Der Wortherkunft aus dem Griechischen nach steht die Psyche für die Seele, „soma“ für den Körper – ist also von Psychosomatik die Rede, dann geht es um das ganzheitliche Zusammenspiel. „Gerade als Sänger:in ist es ja auch wichtig, auf seinen Körper zu hören. Und wenn es mir körperlich nicht so gut geht, dann schlägt mir das auch schnell mal auf meine Psyche – da gibt es ständig Wechselwirkungen“, sagte Matthias Klosinski, Professor für psychische Gesundheit und selbst professioneller Sänger im Interview mit der SINGEN (siehe 11/24).
Emotionen als Bereicherung sehen und zulassen
Menschen sind keine Maschinen. Unsere Gefühle, Emotionen – Empathie, echte Freude, echtes Mitgefühl, ehrliche Enttäuschung – sind, was uns als Menschen ausmacht, was uns lebendig macht und uns am Leben hält. Sie zu kontrollieren, ist für viele Menschen nicht nur ein Ziel, sondern ein unverzichtbarer Ausdruck von Stärke. Weinende Männer gelten gesellschaftlich immer noch viel zu weit verbreitet als bemitleidenswerte Softboys. Dabei lassen sie nur zu, was sich wohl eigentlich alle im Umgang miteinander wünschen: Offenheit, Aufrichtigkeit und Nahbarkeit. Werden Menschen, die ihren Emotionen freien Lauf lassen, nicht sowieso als glaubwürdiger und sympathischer wahrgenommen?
Beim Musizieren im Amateurbereich geht es in der Regel nicht um Medaillen, Bestnoten und Ranglisten; es steht kein berufliches Engagement auf dem Spiel, wie es bei den Vorsingen im Profigeschäft der Fall ist. Vielmehr steigen Chöre und das Publikum für ein Konzert in ein emotionales Karussell. Wer sich auf Klänge, Harmonien, Texte und die Umsetzung ihrer Vertonung im Kontext aller Parameter von Besetzung, Anlass, Ort und Zeit einlässt, erfährt oft ein Wechselbad der Gefühle. Diese nicht – mitunter sogar krampfhaft – verstecken zu wollen, sondern wahrnehmbar zuzulassen, ist keine Schwäche, sondern Ausdruck des Menschseins. Widerfährt dies einer singenden Person auf der Bühne, wird jener Auftritt vielleicht erst dadurch für die Zuhörerinnen und Zuhörer besonders berührend und bereichernd.
Sich bewusst zu machen, dass eine perfekte Leistung ohne ehrliches Gefühl einen vermutlich weniger befriedigenden Nachhall haben wird – bei sich selbst und anderen! –, als eine lebendig gefüllte und gefühlte Darbietung, befreit jede:n Akteur:in von lästiger Nervosität. Natürlich sollte der Ehrgeiz, den im Moment bestmöglichen Auftritt hinlegen zu wollen, damit nicht geschmälert werden. Aber diese Sichtweise relativiert so manch übernatürliche Erwartung und rückt Prioritäten zurecht.
Verschiedene Anti-Stress-Methoden
Um der Nervosität die Stirn zu bieten, gibt es unterschiedliche Herangehensweisen und Methoden. Welche für sich selbst passt, kann man nur durch Ausprobieren herausfinden, denn einen Königsweg, der für alle Menschen garantiert funktioniert, gibt es freilich nicht. Vermutlich wird es eine Kombination aus verschiedenen Techniken sein, die dem Ziel entgegenführt. Drei Anregungen.
1. Autogenes Training
Der griechischen Wortherkunft nach bedeutet autogenes Training etwa „aus dem Selbst entstehendes Training“. Gezielte Übungen können Muskeln und Gefäße entspannen, harmonisierend und beruhigend auf die Atem- und Herztätigkeit einwirken und die Aufmerksamkeit auf die bewusste Körperwahrnehmung lenken. Ziel ist es, durch Autosuggestion einen meditativen, etwa selbsthypnotischen Zustand zu erreichen, so dass der Körper Ruhe finden und Stress abbauen kann.
Kostenlosen Zugang zu detaillierten Informationen und Übungen bieten zum Beispiel die allermeisten Krankenkassen online, manche übernehmen sogar Kosten für entsprechende Kurse.
2. Hinterfragen, einordnen, relativieren
Ob man im entscheidenden Moment –Leistung zum Beispiel bei einer Solopassage – abrufen kann, ist oft vom Kontext abhängig. Um die Nervosität zu bändigen, lässt sich am Konzerttag durch eigenes Hinterfragen im Vorfeld einordnen, was überhaupt möglich ist und was man realistisch von sich selbst erwarten darf.
– Wie bin ich zum Solo gekommen? Habe ich den Mund zu voll genommen und muss jetzt halt liefern? Oder wurde mir das Solo zugeteilt?
– Kann ich heute überhaupt meine Kapazitäten ausschöpfen oder bin ich gesundheitlich angeschlagen?
– Bin ich mit der Konzentration voll da oder geistern mir andere Gedanken durch den Kopf, weil mich privat oder beruflich etwas belastet?
– Bin ich gut vorbereitet? Habe ich das Solo entsprechend geübt? Hat es in den Proben geklappt? Bin ich mit dem Ablauf sicher vertraut und weiß genau, wann ich dran bin?
Denn meist macht man sich selbst den größten Druck. Im Vorfeld etwas zu relativieren, kann strategisch klug sein: Tief stapeln, um das Gegenteil zu bewirken – auch dann, wenn man die „Ausrede“ vor sich selbst neutral betrachtet eigentlich nicht gelten lassen würde. Man kann sich, wenn man sich nicht fit fühlt, zum Beispiel denken: „Ich kann heute ja gar nicht 100 Prozent abliefern, weil ich körperlich nicht ganz gesund bin / weil ich noch die Erkältung von neulich spüre. Ich gebe das Beste, was unter diesen Umständen eben möglich ist.“ Mit einer solchen Herangehensweise bleibt man hochmotiviert, konzentriert und ambitioniert, setzt aber die Messlatte etwas herunter und erwartet nicht das utopische Optimum. Oder wie es der promovierte Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Matthias Klosinski, sagt: „Die Strategie wäre, die Relevanz des Einzelereignisses ein bisschen herunterzuschrauben.“
Maßgebend für die eigene Erwartungshaltung sollte sowieso nie mehr sein als das, was man selbst beim Üben und in den Proben erreicht hat – ähnlich wie bei Sportler:innen: Klar kann man über sich hinauswachsen, wenn es drauf ankommt und alles zusammenpasst. Aber ob ein:e Athlet:in zufrieden ist, ermisst er/sie meist daran, ob er/sie die Trainingsleistungen im Wettkampf bestätigen konnte.
3. Routine
Erfahrung zeigt, dass Routine – gerade für Menschen, die es nicht gewohnt sind, im Rampenlicht zu stehen – enorm viel kompensieren kann. Einen Ablauf immer und immer wieder zu repetieren, erzeugt Sicherheit. Und wenn es in den Proben zunächst schiefgeht, dann bekommt man gleich bei der Wiederholung die nächste Chance. Und noch eine. Mit jedem Mal wird es souveräner. Durch die gleichen Abläufe gewinnt man Sicherheit: Kopf und Körper lernen kennen, was auf sie zukommt, werden damit vertrauter, mischen irgendwann ein bisschen Autopilot bei. Auch deshalb ist es ratsam, nach Möglichkeit nicht nur die Anspielprobe, sondern auch Haupt- und Generalprobe am Konzertort abzuhalten.
Schlussfolgerung
Auch wenn es vielleicht abgedroschen klingt, darf man folgendem Sprichwort wirklich Glauben schenken: „Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen!“ Selbst wenn trotz aller Versuche die obigen Hilfestellungen erstmal nichts nutzten, die Nervosität siegte und im Konzert das eine oder andere schiefgegangen ist, heißt das nicht, dass alle Mühe umsonst war und man schlecht und machtlos ist. Wenn etwas nicht so funktioniert hat, wie man es sich vorgestellt hat: Einfach nochmal probieren und nochmal! Denn Routine hilft nicht nur innerhalb der Konzertsituation, sondern auch mit Blick aufs Gesamte. Vielleicht war die Bühne für ein Solo auf Anhieb „zu groß“? Dann empfiehlt sich langsames Herantasten: Ein Auftritt im Wohnzimmer vor der Familie, dann einer bei Freunden, bei einer kleinen Feier usw. Denn: In jedem neuen Versuch steckt eine neue Chance!

