichen Singens verstehen.
Implikationen für Chöre
Auch auf das Chorsingen lassen sich viele der genannten psychologischen und sozialen Aspekte übertragen. Singen kann helfen, Spannungen abzubauen und Emotionen auszudrücken. Gleichzeitig stärkt das gemeinsame Singen das Gemeinschaftsgefühl. Ein gemeinsames Ziel, die Nähe zueinander und das Gefühl, Teil einer Gruppe zu sein, spielen im Chor ähnlich wie bei Fangesängen eine wichtige Rolle. Diese Funktionen könnten Chöre stärker nach außen kommunizieren, zum Beispiel auf ihrer Website – durchaus auch mit einem Verweis auf die Parallelen zum Singen im Stadion. Anregungen bieten Fangesänge außerdem für die Repertoiregestaltung: Bekannte Melodien könnten mit neuen Texten versehen und so für den eigenen Chor genutzt werden.
Auch Choreografien, wie sie im Popchorbereich bereits häufig eingesetzt werden, oder gemeinsame Kleidung und Accessoires können die Identität und das Zusammengehörigkeitsgefühl eines Chores stärken. Ebenso stellt sich die Frage, wie Situationen geschaffen werden können, in denen Menschen möglichst ungezwungen und ohne Hemmungen singen – zum Beispiel bei offenen Singangeboten.
Welche dieser Ansätze zu einem Chor passen, hängt von der jeweiligen Situation ab. Chöre und ihre Leiter:innen sollten deshalb gemeinsam überlegen: Was können wir vom Phänomen Fangesänge lernen und auf unseren eigenen Chor übertragen? Vielleicht lohnt es sich, dabei auch einmal neue Wege auszuprobieren.
Prof. Dr. Georg Brunner
Georg Brunner ist seit 2005 als Professor für Musik und ihre Didaktik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg tätig. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich der Unterrichts- und Lehr-/Lernforschung, Themen der Musiksoziologie (z.B. Jugendkulturen, Musik der rechten Szene, Fangesänge) sowie der Lehrerfortbildung. Seit 2016 ist er Prorektor für Lehre und Studium an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Im April 2024 trat er in den Ruhestand.
Literatur
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