Sexismus und seine Grenzen in der Hobbychor-Szene
Die Vorbereitung auf diesen Text endet mit einer Reihe von Absagen. Sänger:innen, Chöre, Chorleiter:innen: Zum Thema Gleichberechtigung und Sexismus im Hobbychor-Bereich möchte niemand mit mir sprechen. Begonnen hat alles mit einer Google-Suche. „Sexismus Amateurmusik“. Keine wirklichen Treffer. Ich stoße auf ein musik-soziologisches Forschungsprojekt, in der das Thema Sexismus im Hip Hop gestreift wird. Sonst sieht es dünn aus zum Thema Sexismus in der Chormusikszene und über Perspektiven der Gleichberechtigung.
Protokoll einer Recherche.
23.8. Erste Gedanken zum Thema
Die komplizierte Recherche scheint symptomatisch. Die Sexismus-Debatte ist seit den großen Hollywoodskandalen von 2016 allgegenwärtig. Und meine gefühlte Wahrheit sieht so aus: Es gibt drei große Pole. Die einen sind absolut genervt von der ganzen Debatte und können den Wirbel nur schwer verstehen. Die anderen verstehen sich als Feminismus-Aktivistinnen und wollen den kompletten Umbruch, sofort, kompromisslos. Und dann gibt es die dazwischen, die der Sexismus nervt, wütend […]
Eine Frage der Einstellung – auch im Chor
Geschlechtergleichheit – ein in Deutschland theoretisch weitestgehend erreichtes Ziel, in der Praxis aber oftmals nur marginal vorhanden: Diskriminierung im Kleinen wie im Großen sind an der Tagesordnung, nicht selten nahezu unbemerkt, im Einzelfall oft nicht böse gemeint, aber dennoch vorhanden – mit großen Auswirkungen auf viele Menschen. Von der Geschlechtergerechtigkeit sind wir also de facto noch ein gutes Stück entfernt.
Bei einem so abstrakten Ziel wird der persönliche Einfluss auf dessen Erreichung gerne übersehen. Jedoch besteht das Zusammenleben und –wirken von Menschen hauptsächlich aus vielen, vielen kleinen Situationen, die zusammen ein großes Ganzes ergeben – wo, wenn nicht in diesen kleinen Schritten, könnte angesetzt werden, um das große Ganze zu beeinflussen?
Aus diesem Grund möchten wir uns damit beschäftigen, wie wir als Chormenschen diesem Ziel in unserem musikalischen Kontext einen Schritt näherkommen können – dabei soll es schwerpunktmäßig um kommunikative Aspekte gehen. […]
Wie sieht es aus mit Gleichstellung in der Musik?
Als ich klein war, wurde ich in Röcke gesteckt, mit 24 bekam ich einen rosafarbenen Schlafanzug. Rosa, damals die Mädchenfarbe. Ich und rosa?
Damit sind wir beim ultimativen Klischee gelandet: Wie kann man einen solchen Artikel schreiben, ohne ins Klischee zu verfallen? Wie ist es, wenn die Realität doch auch immer wieder dem Klischee entspricht? Schließlich werden Klischees aus der Realität geboren. Wie kann man den Text schreiben, ohne in Schwarz-Weiß zu verfallen und die ganzen Grautöne dazwischen zu vergessen? Und die gibt es, sonst hätte ich als Frau nicht die Chance, die Position auszufüllen, die ich innehabe als künstlerische Leitung des Pilotprojekts Chorakademie Baden-Württemberg. Sonst gäbe es nicht so viele Frauen, die gerade im Chorbereich als Dirigentinnen und somit in Führungsverantwortung arbeiten.
Und doch gibt es da berechtigterweise: Das Klischee. Den Vorwurf, dass Frauen zu emotional seien – alle Frauen? […]
Wie kann man Gremien zeitgemäß besetzen
Nicht nur auf dem CDU-Parteitag in diesem Sommer ist die Frauenquote immer wieder Thema. Die Deutsche Chorjugend hat sich bereits in den letzten Jahren intensiv mit unterschiedlichen Formen der Vorstandsarbeit auseinander gesetzt. Das Ergebnis: Ein Vorstandsteam, das auch laut Satzung neue Wege geht, Vielfalt als Grundgedanken setzt und möglichst viel Beteiligung bei fachlicher Eignung erreichen möchte. Mira Falthauser, Vorsitzende der Deutschen Chorjugend erklärt das System und warum es für sie ein Modell für die Zukunft ist.
Obwohl sie es nicht sein sollte, ist für mich eine Geschlechterquote ein wichtiger Schritt in Richtung Gleichberechtigung. Und genau das ist essentiell: Es geht um Gleichberechtigung, nicht wie häufig um Gleichstellung. Artikel 3 des Grundgesetzes stellt diese eigentlich schon seit mehr als 70 Jahren grundlegend fest, doch wie wir alle wissen, sind wir davon an manchen Ecken noch weit entfernt. Deshalb ist die Einrichtung von Frauenquoten durch […]
Wie beim Singen die Unterschiede bereits beginnen und was man dagegen machen kann
Himmlisch. Engelsgleich. Von einer anderen Welt. Weltbekannte Knabenchöre wie die Regensburger Domspatzen, der Tölzer Knabenchor oder die Windsbacher werden gerne mit diesen Adjektiven assoziiert. Was nicht in den überirdischen Klang hineinzupassen scheint: Mädchenstimmen. Gibt es wirklich Klangunterschiede oder sind das alles nur Klischees? Über Traditionen, Kunstfreiheit und Männerdomänen.
Im Jahr 2019 sorgte ein Fall am Berliner Verwaltungsgericht für Furore in den Feuilletons: Eine Rechtsanwältin verklagte den Staats- und Domchor Berlin, einen reinen Knabenchor, weil sie ihre Tochter diskriminiert sah. Als das damals elfjährige Mädchen den Wunsch äußerte im Chor mitzusingen, schrieb die Rechtsanwältin an den Betreiber des Chors. Die Antwort? Klar und eindeutig:
„Ihr Wunsch ist aussichtslos. Niemals kann ein Mädchen in einem Knabenchor mitsingen. Genauso wie eine Klarinette nicht in einem Streichquartett spielen kann.“
Das aber wollte die Mutter nicht hinnehmen und zog vor Gericht. Ihr Argument: […]
Stimmbildung im Chor
Vielleicht ist Ihnen das Nachsingen im Chor oder in der Stimmbildung auch schon einmal schwergefallen? Oder Sie hatten den Eindruck, bei einer bestimmten oder einem bestimmen Stimmbildner:in hat das besser oder schlechter geklappt? Warum ist das so und welche Faktoren beeinflussen das? Man könnte meinen, es hänge vom Geschlecht des/der Stimmbildenden bzw. des/der Gesangslehrenden ab. Können Mädchen im Kindesalter besser Frauen nachsingen und Jungen besser einem Mann?
Die Stimme: das vielleicht intimste Instrument, das ein Mensch haben kann. Kein anderes Instrument ist so persönlich, so zu 100 Prozent das Eigene. Man kann sie nicht ausleihen oder wechseln, wenn sie einem nicht gefällt. Sie ist direkter Ausdruck von Emotion.
So persönlich, einzigartig und individuell jede menschliche Stimme ist, so ist es auch der Zugang zum Singen und der eigenen Stimme für jede Sängerin und jeden Sänger. Ein so individuelles Instrument braucht auch eine ganz individuelle Ausbildung.
Eine große Verantwortung
Diese […]
Von Fräulein Emilie und anderen emanzipierten Landsmänninnen
Aus einem Männergesangverein einen gemischten Chor machen? Eine Frau als Chorleiterin einstellen? – Früher eine heikle Frage, heute eine Selbstverständlichkeit.
Frauenchöre gab es schon seit der Antike, sie wirkten allerdings oft nur im Hintergrund, im privaten Bereich oder hinter dicken Mauern, etwa in Frauenklöstern. Es gab natürlich Ausnahmen, z. B. die Mädchen- und Frauenchöre der Venezianischen Ospedali (Waisenhäuser), wo dem weiblichen Geschlecht das Singen als Verdienstmöglichkeit beigebracht wurde. Ab dem 19. Jahrhundert wurden dann Frauenchöre in städtischen Musik- und Oratorienvereinen üblich. Man hat sie dort schon wegen der entsprechenden Chorliteratur benötigt.
Das Thema „Männer und Frauen im Verein“ hatte auch heikle Seiten. In den politisch orientierten bürgerlichen Männergesangvereinen durften die „Weibspersonen“ weder mitreden noch mitsingen. Dort hat man sie nur als Helferinnen in Sachen Wohltätigkeit geschätzt, oder als schmückendes Beiwerk, als Festdamen.
Um die Kunst […]
Eine neue Ausbildungsreihe für die Amateurmusik im Land
Das Ehrenamt ist wichtig für den gesellschaftlichen Zusammenhalt: Wie wichtig – das wurde spätestens in der Pandemie deutlich. Um es zu stärken und die Zukunft der Vereine zu sichern, sind Professionalisierung der Vorstandsarbeit und Qualität in der Fortbildung unerlässlich. Im Auftrag des Landesmusikverbandes Baden-Württemberg (LMV) wurde dazu in zweijähriger Arbeit die Weiterbildung EMA – Ehrenamt-Management entwickelt. In Herbst geht es mit ersten Fortbildungsangeboten an den Start.
Ohne Leidenschaft, Ideen und persönliches Engagement ist Ehrenamt nicht denkbar. Um einen Verein mit Leben zu füllen, seine Existenz und Zukunft zu sichern, braucht es aber mehr als Herzblut. Es bedarf einer Professionalisierung der Vorstandsarbeit, die mit passgenauen Managementinstrumentarien erreichbar ist. Schließlich sind viele Vereine im Hinblick auf ihre Strukturen und Prozesse mit mittelständischen Unternehmen vergleichbar. „Wir brauchen in der Amateurmusik nicht nur bei den Chor- und Orchesterleiterinnen und – leitern, den Instrumentallehrerinnen und – […]







