40 Jahre am Dirigentenpult: Lothar Sigloch hat die Liederlust Mettingen musikalisch und menschlich entscheidend geprägt. Für MET ist er längst weit mehr als ein Dirigent.
Vor rund zehn Jahren studierte Lothar Sigloch mit MET das Lied „Wir hatten eine gute Zeit“ ein. Was damals nur wenige wussten: Für ihn war es bereits ein leiser Gedanke an den Abschied. Doch die Rechnung hatte er ohne seinen Chor gemacht. Die Sängerinnen und Sänger wollten sich ihren Dirigenten nicht nehmen lassen. Und so kam alles anders. Heute, vier Jahrzehnte nach seinem Amtsantritt, sind sie froh und dankbar, dass Lothar noch immer vor ihnen steht.
40 Jahre Dirigent zu sein, ist eine außergewöhnliche Leistung. Lothar selbst hatte zu Beginn seiner Laufbahn wohl kaum damit gerechnet, so lange zu bleiben. Dabei begann alles schon mit einer besonderen Herausforderung: Bei einem Auswahlverfahren setzte er sich gegen drei Mitbewerberinnen durch. Das Lied seiner Probesingstunde? „Kalinka“. Warum es ausgerechnet dieser Titel war, weiß heute niemand mehr so genau.
Schon zwei Jahre später wartete mit dem 100-jährigen Vereinsjubiläum die erste große Bewährungsprobe auf den jungen Dirigenten. Große Konzerte, der Besuch des Partnerchors MGV Dellach aus Kärnten, Festtage im Zelt auf dem Mettinger Sportplatz und ein großer Festumzug verlangten viel Organisation und musikalisches Können. Lothar meisterte diese Aufgabe und sollte den Verein noch durch viele weitere besondere Momente begleiten.
Mehr als Dirigent: Mitgestalter des Chores
Lothar hat die Liederlust nicht nur musikalisch geleitet, sondern auch entscheidend mitgestaltet. Eine seiner wichtigsten Weichenstellungen war 1989 die Gründung von MET als zusätzlicher Chorgruppe neben dem Stammchor. Mit modernerer Chorliteratur eröffnete er neue musikalische Wege und schuf eine Möglichkeit, jüngere Sängerinnen und Sänger für den Verein zu begeistern und langfristig zu halten. Diese Weitsicht prägt die Liederlust bis heute. Auch die Lilukids, der Kinderchor des Vereins, standen anfangs unter seiner Leitung.
Auch abseits klassischer Chorkonzerte ließ sich Lothar auf ungewöhnliche musikalische Abenteuer ein. Bei fünf Esslinger Stadtopern wirkte der Chor unter seiner Leitung an kreativen und mitunter skurrilen Produktionen mit. Die sogenannte Abwassersuite, eine aus Bierkästen gebaute Stadt, fußballbegeisterte Eltern und Bewohner eines Altenheims gehören zu den Erinnerungen, die den Beteiligten bis heute ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Die letzte Produktion führte den Chor für weitere Aufführungen sogar ins Stuttgarter Theater Rampe. Lothar begleitete das gesamte Werk am Klavier und „musste“ so jede Aufführung vollständig miterleben, während sein Chor zwischendurch auch einmal längere feuchtfröhliche Pausen genießen durfte.
Mehr als nur Proben: Gemeinsame Erlebnisse
Unvergessen sind die Konzertreisen in die amerikanische Partnerstadt Sheboygan. 1990 reiste MET erstmals über den Atlantik und begeisterte bei mehreren Auftritten das Publikum. Besonders das Konzert im Fountain Park vor Hunderten von Zuschauern ist in Erinnerung geblieben. Beim zweiten Besuch 1995 wurde nicht nur gemeinsam musiziert, sondern auch gefeiert: Lothar beging seinen 40. Geburtstag in einer Bar in New York.
Wie lebendig die gemeinsame Geschichte bis heute ist, zeigte auch die Chorreise nach Prag im vergangenen Jahr. Drei Nächte lang waren die Sängerinnen und Sänger mit Familie und Freunden unterwegs. Und wo immer sich eine Gelegenheit bot, wurde gesungen: im urigen Gewölbekeller einer Brauerei, in einer Kirche, im Wallenstein-Garten und sogar auf einem Schiff auf der Moldau. Die spontanen Gesangseinlagen begeisterten nicht nur die Mitreisenden. Touristinnen und Touristen aus aller Welt zückten ihre Handys, um die unerwarteten musikalischen Momente festzuhalten. Es sind Erlebnisse wie diese, die zeigen, was MET ausmacht: die Freude am gemeinsamen Singen und ein Zusammenhalt, der weit über die Chorproben hinausreicht.
Zu diesem Miteinander gehören auch die jährlichen Probenwochenenden, bei denen sich MET intensiv auf das Sommerkonzert vorbereitet. Dabei wird konzentriert an den Liedern gefeilt, bis Einsätze, Klang und Ausdruck stimmen. Doch neben der musikalischen Arbeit bleibt immer Raum für Geselligkeit: für gemeinsame Mahlzeiten, Gespräche, Lachen und spontane Gesangseinlagen. Beim Probenwochenende im Kloster Roggenburg im Juni dieses Jahres wurde sogar der Badesee zur kleinen Außenbühne, als beim Wassertreten weitergesungen wurde. Solche Momente zeigen, dass musikalischer Anspruch und Freude an der Gemeinschaft bei MET zusammengehören.
Mehr als Einsatz: Gelebte Verbundenheit
Wer die vergangenen vier Jahrzehnte überschlägt, kommt laut der Laudatio auf rund 3.200 Singstunden und 320 Veranstaltungen. Dazu zählen Konzerte, Faschingsauftritte, Gemeindenachmittage, Gottesdienste, Gedenkfeiern, Ausflüge, Probenwochenenden und vieles mehr. Und all das umfasst noch nicht einmal vollständig die umfangreiche Vor- und Nachbereitung.
Lothars Engagement ist längst auch ein Familienprojekt. Seine Frau Eva singt ebenfalls im Chor, seine Kinder haben schon mitgesungen oder als Schlagzeuger mitgewirkt, und sogar Enkelkinder waren bereits bei Chorproben dabei. Über die Jahre ist so eine enge Verbindung zwischen Familie, Musik und Vereinsleben entstanden.
Besonders schätzen die Sängerinnen und Sänger seine Verlässlichkeit, sein Pflichtbewusstsein und seine Loyalität. Seine Einsatzbereitschaft ist legendär. Was bleibt, ist die große Dankbarkeit für einen Menschen, der unzählige Stunden, viel Geduld und starke Nerven in die gemeinsame Musik investiert hat.
Für sein 40-jähriges Wirken erhielt Lothar Sigloch die Ehrennadel in Silber des Deutschen Chorverbands. Diese Auszeichnung würdigt nicht nur vier Jahrzehnte am Dirigentenpult, sondern auch vier Jahrzehnte musikalischer Entwicklung, gemeinsamer Erlebnisse und gelebter Gemeinschaft.
Für die Sängerinnen und Sänger ist MET ohne Lothar kaum vorstellbar. Er hat den Chor nicht nur dirigiert, sondern entscheidend mitgestaltet. Und damit schließt sich der Kreis zu jenem Lied, das vor rund zehn Jahren vielleicht schon ein Abschied hätte sein sollen: „Wir hatten eine gute Zeit“. Für MET ist diese gemeinsame Geschichte noch lange nicht zu Ende.





